Reisetagebuch Tag 14 : Aalglattes Fahrwasser

Der "Piratenabend" erhitzt weiterhin die Gemüter, eine Auktion der „Sea Cloud“-Crew reizt die Passagiere aufs Äußerste und in der Ferne fällt ein Stern vom Himmel. Nachdenkliches aus dem Bordtagebuch von Reinhart Bünger.

Nach einer langen Fahrt heißt es: Leinen reinholen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Reinhart Bünger
16.12.2011 11:14Nach einer langen Fahrt heißt es: Leinen reinholen.

Donnerstag, 15. Dezember 2011

0:35 Uhr

Jetzt wird es aber wirklich langsam Zeit, die Augenklappe abzulegen und nach dem aufregenden Piratenabend schlafen zu gehen. Der erste Offizier Christian Haas hatte uns noch von einem wahren Abenteuer erzählt, das aber Gott-sei-Dank glimpflich ablief. Haas war mit einem Containerschiff auf der Ostseite Afrikas unterwegs in Richtung Somalia, etwa 120/130 Seemeilen von der Küste entfernt. Das Geschehen spielte sich am Ausgang der Straße von Madagaskar ab.

„Da haben uns zwei von diesen charmanten Burschen einen Besuch abgestattet – mit sehr viel Glück und unter Einsatz unserer C-Rohre, die eigentlich zum Feuerlöschen vorgesehen sind, haben sie nach drei Versuchen abgedreht.“ Die Paraten waren nicht so weit gekommen, ihre Draggen – das sind kleine Anker – an Bord zu werfen und sich damit einzuhaken, damit sie an der Schiffswand hoch klettern konnten. Wir müssen langsam in die Koje runter klettern. In der „Blauen Lagune“ im Heck der „Sea Cloud“, einer blauen Liegewiese aus Schaumstoffkissen, waren wir plötzlich hochgeschreckt: Einfach eingeschlafen. Die Piratenstory haben wir aber nicht geträumt.

08:00 Uhr

Im Bordbüro gab es beim Durchfahren der Kaltfront einen kleineren Wassereinbruch – ausrechnet dort. Denn hier sitzt der ETO Dejan Orelj mit seiner Funk- und Satellitenanlage. Der Elektronic Technical Officer musste erst einmal in seiner Funkerbude aufwischen. Der Regen war durch die hölzerne Außenverkleidung der Aufbauten geschlagen, wie sich schnell herausstellte. Das Leck war am frühen Nachmittag abgedichtet, die kleine Kajüte mit zwei Arbeitsplätzen wieder voll funktionsfähig. Die Seekarte, die in einem Glaskasten an Deck aufgehängt ist, trocknet auch langsam. Hier werden täglich die Positionen eingetragen.

08:30 Uhr

Teile der Crew schwärmen mit Schrubbern, Wasserschlauch und Maschinen aus, um das vom tropischen Tief zum Großreinemachen vorbereitete Deck auf Hochglanz zu bringen Nur der Shanty auf den Lippen fehlt dabei – das hätte unser Windjammer-Feeling noch weiter perfektioniert.

09:00

Die Rumverkostung und der Piratenabend zeigen Wirkung. Die meisten Passagiere kommen heute erst etwas später aus den Kojen. Ist ja draußen auch bedeckt – und unheimlich windig. Passagier Niels wird von Passgagier Günter beim Frühstück ziemlich aufgezogen. Beide sind lange zur See gefahren, der eine weit über 80, der andere hat diese Zahl in einigen Jahren auf seiner Lebensuhr. Günter hat sich heute morgen nach dem Duschen dreimal abgetrocknet „Ich wurde immer wieder nass.“ Das muss an der hohen Luftfeuchtigkeit liegen.

Günter und Niels arbeiten ein Erlebnis aus der vergangenen Nacht auf. Und zwar so, wie es alte Seebären tun. „Du hast ja gestern Abend noch einen Positionswechsel gemacht, Niels“, sagt Günter: „Deine Hand lag fast auf der linken Schulter von der blonden Dame.“ - „Ja, das habe ich gar nicht gemerkt, das war wohl meine Sitznachbarin.“ Günter stichelt weiter: „Ihr ward ein süßes Paar, Niels.“ - „Wen meinst Du? Die aus der Funkerbude? Die hat mir so viel erzählt, ich weiß gar nicht mehr, was alles.“ Günter ist jetzt hellwach, Niels wird immer schweigsamer.

