Plüschmaskottchen auf Weltreise : Fred braucht keine Bordkarte

Es war die Idee zweier Liebhaber fürs Maritime: Ein Stofftier sollte reisen. Nun tourt es seit fünf Jahren übers Meer.

Das muss man schon sagen: Für ein nicht näher zu definierendes plüschiges Etwas ist Fred, der hier entspannt an einer karibischen Palme lehnt, schon ganz schön in der Welt herumgekommen.
Das muss man schon sagen: Für ein nicht näher zu definierendes plüschiges Etwas ist Fred, der hier entspannt an einer karibischen...Foto: Fred-around-the-world

Dürfen wir Ihnen Fred vorstellen? Fred befindet sich seit nunmehr fast fünf Jahren auf Kreuzfahrt und war schon auf Malta, in New York City und Mumbai, in der Karibik, durchfuhr den Panama-Kanal, besuchte Singapur, Hongkong und die Antarktis. Neidisch? Nun, es kommt noch besser. Fred reist für lau, zahlt keinen Cent, wird verwöhnt rund um die Uhr, und ein Ende der Reise ist überhaupt nicht in Sicht. Er hat allerdings auch keinerlei Gepäck dabei und verzehrt nichts. Das ist Ihnen jetzt zu viel Seemannsgarn? Aber nein, hinter Fred verbirgt sich ein pfiffiges Projekt für Seeleute und Landratten zugleich.

Fred reist also auf Schiffen um die Welt. Seine Fahrt ins Ungewisse begann im Juli 2010 auf dem Segelboot „Bareck“, mit dem ihn sein Pate Martin die Elbe abwärts von Wedel nach Brunsbüttel brachte. Seine Mutter Gudrun konnte nicht dabei sein, die hatte im thüringischen Sonneberg genug in ihrer Manufaktur für Spielwaren zu tun, wo auch Fred „geboren“ wurde.

Denn Fred ist ein dreißig Zentimeter großes weißgraues Plüschmaskottchen mit schwarzen Panda-Kulleraugen, bekleidet mit einer maßgeschneiderten orangefarbenen „Fred Rescue“-Rettungsweste. Fred sieht aus wie ein Erdhörnchen und ist eine Erfindung von Axel Will (53) und Martin Leuschner (35) – der eine war selbst jahrelang als Kapitän auf den Weltmeeren unterwegs und arbeitet jetzt als Elblotse, der andere entwickelt Software für die maritime Wirtschaft.

Fred ist ständig auf der Suche nach Paten

Ein am Schlüsselbund hängendes Stofftier brachte Will auf die Idee: „Oft wurden wir nach dem Grund für dieses Projekt gefragt. Es wurde spekuliert, ob wir auf die schwierige Situation der Seeleute aufmerksam machen wollten oder ob wir eine ,Message‘ hätten. Nein, das Projekt ,Fred‘ sollte einfach nur Spaß machen. Allen, die sich daran beteiligen und natürlich uns.“

Freunde, wenn auch nicht fürs Leben.
Freunde, wenn auch nicht fürs Leben.Foto: National Geographic Explorer Crew

Fred ist ständig auf der Suche nach Paten, die ihn auf seine große Reise mitnehmen. Die sollen sich für das plüschige Etwas und das Projekt begeistern, Fotos machen („von dir und mir; von mir auf der Brücke, auf der Barbecue-Party, oder vor einer wunderbaren Kulisse“) und interessante Berichte schreiben über „Menschen und Schiffe, über Wind und Wetter, über nah und fern“. Alle Menschen auf der Welt sollen daran teilhaben, indem sie das Logbuch lesen und die Bilder bestaunen können. Und? Es funktioniert!

Auf 25 Schiffen (vom Containerfeeder und Gastanker bis zum noblen Luxusliner und Expeditionsschiff) fuhr Fred bislang mit, unzählige Berichte verzeichnet das Logbuch seitdem, die mit Hunderten von Fotos illustriert wurden. Wir sehen Fred am Ruder auf der Kommandobrücke eines Atomeisbrechers, dann als Ehrengast einer zünftigen Barbecue-Party, Karussell fahrend auf einem Kreiselkompass oder zum Schnorcheln bereit mit überdimensionaler Taucherbrille.

