Mondaufgang mitten in der Nacht?

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Reisetagebuch Tag 14 : Aalglattes Fahrwasser

14:00 Uhr

Jens und Susanne zeichnen auf dem Lidodeck auf einer Seekarte den Verlauf unserer Fahrt über den Atlantik und die täglichen Positionsbestimmungen ein. „Vielleicht sind wir auch schon einen Tag eher in St. John's“, sagt Susanne. Jens miss gerade die letzte Etappe mit einem Zirkel ab. „Hier auf Kuba war ich schon“, erzählt Jens, „das war 1957, da saß Fidel Castro noch in den Bergen, Batista war noch an der Macht und Kuba war ein westliches Urlaubsland.“ - „Was hast Du 1957 auf Kuba zu tun, Jens?“

Der Schleswig-Holsteiner sagt: „Das war ein Ferienjob: Ich war noch Schüler und bin als Tellerwäscher auf einem Frachter mitgefahren. Schön war das, wir sind zwei Wochen auf Kuba geblieben.“ So lange? „Ja“, sagt Jens, „wir sollten Eisenerz laden und dauernd ging das Förderband kaputt.“ In Kuba scheint sich seitdem nicht allzu viel geändert zu haben.

14:10 Uhr

Auf dem Lidodeck herrscht emsiges Auf und Ab: Mitglieder der Crew bringen selbst gefertigte Souvenirs, die heute versteigert werden sollen: Taschen aus Segeltuch sind darunter, Flaschen mit eingeschliffener„Sea Cloud“-Silhouette, Wandbehänge mit Schiffsknoten, T-Shirts und eine Basecap mit Unterschriften der Crew-Mitglieder, Artefakte aus Originalmaterial der 4-Mast-Bark sowie Schnitzereien. Mindestgebote: eher höherpreisig. Größe der Kleidungsstücke: Mittel-Large.

Atlantik-Taufe
Was nach feuchtfröhlichem Karnevalskostüm aussieht hat lange Tradition...Alle Bilder anzeigen
1 von 5Foto: Reinhart Bünger
15.12.2011 13:31Was nach feuchtfröhlichem Karnevalskostüm aussieht hat lange Tradition...

16:30 Uhr

Hotelchef Simon Kwinta (Polen) macht den Auktionator. Kreuzfahrtdirektor Gabi Eidam assistiert, Zahlmeister Mirko Diekmann protokolliert. Was hat der Simon für eine Kraft! Der lebt die „Sea Cloud“ - und das seit Oktober 1985. Er holt für seine Crew-Mitglieder die optimalen Ergebnisse heraus. „Scha-ba-da-ba-da“, sagt er immer wieder und treibt Gabi an, mit den zum Gebot stehenden Objekten immer zum jeweils zuletzt Bietenden zu laufen. „Gabi, go, go, go!“. Nun wird ein Holzrelief angeboten. „Das ist kein Klebstoff, das ist echtes Teak“, ruft er in die Menge. Der begnadete Schiffszimmermann freut sich über Simons Einsatz, er hat das Wandbild hergestellt: Den Rumpf der „Sea Cloud“ hat er aus dem Teak-Stück herausgearbeitet.

Die Schnitzarbeit besticht in Form und Farbe: 250 Euro sind schließlich der Preis. Eine Dienstjacke des Kochs – mit allen möglichen Dinner-Angeboten auf dem Rücken - bringt einen fast zweistelligen Betrag. „Scha-ba-da-ba-da“. Eine der Knotentafeln geht für 100 Euro weg. Es ist ein Phänomen. Wohl jeder, der auf diesem Schiff gewesen ist, wünscht sich ein Originalteil mit nach Hause zu nehmen. Besonders gut gehen alle möglichen Behältnisse aus Segeltuch. Einen Seesack preist Simon mit diesen Worten ein und aus: „Der Segelstoff war schon an Bord, bevor ich anmusterte.“

21:39 Uhr

Unser Lektor Erich Übelacker legt uns den Himmel zu Füßen. Achtern am Notsteuerstand der „Sea Cloud“ zeigt er uns, was das spektakuläre Sternenbild ausmacht, das uns in der Karibik so beeindruckt. Wir sehen die Sternbilder Widder, Stier und Zwillinge. Uns schwirrt der Kopf. Auch Orion, „der erste Spanner der Geschichte“ (Übelacker), ist zu sehen. Und ist da noch Jupiter, der im Zenit steht. Doch wir stehen heute nicht mehr im Zenit. Wir sehen nur noch Sterne.

Und eine Sternschnuppe, die kommt aus dem Gemini, erklärt uns Erich. Nur zehn cm groß sei die Feuerkugel gewesen, ihre Bewegungsenergie werde beim Verglühen in Licht umgewandelt. Deshalb sehe sie so groß aus. Wir fühlen uns ganz klein und haben gar keine Bewegungsenergie mehr.

23:15 Uhr

Hell steigt plötzlich etwas am Horizont nach oben. Die Internationale Raumstation ISS? Ein Mondaufgang mitten in der Nacht? Wir sehen nicht mehr durch. Um uns wird es dunkel.