Jack Eichenbaum findet Manhattan provinziell

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USA : Komm doch mal rüber
Die Linie Nummer 7 verbindet die Stadtteile von Queens und wird auch Orientexpress genannt.
Die Linie Nummer 7 verbindet die Stadtteile von Queens und wird auch Orientexpress genannt.Foto: Alamy

An einem der Picknicktische macht gerade ein Bauarbeiter Zigarettenpause. In Long Island City, „LIC“, ist die nächste Baustelle nie weit weg. Eine junge Frau springt auf dem Pier unermüdlich in den Liegestütz und wieder hoch, eine Schulklasse dreht einen Film. Hier halten auch die Fähren von Brooklyn und Manhattan – die schönste Art, nach Queens zu reisen.

„I love LIC“ steht auf den Sonnenbrillen der Schaufensterpuppen am nahe gelegenen Vernon Boulevard mit seinen vielen coolen Cafés, Restaurants und Fahrradläden. Und das alles eine U-Bahn-Haltestelle von Manhattans Grand Central Station entfernt.

Vor 25 Jahren, erzählt Jack Eichenbaum, gab es in Long Island City kein einziges Hotel. Inzwischen sind es 25. Der muntere New Yorker ist der offizielle Historiker des Bezirks, ein Ehrenamt, das er mit Gusto ausfüllt. In Queens ist der Geograf 1943 geboren, lebt er nach einem Intermezzo seit 37 Jahren wieder, überglücklich. Manhattan findet er klar überschätzt, deren Bewohner nennt er provinziell– weil die dortigen Einwohner ihren Bezirk für den Nabel der Welt halten.

Chinesische Touristen, Geschäftsleute und Investoren kommen in Scharen

Seit den 80er Jahren führt der 72-Jährige durch den Bezirk. Zu einer Zeit, als das Magazin „Geo“ seine deutschen Leser noch vor einem Besuch in „dem langweiligsten Bezirk New Yorks“ mit den „gräßlichen Expressways“ warnte: „Ein zerfließender, monotoner Häuserbrei ohne Zentrum und Konturen.“

Handy weg, Augen auf, lautet Eichenbaums Kommando, wenn er mit Studenten durch sein Heimatviertel Flushing zieht. Sie sollen doch sehen lernen! Und zu gucken gibt es viel in diesem Kleinasien. Hier liegt Chinatown, gleich nebenan Koreatown, Eichenbaum lässt sich im tiefen Ledersessel eines Coffeeshops nieder, in dem chinesische Hipster die Bohnen aufbrühen. Mit Blick auf Baugruben.

Auch Flushing boomt. Chinesische Touristen, Geschäftsleute und Investoren kommen in Scharen. Der Flughafen liegt vor der Haustür, jeder spricht Chinesisch, und gekocht wird genau wie daheim. Von hier führt Eichenbaum weiter zum riesigen Asia-Supermarkt mit Food Court, der Golden Shopping Mall, wo man alles, aber wirklich alles bekommt.

Der Orientexpress führt durch die verschiedenen Viertel mit ihren kleinen Läden und Lokalen

Zur Demonstration hebt Eichenbaum einen Plastikdeckel hoch, unter dem fette Frösche strampeln, die noch nicht wissen, was ihnen blüht. Sein aktuelles Lieblingshotel in Flushing ist das Hyatt, mit Pool und Café auf dem Dach. Doch nach seinem Lieblingslokal in Flushing gefragt, muss Eichenbaum passen. Es sind zu viele: Er liebt die Dim Sums von Dong Yi Feng, die Flunder im New Imperial Palace, die Szechuan-Küche bei Spicy and Tasty, koscher-vegane Gerichte beim Happy Buddha, das Lamm von Fu Run, die Nudeln bei Biang...

Weiter geht’s, nach Jackson Heights, dem Viertel der Südamerikaner und Schwulen. Wie hätten Sie Ihr Hühnchen denn gern: kolumbianisch, peruanisch, koreanisch? Es gäbe auch Ziegencurry im Himalaya-Lokal. So vielfältig wie in Queens kann man vielleicht nirgends auf dem Globus essen.

Denn der Bezirk ist gerade nicht das mittelamerikanische Kleinstädtchen, für das man es auf den ersten Blick halten könnte, sondern der nach eigenen Angaben multikulturellste Ort der USA, mit Menschen aus 120 Ländern – und für viele von ihnen ist Englisch eine Fremdsprache. An jeder Ecke kann man es sehen, hören, riechen: dass hier die Welt zu Hause ist. Die U-Bahn Nummer 7, die als Hochbahn an der Roosevelt Avenue entlang rattert, auch Orientexpress genannt, führt durch die verschiedenen Viertel mit ihren kleinen Läden und Lokalen, Familienbetriebe der Einwanderer, nur wenige Ketten, unzählige Barbiere und Friseure, vollgestopfte Eisenwarenläden.

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