Kreuzfahrt zum Nordkap : Die Freude an der Dämmerung

Hurtigruten wirbt mit der "schönsten Kreuzfahrt der Welt". Im Winter aber sind viele Schiffe halbleer. Dabei kann Norwegen dann so reizvoll sein.

Blaue Stunde in Honningsvag.
Blaue Stunde in Honningsvag.Foto: Hella Kaiser

Zum Glück gibt es diese dicken Overalls an Bord. Ohne sie hält es, jetzt im Winter, kein Mensch aus an Deck des Arctic Explorers „Leonie“. Aber: Wer Wale beobachten will, muss der Kälte trotzen. „Erst seit ein paar Jahren halten sich die Tiere wieder in den Gewässern vor Tromsø auf“, erklärt Expertin Liga.

Warum sie Jahrzehnte wegblieben und sich nun in den Wintermonaten wieder einfinden, weiß niemand so genau. Vielleicht hatten sie vergessen, dass sie hier nur das Maul aufsperren mussten, um satt zu werden. So viele Heringe!

Zu Beginn der Tour hatte Liga allerdings gewarnt: „Wir können nicht garantieren, ob Sie heute Wale sehen. Die Natur ist unberechenbar.“ Aber nun, gut eine Stunde später, kann man sie ohne Fernglas beobachten. Wie nah sie sind. Liga gibt Tipps fürs Fotografieren. „Wenn der Rücken krumm wird, abdrücken, dann haben Sie die Flosse drauf.“ Schön wär’s. Meine Knipsergebnisse: graues Wasser.

Manche bekommen auch mal etwas vom Walkörper aufs Bild, aber die herrliche Schwertflosse? Die Tiere bewegen sich eben nicht in Zeitlupe. „Jeder Wal sieht anders aus“, sagt Liga. Unter der Flosse befände sich immer eine ganz individuelle Maserung. Sei’s drum. Kamera weg – und einfach schauen. Prägt sich alles ein.

"Welch ein herrliches Land!", schrieb Nansen

Als die „Leonie“ gegen 14 Uhr in den Hafen zurückkehrt, dämmert es bereits. In der „Storgata“, der beliebten Einkaufsstraße von Tromsø, sind alle Lichter angeknipst. Hell erleuchtet präsentiert sich ein neues gläsernes Gebäude. Darin Bücherregale auf drei Etagen, Menschen sitzen da – und lesen.

„Früher gab’s hier ein Kino“, sagt Ellen vom Nordnorwegen Tourismus. Zuletzt hatte es nur noch wenige Zuschauer – und man überlegte, was an seine Stelle kommen sollte. Überall sonst in der Welt wäre in so exponierter Lage wohl ein schickes Hotel entstanden. Oder eine Mall. Und was bauen sie in Tromsø? Eine Bibliothek. Glückliches Norwegen.

Grafik: TSP/Gitta Pieper-Meyer

Und dann haben sie auch noch diese Landschaft. Der Forscher Fridtjof Nansen schrieb 1897 über seine Reise mit der „Fram“: „So fuhren wir dann (...) zwischen Sunden und Inseln hindurch längs der norwegischen Küste nach Norden. Welch ein herrliches Land! Ich möchte wissen, ob es in der ganzen Welt ein Fahrwasser gibt wie hier.“ Wer die Hurtigrutenlinie bucht, kann sich die Frage selbst beantworten. Aber macht eine Fahrt im Winter Sinn? Mit wenigen Stunden Helligkeit?

Gegen 23 Uhr soll sich das Nordlicht zeigen

Punkt 18:30 Uhr legt die „Midnatsol“ in Tromsø ab. 1000 Passagiere könnte das Schiff transportieren. Wer nicht will, muss auf der „Fähre“ kein Bett buchen. 298 Kabinen stehen zur Verfügung, aber nun sind sie nicht einmal zur Hälfte belegt. Sogar im kreisrunden Restaurant auf Deck 5, wo sie heute Abend ein köstliches Menü servieren, sind noch Plätze frei.

Und nach dem Dinner? Der Bordshop ist schnell inspiziert, von der Panorama-Lounge aus auf Deck 8 starrt man in tiefschwarze Nacht, und die Drinks in der Paradis Bar haben trotz günstigerer Krone noch ihren happigen Preis.

Einige junge Deutsche spazieren unschlüssig umher. Eine 30-jährige Hamburgerin findet es „ziemlich langweilig an Bord“. Keine Animation, keine Disko, keine Musik. Wie vertreibt man sich die Zeit bis zur erhofften Attraktion am Himmel? Nordnorwegen wirbt doch vollmundig mit dem Nordlicht. Gegen 23 Uhr soll es sich zeigen.