Er wurde abgelichtet während einer Feuerschutzübung, Seekarten und Monitore studierend, Cocktails schlürfend, in einer finnischen Sauna schwitzend oder Wache schiebend an einer Gangway. Bei Captain Oleg aus der Ukraine wird er kurzerhand zum 3. Offizier ernannt („Er ist ein schlauer kleiner Kerl“), auf einem Forschungsschiff erhält er einen echten Crew-Ausweis, und die Entertainment- Truppe eines Kreuzfahrtschiffes lässt ihn Durchsagen machen.

Sein Aufenthalt auf der "MSC Splendida" war äußerst mysteriös

Fred ist mal seekrank, hat manchmal Heimweh, dann kann er vor Aufregung nicht schlafen, weil es nach Russland geht. In Portugal wird ihm verboten, das Schiff zu verlassen: Fred wollte Nachtclubs aufsuchen. Fred geht fischen, spielt Bingo, Tischfußball oder Kniffel, macht einen Zodiac-Schlauchboot-Führerschein (ausgestellt von S. Cherz), hält Wache auf der Brücke, hilft in der Kombüse und posiert vor den Sehenswürdigkeiten dieser Welt. Wir erfahren, dass er viel fernguckt, eine Diät begonnen hat, seine Kabine selbst reinigt, nach dem Klabautermann sucht oder hinter Mädels herschaut.

Einmal muss er vor wilden (Plüsch-)Tieren gerettet werden, die ihn verspeisen wollen. In Kolumbien landete er sogar volltrunken in einer Ausnüchterungszelle und in Hongkong gegen seinen Widerstand in der Waschmaschine! Als Weltenbummler Fred mit dem Expeditionsschiff „National Geographic Explorer“ auf den Spuren Fridtjof Nansens im Franz-Josef-Land weilte, sorgte sich Martin Leuschner: „Wir hätten ihm Thermowäsche anziehen sollen …“ Doch Fred wurde wenigstens ein wärmender Schal umgebunden, und es gab Glühwein.

Ende 2010 war Fred für ein paar Wochen verschwunden. Aufregung in Hamburg: Sollte das Projekt ein jähes Ende nehmen? Freds Aufenthalt auf der „MSC Splendida“ sei ein „großes Mysterium“ gewesen, wurde der Fangemeinde mitgeteilt. Tatsächlich musste das Team aus Freds Heimatstadt mit tatkräftiger Unterstützung einer Reederei eine Suchaktion starten: Sogar „Wanted-Poster“ von Matrosen mit Freds Foto wurden in den Frachtern aufgehängt, bis Fred versteckt als Blinder Passagier in einer Plastiktüte in Südamerika wieder aufgespürt wurde und seine Reise auf einem Kreuzfahrtschiff fortsetzen konnte.

Unheimliche Begegnung in Coco Cay, Bahamas. Für Fred nicht wirklich ein Problem
Unheimliche Begegnung in Coco Cay, Bahamas. Für Fred nicht wirklich ein ProblemFoto: Fred-around-the-world

Als das Stofftierchen mit Luftpost versandt nach 308 Tagen wieder in Hamburg eintraf (Fred hatte seine Einschiffung in Buenos Aires verpasst …), wurde es sofort erneut vom Reisefieber, dem „travel bug“, gepackt. Mit ihrem Projekt „Fred around the world (Fratwo)“ knüpfen die beiden Macher an diese gleichnamige Spielart des „Geocaching“ an: „Travel bugs“ sind Gegenstände, die von Geocachern von einem Versteck zu einem anderen transportiert werden und deren dabei zurückgelegter Weg auf speziellen Internetseiten protokolliert wird.

Zu diesem Zweck ist jeder Travel Bug über eine eindeutige Zahlenkombination identifizierbar. Bei „Fratwo“ wird das Ganze nun mächtig ausgeweitet und professionell mit einem aufwendigen Internetauftritt unterstützt: Natürlich sehen wir auf einer Weltkarte immer, wo Fred sich gerade aufhält und bereits aufgehalten hat (genutzt wird eine frei editierbare „OpenStreetMap“). Wir können uns in seiner interaktiven Kabine umtun, die Logbucheinträge studieren oder ins Fotoalbum gucken. Das Neueste können wir uns twittern lassen oder auf Facebook mitverfolgen.

