Reisebildband von Werner Lampert : Planet der Kühe: Wie ein Bio-Pionier weltweit Rinderrassen dokumentiert

Sie sind dem Menschen ganz nah: als Nutzvieh, heilige Tiere, Seelenverwandte – und Heizung.

SACHA YNAGA: Jakutien, Russland.
SACHA YNAGA: Jakutien, Russland.Foto: © Werner Lampert GmbH, Ramona Waldner

Wer meint, um die Welt zu erobern, bräuchte der Mensch Mut, Waffen und Abenteuerdurst, irrt. Um die Welt zu erobern, braucht er viel dringender etwas ganz anderes. Nämlich: Kühe.

Das hätten dereinst auch die Spanier lernen müssen, als sie Amerika erobern wollten. Gelungen sei ihnen das nämlich erst im zweiten Anlauf, als sie Vieh mitbrachten, mit dem sie einen Stützpunkt aufbauen konnten.

So sieht es jedenfalls Werner Lampert, Österreicher, Jahrgang 1946, ein Freund der Kühe. Und das sei ja auch nur ein Beispiel für eine ganz besondere aber kaum je angemessen gewürdigte Mensch-Tier-Beziehung. Lampert sagt: „Kühe geben Sicherheit, mit Kühen kommst du nie in Not.“ Physisch nicht, weil Kühe Milch geben und Fleisch, und psychisch auch nicht: „Kühe lieben es, Beziehungen zu haben.“ Ob mit ihresgleichen als Herde oder eben mit den Menschen. „Geradezu symbiotisch“, sagt Lampert. Es gebe eine Seelenverwandtschaft.

TIROLER GRAUVIEH: Osttirol, Österreich
TIROLER GRAUVIEH: Osttirol, ÖsterreichFoto: © Werner Lampert GmbH, Ramona Waldner

Lampert ist zu Rinderhaltern auf der ganzen Welt gereist – und ließ sich das immer wieder bestätigen. Ob in Ostafrika oder Asien, in der Pampa Südamerikas oder den österreichischen Alpen, ob in glühender Hitze oder eisigster Kälte: Gemeinsam konnten Menschen und Kühe sich passend einrichten. Er war in Uganda, wo Ankole-Rinder mit mächtigen Hörnern von ihren nomadisch lebenden Züchtern als „Familienmitglieder“ bezeichnet werden, oder in Indien, wo eine heilige Kuh mitten auf der Kreuzung den Verkehr zum Erliegen bringt. Die außergewöhnlichste Beziehung habe er in Jakutien gefunden, sagt Lampert, im Nordosten Sibiriens. Dort, wo es im Winter bis zu minus 68 Grad kalt werden kann, dienen die Kühe ihren Bauern als Lieferanten einer fetthaltigen Milch – und außerdem als Heizung, denn die Menschen wohnen über den Ställen. Die Kühe sind weiß wie der Schnee, ihr dichtes Fell umwächst sogar die Euter, damit darin nicht Milchspeiseeis entsteht, und um ihre schwarzen Augen haben sie schwarze Streifen, die ihnen eine gewisse Eleganz verleihen. Sacha Ynaga heißen sie, ein Name, der auch ein Model schmücken würde. Weidezäune gibt es in den Weiten der russischen Prärie nicht, das wäre ja albern, außerdem kommen die Kühe abends von allein zu ihren Bauern zurück.

HARIANA: Haryana, Indien.
HARIANA: Haryana, Indien.Foto: Judith Benedikt

Innige und vertrauensvolle Mensch- Kuh-Beziehungen gibt es auch in den hiesigen Regionen. Beispielsweise in den Alpen. Dort hat Werner Lampert das Tiroler Grauvieh zu seinem Lieblingstier erkoren, das auch das Hintergrundmotiv seines Mobiltelefons sei – „selbstredend“, wie er findet. Diese grausilbrigen Rinder haben Vorfahren bis in die Bronzezeit zurück, wo sie als robuste Arbeitstiere geschätzt wurden. „Hat sich ein Bauer einmal für das Grauvieh entschieden, bleibt er auch dabei – und mit ihm die folgenden Generationen“, weiß Lampert und freut sich über diese wertschätzende Beständigkeit. Die keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

MAREMMANA: Toskana, Italien.
MAREMMANA: Toskana, Italien.Foto: © Werner Lampert GmbH, Ramona Waldner

„Ich beobachte die Landwirtschaft seit 20 Jahren“, sagt Lampert, der in Österreich zu den Bio-Pionieren zählt, „und ich sehe, wohin es geht.“ Viele Städter hätten keine Vorstellung davon, wie die Tiere leben. Vielmehr: Wie sie leben würden, wenn man sie nicht als Hochleistungsmilchlieferanten oder Expressmastwurstmaterial ausplündern und in übervollen Produktionshallen platz- und kostensparend verzwecken würde. „Die Beziehung, die mehr als 10 000 Jahre gehalten hat, ist gerissen“, sagt Lampert, das betrübt ihn. Er ist davon überzeugt, dass der Mensch auch selbst etwas verliert, wenn er die Beziehungen zum Tier opfert. Sein opulentes Fotoreise-Buch namens „Die Kuh“ nennt er deshalb ein „Mahnmal“. „Und eine Erinnerung an die gute alte Zeit.“
„Die Kuh. Eine Hommage“ von Werner Lampert, teNeues, 480 S., 49,90 Euro

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