Also: dicke Jacke angezogen, Schal umgebunden, Mütze aufgesetzt und Handschuhe übergestreift. Bereit fürs Deck. Dort pfeift ein kalter Wind. Unter den Stiefeln ist es aalglatt, eine dünne Eisschicht bedeckt den Boden. Wer draußen steht, legt den Kopf in den Nacken und starrt zum Himmel. Alles dunkel. „Gegen ein Uhr haben wir gute Chancen, es zu sehen“, sagt einer. Nur zwei, drei Hartgesottene halten so lange durch.

Wo sich alle Touristen fotografieren lassen: Weltkugel am Nordkap
Wo sich alle Touristen fotografieren lassen: Weltkugel am NordkapFoto: Hella Kaiser

Von Hammerfest bekommt niemand etwas mit. Dort legt die „Midnatsol“ um 5:15 Uhr an – und eine Dreiviertelstunde später wieder ab. Außer ein paar Lichtern am Kai hätte man eh nichts gesehen. Anders in Havøysund, das um 8:45 Uhr erreicht wird. Wir sehen einige bunt angestrichene Holzhäuser, dick eingemummelte Menschen, Kartons und Paletten, die vom Schiff getragen werden.

Manche Passagiere nutzen die halbe Stunde Aufenthalt, um von Bord zu gehen. Sie eilen davon, um dann jene Position zu finden, von der sich die „Midnatsol“ am besten fotografieren lässt. Vielleicht hat Havøysund im Sommer pittoreske Ecken, im Winter verbergen sie sich. Wie leben die Menschen in diesem Ort? Macht sie der Winter trübsinnig, feiern sie Feste, sind sie in den Süden ausgebüxt? Niemand da, der die Fragen beantworten könnte.

Zwei Stunden später stoppt das Schiff in Honnigsvag. Hier bleibt kein Passagier an Bord. Alle haben offenbar den Ausflug zum 44 Kilometer entfernten Nordkap gebucht. Mehrere Busse schlängeln sich daher hintereinander auf der schmalen Straße. Der Asphalt schlummert unter einer festgefrorenen Schneedecke. Kein Wölkchen am bläulich-rosa schimmernden Himmel.

Das Wichtigste: den Stempel für die Postkarten abholen

Am Plateau angekommen, hasten die Menschen zum Denkmal mit der Weltkugel. 1978 wurde es hier aufgestellt. Und alle wollen darunter fotografiert werden. Nicht auszudenken, wie es hier im Sommer sein mag. Die beiden – im Winter geschlossenen – Hotels in Honnigsvag sind für die kommende Saison schon ausgebucht.

Weil es so stürmt, fliehen die meisten schnell in die Nordkap-Halle. In dem riesigen Bau gibt’s eine Multivisions-Show über die Region im Wechsel der Jahreszeiten, die nördlichste ökumenische Kapelle und – natürlich – ein Café. Das Wichtigste: den berühmten Stempel für die Postkarten abholen.

Als die „Midnatsol“ um 14:45 Uhr ablegt, schimmern die Lichter des Ortes schon wieder fast im Dunkeln. Noch ein paar Stunden bis zum Dinner. Die Ruhe der Natur scheint sich auf die Passagiere zu übertragen. Selbst die unruhigen Geister scheinen sich in ihr Schicksal zu fügen.

Nur gegen 21 Uhr wird’s noch mal munter: „An Backbord sehen wir gleich die MS „Lofoten“, Baujahr 1964, das älteste Schiff der Hurtigrutenlinie,“ verkündet der Kapitän per Lautsprecheranlage. Viele eilen deshalb an Deck. Und tatsächlich, da taucht das kleine Postschiff auf und gleitet ebenso schnell vorüber. Die „Midnatsol“ tutet laut, die „Lofoten“ btutet, etwas leiser, zurück. Rührend.

Die Reise endet am nächsten Morgen in Kirkenes. Das Gepäck der meisten Passagiere wird in Busse verladen, die gleich zum Flughafen fahren. Lieber würde man auf der „Midnatsol“ bleiben. Fünf Tage braucht sie bis nach Bergen. Erholung pur.

Zwölf Tage Bergen-Kirkenes und zurück ab 1390 Euro. Buchung im Reisebüro oder bei Hurtigruten, Hamburg, Telefon: 040/87 40 83 58.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben