Todesmutige Wiener rasen über die Tanzfläche

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Wien : Ein, zwei Strähnen Lässigkeit

Trotz der stolzen Preise ist Geld hier kein Ausschlusskriterium. Studenten gehen für 50 Euro zum Ball. Junge Menschen, die bei Schäfer-Elmayer nachgewiesen haben, dass sie den Linkswalzer beherrschen, dürfen sich an der Eröffnung in der Winterreitschule beteiligen – und tanzen die ganze Nacht lang gratis. Wer sich die Karte leisten kann, weiß, dass er nicht nur zum Vergnügen, sondern zum Wohl der Pferde tanzt.

Denn der Sommerball ist auch eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Der Erlös fließt in das teure Gut in der Steiermark, das rund 10 000 Euro pro Tag an Unterhalt verschlingt, um die berühmten weißen Lippizaner hervorzubringen.

Um Mitternacht versammelt sich das gut konditionierte Wiener Ballpublikum unaufgefordert in der Winterreitschule. Wo sonst die Pferde tanzen, stehen Damen und Herren einander gegenüber. Thomas Schäfer-Elmayer tritt ans Mikrofon. Zu Klängen aus der „Fledermaus“ diktiert er mit ruhiger Stimme: „Die Herren nach vorn, die Herren nach vorn, die Damen hinterher!“ Doch dies ist nur der Anfang.

Das Tempo der Musik steigert sich, die Worte des Zeremonienmeisters verdichten sich zu einer raschen Folge verwirrender Anweisungen: den Herrn schräg rechts bei der Hand nehmen, im Kreis drehen, zurück zum eigenen Herrn, nach vorn, zurück, zur Seite, nun andersherum – und zwischendrin stürmen Paare in nahezu selbstmörderischer Absicht im Galopp durch die lange Reihe der Tanzenden. Trotzdem bleibt das beklemmende Gefühl, dass mangelnde Routine die schlimmste Quadrillenstörung ist. Als das Chaos im Kopf größer nicht mehr werden kann, hebt das Orchester an zu einer Polka. Noch einmal steigert sich das Tempo, todesmutige Wiener rasen über die schwarz-weiß gewürfelte Tanzfläche, als gäbe es kein Morgen. Ich fliehe in die Stallburg. Auch hier wird getanzt, jedoch erklingt zeitgenössisches Liedgut vom Band. Auch der Tanz gerät deutlich weniger anspruchsvoll, wiewohl einige Paare Schrittfolgen aufs Parkett legen, die auch dem Zeremonienmeister ein zustimmendes Nicken abringen würden.

Um halb vier am Morgen fliegen im Hotel die Schuhe von den Füßen. Irgendwann sind auch die 32 Nadeln aus dem Schopf gezupft. Außer den Haarsträhnen sind nun die Erkenntnisse zu sortieren. Ganz klar, der Wiener ist in seiner Ballkultur dem gemeinen Europäer um Lichtjahre voraus. Die Unerschrockenheit vor der formellen Kleidung ist dabei ebenso beeindruckend wie der verspielte Ernst, mit dem er die Quadrille angeht. Muße (und Mut) zur zweckfreien Kunst sind schließlich wesentliche Indikatoren für den zivilisatorischen Fortschritt einer Gesellschaft.

Für Einsteiger ist der Ball ein Erlebnis, das unvergesslich bleiben wird – schon wegen der eigenen Unzulänglichkeiten. Vor meinem nächsten Wiener Tanzvergnügen in gehobener Gesellschaft werde ich einen Intensivkurs bei Schäfer-Elmayer absolvieren: Wiener Walzer und Polka – für den Ernstfall Ball.