„Die Stille hier macht süchtig“

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Wunder der Natur : Aurora trägt dezentes Rouge
Rollende Tradition: Pferdewagen in der Nähe von Tulcea, dem Tor zum Donaudelta.
Rollende Tradition: Pferdewagen in der Nähe von Tulcea, dem Tor zum Donaudelta.Foto: Helge Bendl

Der Weg ins Donaudelta führt durch die Sonnenblumenfelder der rumänischen Region Dobrudscha nach Tulcea, einer Kleinstadt, in der sich bereits im Altertum Händler ansiedelten und in der auch die römische Flotte stationiert war. Gut 70 Kilometer Luftlinie entfernt vom Schwarzen Meer teilt sich die Donau hier in drei große Arme, die durch Kanäle, Sümpfe und Seen miteinander verbunden sind. Die weniger als 15 000 Bewohner des Deltas leben vom Fischfang, der Schilfernte für Reetdächer, außerdem inzwischen auch mehr und mehr vom Tourismus. Sie wohnen in blauen Holzhäuschen in den wenigen Dörfern an den großen Mündungsarmen, denn ganzjährig trockenes Land gibt es kaum. Straßen findet man im Delta überhaupt keine: Im rumänisch-ukrainischen Grenzgebiet regiert die Wildnis noch so wie fast nirgendwo anders auf dem Kontinent.

„Zuerst habe ich gedacht, das Delta sei ein verschlammter, stinkender Ort voller Mücken“, sagt George Panait schmunzelnd. Vor 35 Jahren, damals war er Student und verdiente sich als Fremdenführer im kommunistischen Rumänien ein paar Devisen, kam der heute 56-jährige Wasserbauingenieur zum ersten Mal für einen Tagesausflug ins Delta. „Ich war wie verzaubert: Es war nicht wie erwartet der schlimmste, sondern der schönste Platz im ganzen Land.“ Inzwischen hat der sympathische Naturfreund und Hobbyangler seinen früheren Beruf an den Nagel gehängt und verbringt fast das ganze Jahr im Donaudelta – nur nicht den Winter, denn da wird es ihm zu kalt. „Die Stille hier macht süchtig. Es gibt nichts Schöneres, als sich einfach treiben zu lassen, und wilden Tieren ganz nahe zu kommen.“

Sieht (und spürt) man nicht vor allem Milliarden von Moskitos, die nur darauf warten, frisches Menschenblut zu tanken? „In der Morgendämmerung und am Abend beim Sonnenuntergang muss man sich im Hochsommer schützen – sonst wird es schon ein wenig unangenehm“, sagt George Panait. „Doch im Frühling und Herbst, wenn die großen Vogelschwärme ziehen und die meisten Besucher anreisen, muss man sich wegen Stechmücken nicht viele Sorgen machen.“

Rumäniens Diktator Nicolae Ceausescu ließ in den achtziger Jahren etwa ein Fünftel des „nutzlosen“ Deltas zerstören, weil er die Sümpfe und Wasserflächen in Äcker verwandeln wollte. Das funktionierte zwar nicht so wie erhofft. Doch auch für den Rest hatte der Staatspräsident hochfliegende Pläne, um Industrie anzusiedeln und das Areal trockenzulegen. Die Wende 1989 verhinderte das Schlimmste, und inzwischen boomt der Tourismus – wenn auch nicht immer ökologisch verträglich.