Nackt ausziehen und sich von einem 3-D-Laser abscannen lassen?

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Australien : Gestalt des Lebens
Franz Lerchenmüller
Ein Goldgräbergrabstein in Menzies.
Ein Goldgräbergrabstein in Menzies.Foto: picture alliance / Paul Mayall

Antony Gormley fuhr nach Menzies, einer Bergbaustadt im Outback, mitten im Wilden Westen Australiens. In der Gesamtregion arbeiten noch heute Tausende von Arbeitern bei enormer Hitze in den Rohstoffminen. Und Gormley – man muss es so sagen – bequatschte die Menschen von Menzies. Nackt ausziehen sollten sie sich, und von einem 3-D-Laser abscannen lassen. Zunächst hielten das alle für einen wenig gelungenen Witz.

Letztendlich muss der Künstler jedoch sehr überzeugend gewesen sein. Denn was niemand für möglich gehalten hatte, trat ein: An einem Freitagabend versammelte sich der Großteil der seinerzeit 230 Einwohner des Ortes, in dem zu Goldgräberzeiten 10.000 gewohnt hatten. Sowohl Minenarbeiter und Hotelchefin als auch Teenager und Oma, Weiße und Aboriginefrau – 70 Menschen erklärten sich schließlich bereit, die Hüllen für die Kunst fallen zu lassen, also etwa so viele, wie heute noch in Menzies leben.

Gleichzeitig verhandelte Gormley mit den Ältesten vom Volk der Wangkathaa, für die der Snake Hill ein heiliger Berg ist. Auch hier wirkte Gormleys Überzeugungskraft. Er bekam die Zustimmung zu dem Projekt, das zunächst auf 18 Monate begrenzt sein sollte.

Bei glühenden 40 Grad Celsius stellte Gormley die Figuren auf

Aus den 3-D-Scans der Menschen von Menzies schuf Gormley schließlich Formen, in denen anschließend Plastiken gegossen wurden. Als Material entwickelte der 65-jährige Künstler eine Legierung aus Edelstahl mit Molybdän, Iridium, Vanadium und Titan – alles Metalle, die auch im Outback gefunden werden.

Mit Hilfe von Kunststudenten stellte er schließlich im Dezember 2002 bei glühenden 40 Grad Celsius die Figuren in einem flachen Bereich des Sees auf. Nach einem genauen Plan wurden sie auf einer Fläche von sieben Quadratkilometern verteilt. Jede Skulptur ist mindestens 400 Meter von der nächsten entfernt. Und keine schaut die andere an.

Wer sie alle kennenlernen möchte, muss einen gehörigen Fußmarsch auf sich nehmen. Zudem ist der Seeboden mal eben und fest, dann wieder schmierig wie eine eingeseifte Rutschbahn. Kristalle glitzern weiß in Pfützen, Salzkrusten brechen unterm Schritt wie körniges Eis. An manchen Stellen klebt der Matsch an den Schuhen wie roter Mörtel. Und dann kommt man ihnen, immer schön langsam, näher.

Die Figuren sind Abstraktionen von Menschen

Schwarz sind sie, die „Insider“, wie Gormley sie nannte. So groß wie im richtigen Leben, aber stark verfremdet, durch spitze Brüste und absonderliche Penisse. Sie sind Abstraktionen von Menschen. Und sie wirken eigenartig ausgemergelt: Der Künstler hat ihre Körpermasse auf zwei Drittel „eingedampft“. Jenen Augenblick der Konzentration, als sie sich scannen ließen, wollte er auf diese Weise festhalten. Und die „Essenz der Körper“, die sich dann mit der „Essenz des Ortes“ verbinden sollte.

Verlassen von aller Welt stehen sie nun da. Es scheint, als wären sie unterwegs und hielten nur kurz auf ihrer Wanderung durch die Ebene inne. Manche wecken auch Assoziationen an Außerirdische, andere an die ähnlich hageren Gestalten mancher Ureinwohner.

Nackt sind sie dem ständigen Wind und der ewig brüllenden Sonne ausgesetzt, einer Natur, die menschliche Anwesenheit einfach nicht dulden will. Sie sind so verloren, wie ein einzelner Mensch im Riesenkontinent nur verloren sein kann. Und doch gehören sie hierher, gehören zu diesem alten Land und haben es geprägt. Die einen Jahrtausende lang, die anderen seit 400 Jahren.

Aber es gibt durchaus Verbindungen zwischen ihnen. Das wird jeder erkennen. der auf den heiligen Snake Hill steigt und auf den See, auf die Ebene schaut: Die Fußspuren der Besucher ziehen sich von Figur zu Figur wie feine Schnüre und verknüpfen das Leben der Einzelgänger für kurze Zeit. Betrachter, Wind und Regen schaffen ein Kunstwerk im steten Wandel.

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