Heile Welt ist nicht gut fürs Geschäft

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Schweden mal anders : Mittsommer kann gefährlich sein
In schwedisch-typischem Falunrot präsentieren sich hier die meisten Häuser.
In schwedisch-typischem Falunrot präsentieren sich hier die meisten Häuser.Foto: Elisabeth Binder

Der Friedhof neben der Kirche ist einer von Stens Lieblingsplätzen, der auch schon zum Schauplatz wurde. Hier sitzt die quirlige Juristin oft und gern in der Nähe des Mahnmals für die unbekannten Seefahrer, holt sich Anregungen für Namen und denkt sich Handlungsstränge aus. Erstaunlich, wie zumindest in der Fantasie so viel passieren kann auf einer Insel, die man in zweieinhalb Stunden zu Fuß umrundet hat.

Oberhalb eines Anlegestegs steht das Vorbild für Noras Haus. Sie ist eine der Hauptfiguren und beste Freundin von Kommissar Thomas Andreasson, dem sie dank ihrer Verwurzelung auf der Insel immer wieder helfen kann, die Mordfälle zu lösen. Ganz in der Nähe befindet sich das gelbe Haus, das Viveca Stens Ururgroßvater einst kaufte. In dem wohnt heute noch ihr Vater.

So klein ist die Insel und trotz all der schick ausstaffierten Sommergäste so bodenständig, dass selbst die kleine Bäckerei eine Sehenswürdigkeit ist. Vor dem Laden bilden sich im Sommer lange Schlangen, denn allein die Zimtschnecken sollen die Anreise wert sein. Sandhamns Värdshus ist die Stammkneipe der Autorin. Hier trifft sie sich nach langen Schreibtagen mit anderen Inselbewohnern. Manchmal frönen sie dann der schwedischen Tradition, lustige Schnapslieder zu singen.

Das Essen dort jedenfalls ist sehr authentisch: Variationen vom marinierten Hering, natürlich Noras Leibgericht, den Fischtopf, und Lakritzparfait mit Himbeeren. Im frostigen Frühjahr geht es noch gemütlich zu. Im Sommer wird es dann wohl eher proppenvoll. Wo jetzt der Mond still herabscheint, flirrt dann Musik durch den Rosenduft, der aus den Gärten weht. Dann kommen die Besucher in Scharen, um zu segeln und zu fischen. „Wir hatten mal eine deutsche Familie zu Gast“, erzählt Anders Wahlsten vom Seglarhotell. „Die haben allerdings zwei Wochen lang gar nichts gemacht. Die wollten nur ihre Ruhe haben.“

Nachdem sie ihren Karriereberuf zugunsten der schriftstellerischen Berufung aufgegeben hat, genießt Viveca Sten die Überfahrt mit der öffentlichen Fähre auch unter der Woche, allein unter Pendlern. Während der Schreibphasen parkt sie ihr Auto in Stavsnäs und zieht ihren Koffer im schwedisch-typischen Falunrot auf die Sandhamn-Fähre. Von diesem Hafen aus dauert die Überfahrt nur eine Stunde. Sie ist Frühaufsteherin, und während die anderen Passagiere das Pendlerfrühstück mampfen, schweift ihr Blick über das glitzernde Meer und die vielen winzigen Inseln darin. Was da alles passieren könnte! Wo die Welt so heil ist, macht es erst recht Spaß, der Fantasie Schatten zu entlocken. Ihre fiktiven Leichen haben noch niemanden abgeschreckt, ganz im Gegenteil.

„Unten am Hotel wird im sechsten Fall auch eine Leiche gefunden“, sagt sie trocken. „Danke vielmals“, sagt Anders Wahlsten mit beißender Ironie. Aber seine Augen lachen dabei. Heile Welt allein ist eben auch nicht gut fürs Geschäft.

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