„Reizend, wie die Dich angestrahlt hat, Niels, „es war so natürlich..“ - „Ja, ja, ich weiß“, sagt Niels und setzt zum Gegenangriff an: „Deine Shorts, so „heiße Höschen“, wie Du sie heute anhast, Günter, sollen für Männer über Achtzig verboten werden. Weißt Du das eigentlich, wie gemein das aussieht?“ Dazu fällt Günter nicht mehr viel ein. Er fragt nur noch: „Wieso denn?“. Themenwechsel.


09:30 Uhr

„Je weiter wir nach Süden kommen, desto schöner wird das Wetter“, sagt der Erste Offizier Christian Haas zum morgendlichen Briefing. Noch aber ist es bedeckt und das Deck ist nass. Es hat in den Morgenstunden geregnet. Aber die ganz großen Regenwolken, von denen gestern noch die Rede war, die sind wohl an uns vorbeigezogen. Haas nimmt uns heute mit auf einen kleinen nautischen Exkurs durch die Passatwolken. Da stellen wir uns erst einmal ganz dumm und folgen dem Ersten: „Wind ist Luft, die es eilig hat“, sagt Haas zur Einleitung.

Passatwinde würden dadurch entstehen, dass die Sonne auf das Wasser scheine, heiße Luft würde feuchte Luft aufnehmen und durch die Drehung der Erde weg gelenkt.Je wärmer die Erde, bzw. das Wasser sei, desto mehr Feuchtigkeit werde aufgenommen. Dadurch entstünden Tiefdruckgebiete. Wind sei in der Folge nichts anderes als eine Art Druckausgleich zwischen Tiefdruck- und Hochdruckgebieten. Unsere aktuellen Aussichten sind auf West drehender Wind, der später am Tag aus nördlichen Richtungen kommen soll. Dies alles mit nachlassender Stärke.

14:00 Uhr

Jens und Susanne zeichnen auf dem Lidodeck auf einer Seekarte den Verlauf unserer Fahrt über den Atlantik und die täglichen Positionsbestimmungen ein. „Vielleicht sind wir auch schon einen Tag eher in St. John's“, sagt Susanne. Jens miss gerade die letzte Etappe mit einem Zirkel ab. „Hier auf Kuba war ich schon“, erzählt Jens, „das war 1957, da saß Fidel Castro noch in den Bergen, Batista war noch an der Macht und Kuba war ein westliches Urlaubsland.“ - „Was hast Du 1957 auf Kuba zu tun, Jens?“

Der Schleswig-Holsteiner sagt: „Das war ein Ferienjob: Ich war noch Schüler und bin als Tellerwäscher auf einem Frachter mitgefahren. Schön war das, wir sind zwei Wochen auf Kuba geblieben.“ So lange? „Ja“, sagt Jens, „wir sollten Eisenerz laden und dauernd ging das Förderband kaputt.“ In Kuba scheint sich seitdem nicht allzu viel geändert zu haben.

14:10 Uhr

Auf dem Lidodeck herrscht emsiges Auf und Ab: Mitglieder der Crew bringen selbst gefertigte Souvenirs, die heute versteigert werden sollen: Taschen aus Segeltuch sind darunter, Flaschen mit eingeschliffener„Sea Cloud“-Silhouette, Wandbehänge mit Schiffsknoten, T-Shirts und eine Basecap mit Unterschriften der Crew-Mitglieder, Artefakte aus Originalmaterial der 4-Mast-Bark sowie Schnitzereien. Mindestgebote: eher höherpreisig. Größe der Kleidungsstücke: Mittel-Large.

Atlantik-Taufe
Was nach feuchtfröhlichem Karnevalskostüm aussieht hat lange Tradition...Alle Bilder anzeigen
1 von 5Foto: Reinhart Bünger
15.12.2011 13:31Was nach feuchtfröhlichem Karnevalskostüm aussieht hat lange Tradition...

