Der christliche Gott ist nur einer unter vielen

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Suriname : Auf wilden Wasserwegen
Helgard Below
Quasi in Amtstracht präsentiert Dorfvorsteher Asodanoe sich und zwei seiner Frauen.
Quasi in Amtstracht präsentiert Dorfvorsteher Asodanoe sich und zwei seiner Frauen.Foto: Helgard Below

Lebidoti erreichen wir nach einer wilden Slalomfahrt zwischen Baumskeletten im Brokopondo-Stausee. Mahnmale an den nach 1964 beim Aufstauen des Suriname ertränkten Urwald. Lebidoti blieb als einziges Dorf auf einer Halbinsel erhalten, alle anderen wurden umgesiedelt. Beim Betreten des Weilers schreiten wir unter einem Palmblatt-Vorhang hindurch, der böse Geister abstreifen soll. Etwas weiter steht ein kleiner Schrein, eine Art christlicher Altar.

Daneben hängt ein Laken auf einem Holzgestell, ein Opferplatz für Verstorbene. Beides Zeichen der geheimnisvollen Winti-Religion, die sich aus afrikanischen und christlichen Elementen zusammensetzt. Die Ahnen, die Götter der vier Elemente, Trance-Zeremonien und schwarze Magie spielen eine Rolle, der christliche Gott ist nur einer unter vielen. Kapitein Babo ist in Lebidoti für Gott und die Welt, für das Böse und Gute zuständig. Bei Gewaltverbrechen müsse er die Polizei aus der nächsten Stadt rufen, erklärt er, aber über kleinere Vergehen wie Diebstahl oder Fremdgehen könne er selbst richten. „Als Strafe verhänge ich die Verbannung aus dem Dorf oder Ausgleichszahlungen in Suriname-Dollar und Rum.“

Jetzt klingelt sein Handy und er ist für eine Weile abgelenkt. „Wir achten auf unsere Tradition“, sagt er schließlich. „Hin und wieder bekommen wir Besuch aus Afrika. Und die Ältesten können sich noch mit den Gästen verständigen.“

Weiße Maden - eine Leckerei!

Zum Abschluss streifen wir mit dem machetenbewaffneten Simon durch den Urwald. Weit oben warnt der Buschpolizei- Vogel mit seiner Sirenenstimme. Unten stöbern wir in der Ideenfabrik und Apotheke der Natur und schwingen wie Tarzan an einer Liane über ein Bächlein. Eine andere Liane durchschlägt Simon mit der Machete und trinkt daraus wie aus einem Wasserschlauch. Bitter Lemon findet er in den Nüssen der Bugrumakapalme und Rhabarbersaft in Sangrafustängeln.

Medizin und Wellnessprodukte muss er auch nicht lange suchen. Mit dem Mark der Buschpapaya werden Wunden behandelt, das Harz des Loksibaums dient zum Räuchern und die nach Marzipan duftende Amandealiane als Badezusatz. Manchmal hausen in den Palmnüssen auch dicke weiße Maden, für Kinder hier eine ausgesprochene Leckerei. Wir lehnen dankend ab, interessieren uns lieber für den Gecko, der sich in perfekter Tarnfarbe zwischen Baumrinde und Moosen verbirgt.

Dann umringen wir einem Baum, der weit in den von Millionen Blättern verdeckten Himmel ragt. Mächtige Rippen geben ihm Stabilität – und machen ihn zum Signalgeber. Simon sucht sich einen dicken Knüppel und hämmert mit aller Kraft auf die Stützwurzeln ein. Der Stamm wirkt wie ein Klangkörper und sendet einen tiefen Ton über Kilometer in das Dickicht. „Das ist der Telefonbaum“, sagt Simon. „Wenn ich in der Wildnis in Not gerate, kann ich über ihn einen Notruf absetzen!“ Dann entlässt er uns auf die einzige Verkehrsader der Region, den Oberen Suriname, und wir wissen, sollten wir uns jemals verirren, könnten wir mit einem einfachen Ast und einem Baum Hilfe rufen.