Unser Wohnmobil zählt zu den kleineren Modellen

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Mit dem Wohnmobil durch die USA : Und kein Ende der Prärie
Mal wird vor Klapperschlangen gewarnt, dann wieder vor Grizzly-Bären.
Mal wird vor Klapperschlangen gewarnt, dann wieder vor Grizzly-Bären.Foto: Austilat

Und das alles, obwohl wir uns für ein Class-C-Modell entschieden haben, rund sieben Meter lang. Das ist so ziemlich das kleinste Modell hier, hat auch keinen slide out, wie man die Kämmerchen nennt, die abends aus der Seite gefahren werden, um das Mobil in ein Einfamilienhaus zu verwandeln. Brauchten wir nicht, obwohl wir zu dritt unterwegs sind, Vater, Mutter und 17-jährige Tochter. Das Mobil verfügt sogar über eine Art Keller im Heck, in dem leicht vier Koffer verschwinden, während die Sachen sämtlichst in Schränken Platz finden.

Class C, 23 Feet, Full Hook-up, das sind Begriffe, die sollte man sich merken. Campingplatzrezeptionisten fragen danach. Außerdem wollen sie wissen, wie viele Amps (sprich: Ämps) man braucht. Gemeint sind Ampere. 30 Amps, antwortet man dann ganz lässig, da fließt der Strom durch ein daumendickes Kabel.

Vor dem ersten Supermarkt kann unser Kleiner seine Vorteile noch nicht ausspielen. Weil man auch mit einem doppelt so großen Mobil leicht einen Parkplatz findet. In Montanas großartigem Glacier Nationalpark auch nicht. Es ist Mitte Juni, und die schönste Straße hinein in den Park tief verschneit. In der kühlen Abendluft sitzen Greg und Sandy vor ihrem Lagerfeuer und gucken auf die schneebedeckten Dreieinhalbtausender im Hintergrund. Die beiden sind den weiten Weg aus Chicago hierhergefahren, um nun festzustellen, dass sie ein wenig zu früh gekommen sind. Macht nichts, dafür haben wir den Platz vor dem Osteingang des Parks fast für uns. „Osteingang“, gibt uns Greg noch mit auf den Weg, „müsst ihr euch merken, hier ist nie so viel Rummel wie auf der anderen, der Westseite.“

Man hat uns geraten, einen Tag vorher auf dem Campingplatz der Wahl anzurufen, ob denn Platz für uns wäre. In Virginia City klappt das nicht. Die Leitung ist ständig besetzt, kein gutes Zeichen. Und so fahren wir ohne große Erwartung in die Hauptstraße des Cowboystädtchens ein, das seine Fassaden aus der Gründerzeit in den 1880er Jahren bemerkenswert gut erhalten hat. Am Ortsausgang behauptet das Navi den Platz gefunden zu haben, von dem freilich keine Spur zu sehen ist. Tatsächlich befindet er sich eine Kurve weiter, die Rezeption ist eine Bretterbude, hinter dem Tresen steht Hank, entschuldigt sich, dass seine Frau immer so lange telefonieren würde und ist begeistert, Gäste aus dem Ausland zu haben. Tatsächlich ist er wohl froh, überhaupt Gäste zu haben, der Platz ist so gut wie leer.

Die Verhältnisse ändern sich erst am Yellowstone River. Der Nationalpark dort ist fast viermal so groß wie das Saarland und damit einer der größten der USA. Er ist auch einer der ältesten und vielleicht einer der schönsten. Hier ragen Berge bis viertausend Meter auf, fräst sich der Yellowstone River durch eine spektakuläre Schlucht, weiden Bisons in den ausgedehnten Prärien, spuckt der Geysir zuverlässig im Stundentakt seine Fontäne in die Luft. Der Park hat nur einen Nachteil: Man hat ihn nie für sich. Einen Übernachtungsplatz finden wir hier nur außerhalb der Parkgrenzen. Im Park gilt first come, first serve, was bedeutet, dass man sich schon mittags um die Unterkunft kümmern müsste. Oder man reserviert ein halbes Jahr vorher.

Im Yellowstonepark führen zwei große Straßen ringförmig durch den Park, beide um die 230 Kilometer lang, eine erschließt den Süden, die andere den Norden. Andere Straßen gibt es nicht. Natürlich kann man auch eine Woche hier wandern, wenn man Zeit hat und sich von der Grizzly-Warnung nicht erschrecken lässt, die einem die Mitnahme eines Bärensprays empfiehlt. Damit soll man das Tier mit dem schönen lateinischen Namen Ursus arctos horribilis angeblich auf Distanz halten können, wenn er aufgerichtet bis zu drei Meter hoch vor einem steht. Wir haben keine Zeit zum wochenlangen Wandern, Bärenspray auch nicht – und doch verlasse ich wider besseren Wissens das Auto, als wir das erste Tier sichten: einen Hirsch. Ich bin nicht der Einzige, der das tut. Muss man sich merken: Tiere stehen todsicher dort, wo der größte Stau am Straßenrand ist. Eine Parkregel lautet: „Nähern Sie sich keinem Wildtier dichter als 25 Meter.“

Bei 24 Meter höre ich meine Frau hinter mir wegfahren. Dabei hat dieser Hirsch ein sehr großes Geweih, und vielleicht bin ich ja doch zu dicht. Warum sie weggefahren ist? Weil sie einen Parkplatz erspäht hat. Das ist nicht leicht im Yellowstone, gut, wenn man ein vergleichsweise kleines Wohnmobil fährt, die Großen drehen frustriert ab.

Man findet im Yellowstone Bisonherden, vielleicht Bären, Hirsche unbedingt. Naturschönheit, so atemberaubend, dass wir gar nicht wüssten, wo wir zum Beispiel Byron hinführen sollten, würde er uns einmal besuchen. Aber keine Einsamkeit. Und nicht dieses Gefühl, wirklich weit weg von zu Hause zu sein. Einsamkeit findet man eher im Gallatin, einem Nationalforst nicht weit vom Yellowstone, wo uns zwei Elche zuschauen, während wir an ihnen vorbeifahren und uns fragen, warum wir nicht hier unseren Wagen abgestellt haben. Oder im Custer State Park, wo uns eine Bisonherde stoppt. Hieß es nicht einmal, ein gewisser Buffalo Bill hätte die ausgerottet?

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