Märchenwald aus einer fernen Galaxie

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Vancouver Island : Ein Krake im Cockpit
Marc Vorsatz
Schön, dass Sie mit uns geflogen sind!
Schön, dass Sie mit uns geflogen sind!Fotos: Lisa Graham/Seadance Photography

Plötzlich zeichnet sich unter uns schemenhaft ein überdimensionales, abstraktes Gesicht ab. Helle Konturen, dunkle Augen. Muss wohl das Cockpit sein. Ja, die großen Augen sind die Fensteröffnungen. Dahinter saß einst die Crew. Mit drei kräftigen Flossenschlägen sind wir nah dran. Die Außenhaut des Fliegers ist fast vollständig mit kleinen Muscheln, vereinzelten Anemonen und filigranen Federsternen bewachsen.

Im Führerhaus haben einige handgroße Klippenbarsche das Ruder übernommen. Dachten wir zumindest. Wir stecken die Köpfe durch die Fenster – und bekommen einen Mordsschreck. Herr im Haus ist jemand anderes. Zwei kalte Augen fixieren uns regungslos. Distanz: grade mal ein Meter. Sie stecken in einem pitbullgroßen Schädel aus lebendigem Granit. Eine reale Schrecksekunde und eine gefühlte Ewigkeit später hat uns das Freiwasser wieder. Unser Tauchbuddy neben uns lacht herzhaft. Na klar, war doch nur ein Wolfsaal. Das einzig Gefährliche an diesem Urviech ist sein Äußeres. Vor Millionen von Jahren hat ihn anscheinend die Evolution einfach vergessen. Ein wahrhaft archaisches Bild gibt dieser Zeitgenosse ab.

Wir gleiten zur rechten Tragfläche. Sie ist komplett mit weißen und orangefarbenen Riesenseenelken überwuchert. Diese dicht gedrängten Anemonen erinnern mich an einen Märchenwald aus einer fernen Galaxie. Die kalte Welt überrascht mit ihren faszinierenden Farbspielen. Wir entdecken zwei Opaleszierende Nacktkiemer. Die daumengroßen Nacktschnecken sind ein Wunderwerk an Farbe und Form. Sie leuchten rot, orange, blau. Diese Pracht sucht ihresgleichen weltweit.

Kein Ort für Klaustrophobiker

Wo immer sich etwas Platz findet, haben sich Seesterne und Schneekrabben breit gemacht. Es wimmelt nur so von Leben an diesem künstlichen Riff. Das war nicht immer so. „Mehr als 100 Jahre lang hatte ein Sägewerk den Küstenstreifen von Chemainus nachhaltig geschädigt und den Meeresboden in eine schlammige Einöde verwandelt“, wird Peter nach dem Tauchgang erklären. „Mit unserer Boeing kamen langsam auch die Tiere und Pflanzen wieder. Heute ist sie das Zuhause von 123 wissenschaftlich dokumentierten Spezies. Tendenz steigend.“

Besuche im Cockpit, hier sind sie möglich.
Besuche im Cockpit, hier sind sie möglich.Foto: Lisa Graham

Vom Heck her dringen wir in den Passagierraum. Unser Ziel ist der vordere Ausgang am Cockpit, der sich irgendwo im Trüben verliert. Durch die beiden Fensterreihen dringt beidseitig diffuses Restlicht in die perforierte Röhre. Das Spiel von Licht und Schatten ist irritierend schön. Mit Lampen tasten wir unwillkürlich suchend und wider besseres Wissen die offenen Gepäckablagen ab. Ob vielleicht doch jemand etwas vergessen hat? Nein? Nein. Denn vor der Versenkung haben Freiwillige alles aus- und abgebaut, was später Taucher gefährden könnte. Sämtliche Türen beispielsweise, aber auch die Sitzreihen. Trotzdem kein Ort für Klaustrophobiker.

Hier drinnen, im Halbdunklen, ist die Vegetation recht spärlich. Auf dem Boden haben tellergroße Bogenkrabben Quartier bezogen. Wir bleiben dicht beieinander. Wenn jetzt irgendetwas passieren sollte, müssen wir uns gegenseitig helfen, die Situation an Ort und Stelle meistern. Langsam, aber sicher kriecht auch die Kälte in uns hoch. Was tut man sich nicht alles an für so einen Tauchgang der Extraklasse? Irgendwie fühlen wir uns befreit, als wir wieder nach draußen, ins gedämmte Licht schweben. Zugegeben, ein bisschen Stolz ist auch dabei.

Wir werfen einen letzten Blick auf die Boeing. Dann sind wir wieder zurück in unserer Welt, die wärmende Sonne strahlt uns ins Gesicht. Wie schön sie doch ist. Und im Book Nook Café duftet es verführerisch nach Espresso und frisch gebackenen Muffins. Zeit fürs Frühstück.

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