"Ihr müsst unbedingt Mount Rushmore sehen"

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Mit dem Wohnmobil durch die USA : Und kein Ende der Prärie
Saloon in Interior, South Dakota, am Tag des WM-Spiels gegen die USA.
Saloon in Interior, South Dakota, am Tag des WM-Spiels gegen die USA.Foto: Austilat

„Wo wollt ihr denn hin“, fragt an der Tankstelle ein Mann mit Piratentuch um den Kopf. „Nach Chicago.“ – „Ihr müsst unbedingt Mount Rushmore sehen, so etwas Großartiges gibt es nur in Amerika“, ruft er uns zu. Mount Rushmore, vier Präsidentenköpfe, in den 30er Jahren mit viel Dynamit und Pressluftbohrern in die Black Hills gehämmert. Doch die Köpfe sind kleiner als erwartet, kleiner als Cary Grant uns vorgemacht hat, als er in Alfreds Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ da oben rumturnte.

Das wahre Pharaonenwerk befindet sich 15 Kilometer weiter. Genervt vom Hochmut der Weißen gaben die Sioux vor 80 Jahren ein Porträt ihres mythenumwobenen Häuptlings Crazy Horse in Auftrag, des Siegers vom Little Bighorn. Wichtigste Bedingung: Crazy Horse muss größer werden als die Konkurrenz vom Mount Rushmore.

Inzwischen ist der polnische Bildhauer Korcak Ziolkowski auch schon 30 Jahre tot, seine zehn Kinder führen das Werk fort, doch gerade mal das Antlitz des Häuptlings ist fertig, wobei seine unvollendete Haarmähne schon jetzt größer ist als alle vier in den Fels gesprengten Präsidenten zusammen. Gerade wird am Pferd gearbeitet, bis der Häuptling fertig ist, werden wohl noch mindestens 50 Jahre vergehen.

Wurde die Fahrt nie langweilig? Eigentlich nicht. Nicht in Wyoming, wo die spärlich gesäten Abfahrten schon zwanzig Meter neben der Interstate im Ungefähren versanden und man sich fragt, was Leute, die hier runterfahren, eigentlich für ein Ziel haben. Vielleicht mal in Minnesota, wo man den Eindruck gewinnt, gerade durch einen 400 Kilometer breiten Bauernhof zu fahren und man froh ist endlich den Mississippi zu erreichen, der an der Grenze zu Wisconsin für etwas Abwechslung sorgt. Einen besonders schönen Campingplatz hatten wir uns für die Gegend ausgesucht. Doch der ist verschwunden, untergegangen im Fluss, der bei unserer Überfahrt eher einer Seenkette gleicht.

Dafür entschädigt der Platz bei Sheboygan am Ufer des Lake Michigan. Wenn man schon nicht die ganze Strecke bis nach Boston schafft, so hat man doch wenigstens hier den Eindruck, den Ozean erreicht zu haben. Denn ein anderes Ufer ist nicht in Sicht, der Strand gleicht dem an der Ostsee.

Ein letztes Mal Planwagengefühl einschließlich des auf amerikanischen Campingplätzen üblichen Lagerfeuers, ein letztes Bedauern darüber, nicht direkt auf die Skyline Chicagos zufahren zu dürfen. Das ist nicht erlaubt, das Wohnmobil muss vor den Toren abgegeben, die letzte Etappe im Shuttle absolviert werden.

Den müssen wir selbst organisieren, denn alle Wohnmobilverleiher garantieren lediglich den Abtransport zum Flughafen. Weshalb man klugerweise zumindest ein paar Tage zuvor ein Arrangement mit irgendeinem Limousinenservice vereinbart, wenn man vor hat, noch ein paar Tage Großstadt dranzuhängen.

Die Limousine fährt denn auch erstaunlich pünktlich vor, der Fahrer trägt schwarze Sonnenbrille und schwarzen Anzug. Keine Frage, das hier ist nicht mehr der wilde Westen, das ist Chicago!

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