Es ist weiß wie Milch

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Oman : Die Gabe fürs Jesuskind
Alles geritzt. Hassan bearbeitet mit seinem Spachtel die papierartige Rinde des Baumes.
Alles geritzt. Hassan bearbeitet mit seinem Spachtel die papierartige Rinde des Baumes.Foto: Helge Bendl

Sie wachsen verstreut im Gelände und in ihrem Graubraun gut angepasst an die Erdtöne der Landschaft. Sie krallen ihre Wurzeln tief ins Gestein und trotzen der Hitze mit wenigen grünen Blättern und einer schuppigen Rinde, die beim Berühren knisternd abblättert wie feinstes Papier. Nur dann erschnuppert man einen Hauch vom herben Weihraucharoma, sonst verströmen die Bäume keinerlei Duft. Außerdem sind sie ziemlich unscheinbar und eher mickrig, wie Sträucher. Doch das täuscht. „Der da ist bestimmt viele hundert Jahre alt“, sagt Hassan und zeigt auf einen Baum, dessen Äste gerade mal so dick sind wie sein nicht eben mächtiger Oberarm. Woran erkennt er, ob dieser „Boswellia sacra“ tatsächlich teures Hojari spenden wird oder doch nur ein minderwertigeres Harz?

„Mit den Weihrauchbäumen ist es wie mit deinen Fingern – eigentlich sind sie gleich, doch jeder ist anders“, sinniert der Beduine. „Manche Bäume geben viel Harz, andere gar nichts. Manche Jahre sind gut, andere schlecht. Allah wird sich schon etwas dabei denken.“

Dann stimmt Hassan in seiner Mahari-Sprache einen Sprechgesang an, der von einer reichen Ernte schwärmt. Sein Halbbruder stimmt mit ein, es klingt wie ein Kanon, beruhigend und schön. Beide ritzen nun vorsichtig mit ihren Spachteln die Rinde an, bis das erste Harz austritt. Es ist weiß wie Milch. „Nun muss es ein paar Wochen trocknen, ehe wir es einsammeln.“

Tausende Tonnen landen im Weihrauchsouk von Salalah

Einen weiteren Baum haben die beiden schon vor einiger Zeit angeschnitten – hier hat das Harz bereits Körner gebildet und lässt sich vom Stamm pflücken wie überreife klebrige Früchte. Zehn Kilogramm Weihrauch können so übers Jahr pro Baum durchaus zusammenkommen.

„Viele Omaner suchen sich heute besser bezahlte und einfachere Jobs, ohne harte körperliche Arbeit. Und die Gastarbeiter kümmern sich nicht mehr so vorsichtig wie wir um die Bäume“, klagt der alte Mann. Ob es daran, an den vielen grasenden Kamelen oder gar am Klimawandel liegt, ist unklar, doch die Zahl der Weihrauchbäume geht seit Jahren zurück. Es bleibt indes eine Ernte von tausenden Tonnen – alles landet im Weihrauchsouk von Salalah.

Rauchschwaden ziehen durch die Gänge, Harzbrocken stapeln sich in Säcken bis an die Decke. Frauen wie Fatima Faisal Salem sortieren die Weihrauchstücke nach Größe und Qualität und bieten sie in kleinen Läden an.

„Hojari ist selten und teuer. Aber auch die anderen Sorten kann man verbrennen“, sagt die etwa 80-Jährige und führt vor, wie sich ein Klumpen Weihrauch zischend auf einem Stück Kohle auflöst und sich der ganze Raum mit dem würzig-herben Geruch der ätherischen Öle füllt. Ihren Stand betreibt die Omanerin schon seit mehr als 40 Jahren. „Ich habe meine Stammkunden, die immer bei mir kaufen. Inzwischen kommen auch deren Enkel und Urenkel.“

Das beste Harz gedeiht nur im Oman

Während im Rest der Welt die Nachfrage eingebrochen ist und sich nur langsam erholt, wird in Oman wie eh und je noch viel Weihrauch verwendet. „Jede Familie hat Weihrauchbrenner im Haus. Wir parfümieren damit unser Haar, unsere Kleidung und die Wohnung. Der Rauch vertreibt nicht nur schlechte Gerüche, sondern schützt auch vor Unheil und hält Geister fern“, beteuert Fatima.

Im Weihrauchmuseum von Salalah kennt Direktor Ali Salim Al-Kathiri noch viele weitere Legenden. Zwar gibt es 25 Arten von Weihrauchbäumen, die auch in Ländern wie Indien oder Somalia wachsen. Doch Boswellia sacra gibt das beste Harz und gedeiht nur im Süden des heutigen Oman. „Niemand durfte wissen, woher das kostbare Produkt stammte. So erzählte man Reisenden, der Nebel an den Bergen von Dhofar sei giftig, und feuerspuckende fliegende Schlangen würden die Bäume bewachen und Eindringlinge angreifen.“

Die Römer tauften die Region trotzdem „Arabia felix“, das glückliche Arabien: Die Händler waren sagenhaft reich und das Land zwischen Meer und Bergen nach dem Monsun fruchtbar grün, während anderswo auf der Halbinsel das Wasser stets knapp war. „Vermutlich liegt es auch an diesem Mikroklima, dass das Harz aus der Dhofar-Region so intensiv duftet“, meint der Weihrauchspezialist. „Die Bäume mögen es trocken und heiß, doch sie brauchen auch feuchte Luft.“ Schon die Pharaonen hatten einst versucht, gestohlene Bäume in Ägypten einzupflanzen. Doch das Projekt schlug keine Wurzeln: Boswellia sacra wächst zwar auch anderswo, produziert dann aber schlechtes oder gar kein Harz.

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