Die Aufklärung beginnt

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Rekonstruktion eines Doppellebens : Wie der Tod die Lüge schützt
Ihren Namen sollten wir nicht nennen, sie wollte auch nicht erkannt werden, darum hielt sie sich auf dem Foto die Hände vors Gesicht.
Anonym. Im April veröffentlichten wir im „Sonntag“ ein großes Interview mit einer jungen Frau, die Krebs hat und vom nahenden Ende...Foto: Mike Wolff

Diesen Fall aufklären? Die Recherche wird eine monatelange Reise in psychische Abgründe und zu zerstörten Freundschaften, wir treffen auf Ratlose und auf Wütende, auf schwer Erschütterte und Gelassene, es werden psychiatrische Diagnosen gestellt und verworfen, Kalender verglichen, um der Wahrheit näher zu kommen.

Fast unmöglich ist das. Denn im Netz von Jasmin Zöller sind unzählige Menschen miteinander verstrickt, die sie unterschiedlich lange kennen – und die sich untereinander oft gar nicht kennen: Arbeitskollegen, Studenten, Hospizmitarbeiter, Professoren, Auszubildende und Ausbilder an Instituten, die Familie und Freunde aus der sächsischen Heimat.

Manche wollen nicht reden oder dürfen aus berufsethischen Gründen nicht, andere brauchen erst einmal Zeit, den Schock zu verdauen, einige melden sich Wochen später über schon bestehende Kontakte bei uns.

Wir führen viele oft stundenlange Gespräche.

Warum hat niemand etwas gemerkt?

Gemeinsam ist allen nur eine klare Forderung: Personen anonym, Orte anonym, Institutionen anonym. Sie wollen unerkannt bleiben oder auch Rückschlüsse auf Frau Zöller, deren Name für diesen Artikel geändert ist, unmöglich machen. Und alle stellen sich dieselbe Frage: Hätte ich diesen absurden Schwindel nicht bemerken müssen? Bei der gemeinsam verbrachten Zeit über die Monate und Jahre, den vielen Kinobesuchen und tröstenden Gesprächen, der engen Zusammenarbeit?

Die meisten der Getäuschten sind gut ausgebildete Profis, Psychologen, Therapeuten, Krankenschwestern, Fachkräfte in Sachen Sterbebegleitung.

Andererseits: Wer unterstellt schon einer Sterbenskranken, die zwei Jahre lang ein Hospiz besucht, die sogar mal eine frische Operationswunde zeigen kann, auf deren Tisch zu Hause sich die Medikamente stapeln, die sich in diversen Krankenhäusern besuchen lässt, die sich bisweilen vor Schmerzen krümmt und zu schwach ist, Treppen zu steigen – sie sei eine dreiste Simulantin?

Der Tod steht als mächtiger Schutzwall vor der Lüge.

Eine gigantische intellektuelle Leistung

Einige haben ein Beziehungsdiagramm erstellt, um das komplexe System dieser Täuschung verstehen zu können. Doch am einfachsten lässt sich das Zöllersche Konstrukt als zwei Kreise mit winzig kleiner Schnittmenge begreifen.

Für den Lebensbereich „Studium, Beruf, Hospiz“ leidet sie seit Jahren an Krebs. Für den Lebensbereich „Freunde, Heimat“ ist sie putzmunter. Die Menschen vom einen Kreis wissen von den anderen nichts.

Es gibt demnach Tage, da arbeitet Zöller am Vormittag todkrank im Institut an ihrer Doktorarbeit, trifft dann als Gesunde eine Freundin zu Kaffee und Kuchen, fährt nach Hause und wartet auf den Sterbebegleiter vom Hospiz, um mit ihm zweieinhalb Stunden über letzte Wünsche oder Ideen für die Beerdigung zu reden.

Es ist eine gigantische logistische und intellektuelle Leistung. Die junge Frau, die jeden Einzelnen im Glauben lässt, sie sei extrem einsam und man müsse sich um sie kümmern, zeigt sich fantasiebegabt und pflegt einen weit verzweigten Freundes- und Bekanntenkreis.

Sie erzählt dort detailgenau von Arztbesuchen, von Therapieplänen, von einer Reise an die Ostsee, wo sie in einem Aufzug kollabierte und erst im letzten Moment wiederbelebt wurde.

Tage und Nächte muss sich Jasmin Zöller zum Thema Krebs fortgebildet haben, damit ihr kein Fehler unterläuft. Zu Zeiten, in denen sie vorgibt, eine Chemotherapie zu machen, trägt sie auch mal einen Venenkatheter mit Pflaster im Brustbereich. In unserem Interview sagt sie über ihre vierjährige Leidenszeit: „Ich habe im Schnelldurchgang ein halbes Medizinstudium absolviert.“ Heute weiß man, warum.

Ihr Leben ist ein Drama

Ihr Leben, wie sie es darstellt, ist ein einziges Drama. Und wer sie kennt, fragt sich, wie es einen Menschen so verdammt hart treffen kann. Ihr Zwillingsbruder, zum Beispiel. Er, den sie so sehr liebte und mit dem sie in Sri Lanka mit Straßenkindern gearbeitet hatte, starb bei einem Autounfall am Steuer; sie saß direkt neben ihm.

Es dauerte 35 Minuten, bis der Rettungswagen kam. Zu spät. Sie fiel ins Koma, als Philipp sein Leben aushauchte, wachte sechs Wochen später im Krankenhaus auf. Lange verschweigt man ihr den Tod des Bruders.

Das lässt sie nicht los, er ist ein ständiges Thema. So sehr, dass ihr Sterbebegleiter sie zu einer Traumatherapie drängt, sie müsse das aufarbeiten.

In unserem Interview sagt sie, ihre Eltern seien emotional überfordert damit, nach dem Bruder wohl bald auch die leukämiekranke Tochter zu verlieren.

Sie bittet den Lebensbereich „Studium, Beruf, Hospiz“, keinen Kontakt mit ihrem Zuhause aufzunehmen und die Eltern mit ihren Nöten in Ruhe zu lassen.

Als wir eine enge Freundin Jasmin Zöllers treffen, Psychologin auch sie, und in einem Café vier Stunden lang neue Fakten erfahren, wird klar: Den Bruder gab es nie, er ist ein Phantom. Geschichten wie diese erfand Zöller unzählige. Auch die überforderten Eltern existieren so nicht, es gibt Mutter und Oma, beide der Tochter und Enkelin durchaus fürsorglich verbunden.

Respekt. Das ist, was die meisten der Betrogenen äußern. Jasmin Zöller sei „hochintelligent“ und mit großer „sozialer Kompetenz“ vorgegangen, auch „brutal manipulativ“. Als sie beispielsweise wegen einer Knie-Operation in einem Zehlendorfer Krankenhaus liegt, bereitet sie ihre Besucher telefonisch vor.

Die sollten sich nicht wundern, dass sie nicht in der Onkologie liege, denn obwohl es einen Verdacht auf einen weiteren Tumor gebe, werde der Eingriff in der Chirurgischen Abteilung vorgenommen; von ihrer Leukämieerkrankung hätten die Krankenschwestern offenbar überhaupt keine Kenntnis, es sei besser, diese nicht zu erwähnen.

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