16:30 Uhr

Hotelchef Simon Kwinta (Polen) macht den Auktionator. Kreuzfahrtdirektor Gabi Eidam assistiert, Zahlmeister Mirko Diekmann protokolliert. Was hat der Simon für eine Kraft! Der lebt die „Sea Cloud“ - und das seit Oktober 1985. Er holt für seine Crew-Mitglieder die optimalen Ergebnisse heraus. „Scha-ba-da-ba-da“, sagt er immer wieder und treibt Gabi an, mit den zum Gebot stehenden Objekten immer zum jeweils zuletzt Bietenden zu laufen. „Gabi, go, go, go!“. Nun wird ein Holzrelief angeboten. „Das ist kein Klebstoff, das ist echtes Teak“, ruft er in die Menge. Der begnadete Schiffszimmermann freut sich über Simons Einsatz, er hat das Wandbild hergestellt: Den Rumpf der „Sea Cloud“ hat er aus dem Teak-Stück herausgearbeitet.

Die Schnitzarbeit besticht in Form und Farbe: 250 Euro sind schließlich der Preis. Eine Dienstjacke des Kochs – mit allen möglichen Dinner-Angeboten auf dem Rücken - bringt einen fast zweistelligen Betrag. „Scha-ba-da-ba-da“. Eine der Knotentafeln geht für 100 Euro weg. Es ist ein Phänomen. Wohl jeder, der auf diesem Schiff gewesen ist, wünscht sich ein Originalteil mit nach Hause zu nehmen. Besonders gut gehen alle möglichen Behältnisse aus Segeltuch. Einen Seesack preist Simon mit diesen Worten ein und aus: „Der Segelstoff war schon an Bord, bevor ich anmusterte.“

21:39 Uhr

Unser Lektor Erich Übelacker legt uns den Himmel zu Füßen. Achtern am Notsteuerstand der „Sea Cloud“ zeigt er uns, was das spektakuläre Sternenbild ausmacht, das uns in der Karibik so beeindruckt. Wir sehen die Sternbilder Widder, Stier und Zwillinge. Uns schwirrt der Kopf. Auch Orion, „der erste Spanner der Geschichte“ (Übelacker), ist zu sehen. Und ist da noch Jupiter, der im Zenit steht. Doch wir stehen heute nicht mehr im Zenit. Wir sehen nur noch Sterne.

Und eine Sternschnuppe, die kommt aus dem Gemini, erklärt uns Erich. Nur zehn cm groß sei die Feuerkugel gewesen, ihre Bewegungsenergie werde beim Verglühen in Licht umgewandelt. Deshalb sehe sie so groß aus. Wir fühlen uns ganz klein und haben gar keine Bewegungsenergie mehr.

23:15 Uhr

Hell steigt plötzlich etwas am Horizont nach oben. Die Internationale Raumstation ISS? Ein Mondaufgang mitten in der Nacht? Wir sehen nicht mehr durch. Um uns wird es dunkel.

Position um 8 Uhr morgens: in der berühmten Sargassosee, dem Brutplatz der Aale

18 Grad, 32 Minuten nördlicher Breite,

51 Grad, 19 Minuten westlicher Länge

Wassertiefe: zirka 3200 Meter

Außentemperatur: 26 Grad Celsius

Wassertemperatur: 27 Grad Celsius

Luftdruck 1004 Hektopascal

Fahrtgeschwindigkeit aktuell unter Segeln: 8,6 Knoten

(alle Rahsegel gesetzt, außer Skysegel, auch nachts mit Vorstengestagsegel, Besan und Besantopsegel)

Seit fünf Tagen nur Segeln! In insgesamt 107 Stunden dabei zurückgelegt: 864,4 Seemeilen


Gesegelte Entfernung von Mittwoch, 14.12.2011 (8 Uhr)

bis Donnerstag, 15.12.2011 (8 Uhr): 240 Seemeilen

(seit Mittwoch, 14.12. 2011, 17 Uhr fährt die „Sea Cloud“ unter Maschine ohne gesetzte Segel)

Windstärke 5 unverändert aus östlicher Richtung

Entfernung bis zum Fahrtziel St. John's (Antigua): 610 Seemeilen (=Reststrecke).

Zurückgelegte Gesamtstrecke: 2698 Seemeilen

Kurs 267 Grad