Wie in der internationalen Seefahrt üblich ist das Ganze – ohne jeglichen kommerziellen Hintergrund – auf Englisch abgefasst. Eine deutsche Version ist online, sodass auch Menschen mit nicht so guten Englischkenntnissen Fred auf seinen Reisen begleiten können. Es gibt einen Pressebereich mit Artikeln über die Aktion und ein Gästebuch: „Die ganzen Fusselviecher in Wohnmobilen, Autos oder an Rucksäcken finde ich recht albern. Fred ist aber geil. Mal kein Warmduscher.“

Dort meldeten sich unter anderem der „Reise-Elch“ Olaf, eine „Reisemaus“, der „Gustav Travelduck“, eine Reise-„Schnulli“, der „Hase Cäsar“ und das Stinktier „Stinky“, von dem Fred zu einer Busfahrt durch Lübeck eingeladen wurde. Originell auch dieser Eintrag: „Sollte Fred einmal Urlaub machen, würde ich gerne als Ersatz einspringen …“

Ab und zu ist der Superstar auch mal zu Hause

Am meisten Spaß haben jedoch anscheinend die vielen Paten selbst – Lotsen, Kapitäne, Köche, Matrosen, Offiziere, Disponenten, Reedereimitarbeiter, Schiffsmakler, Agenten. Mal liefern sie Reiseberichte ab, dann wieder erfinden sie witzige Geschichten oder arrangieren mit und rund um einen vermenschlichten Fred ihre zum Teil skurrilen Fotos und vermissen ihn, wenn er mal wieder weitergereicht wird: „Vielen Dank an Captain Maggi und ihre Crew für all diese Abenteuer. Ich werde euch alle vermissen.“

Reisen macht müde, selbst Fred merkt das.
Reisen macht müde, selbst Fred merkt das.Foto: Fred-around-the-world

Ab und zu ist der „Superstar unter den Maskottchen“ (ein Fan) auch mal zu Hause in Hamburg, lässt sich vom NDR interviewen, schiebt Wache beim DLRG oder hilft bei der Wasserschutzpolizei und in der Seemannsmission „Duckdalben“. Auch ein Praktikum bei „Barkassen-Meyer“ hat er schon absolviert.

Doch immer wieder zieht es ihn hinaus aufs weite Meer. An Bord des Kühlschiffes „Cala Pino“ besuchte Fred das einstige berüchtigte Piratennest Cartagena in Kolumbien. Zu seinem dreijährigen Reisejubiläum befand sich Fred auf dem Forschungsschiff „Polarstern“ in der Antarktis. Während der Reise dorthin wurden ihm noch schnell Fäustlinge und Thermohose geschneidert, Mütze und Schal gehäkelt, sodass Fred bei allen Expeditionen dabei sein konnte.

Fred mag Luxus

An Bord der „Dawn Princess“, einem Kreuzfahrer, verwirklichte er sich einen lang ersehnten Traum: eine Passage nach Neuseeland und Australien. Überhaupt mag Fred den Luxus von Kreuzfahrtschiffen am liebsten. Angeblich. Im Duty-Free-Shop der „MSC Opera“ fand man ihn zum Beispiel vollgefressen inmitten eines Berges von Schweizer Schokolade.

Jüngstens schiffte Fred sich in Ushuaia/Argentinien auf die „Fram“ ein. Eine auf die Polarregionen spezialisierte Biologin kümmert sich nun um ihn: „Hoffentlich wird die Überfahrt nicht zu stürmisch.“ Bislang wurde also „stets ein Schiff gefunden, das ihn mitnehmen“ wollte, und „die Nähte halten immer noch“, sagen Will und Leuschner. Denn Freds Reise geht immer weiter, ganz bestimmt.

Hier geht’s zur „Mitfahrgelegenheit“ im Internet: fred-around-the-world.de