Erklärungen eines Psychiaters

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Rekonstruktion eines Doppellebens : Wie der Tod die Lüge schützt
Ihren Namen sollten wir nicht nennen, sie wollte auch nicht erkannt werden, darum hielt sie sich auf dem Foto die Hände vors Gesicht.
Anonym. Im April veröffentlichten wir im „Sonntag“ ein großes Interview mit einer jungen Frau, die Krebs hat und vom nahenden Ende...Foto: Mike Wolff

Frau Zöller ist nun, was sie nie sein wollte: isoliert. Sie musste die Promotion und ein damit verbundenes Stipendium aufgeben, sie hat ihre Jobs gekündigt, ihre weitere Ausbildung beendet, gespendetes Geld zurückgegeben. Unsere Gesprächspartner haben keinen Kontakt mehr zu ihr.

Die Frage nach dem Warum führt an einem Mittwoch im November nach Hamburg zu Dr. Birger Dulz. Der Psychiater, 63, ist Chefarzt der Klinik für Persönlichkeitsstörungen in Ochsenzoll, ein renommierter Experte. Sein Büro in Haus 5, erster Stock, ist auch Therapieraum mit vielen Stühlen, Yuccapalme und Bambus, an der Wand die Marx Brothers und Einstein mit herausgestreckter Zunge. Dulz hat unser Interview mit Frau Zöller gelesen und ist mit dem Stand der Recherchen vertraut.

Herr Dulz, bei unseren Gesprächen fiel immer wieder der Begriff „Münchhausen-Syndrom“. Können Sie den erklären?

Daran leiden Patienten, die lügen. Sie denken sich sehr beeindruckende Geschichten aus, die häufig fundiert wirken. Sie bekommen dadurch Kontakte, die sie sonst nicht hätten oder sich nicht zutrauen würden. Meist liegt dem eine Störung zugrunde.

Einige sprachen von „pathologischem Lügen“. Ist das etwas anderes?

Nein, das passt dazu.

Noch eine Mutmaßung: Es handele sich um eine „artifizielle“ oder „dissoziale Persönlichkeitsstörung“.

Artifiziell gehört zu Münchhausen. Und der Begriff dissozial ist, was ich antisozial nenne, nach dem Diagnosemanual DSM, das ist ein Klassifikationssystem der Psychiatrie. Da geht es darum, dass jemand mit anderen Menschen ohne große Gewissensbisse manipulativ umgeht, um selbst einen großen Vorteil zu kriegen. Es gibt Leute, die sagen, man könne es nicht an die Spitze eines Dax-Konzerns schaffen, ohne antisozial zu sein. So würde ich das nicht unterschreiben.

Es könnte "Borderline" sein

Eine Bekannte der Frau, selbst Psychologin, fragt sich: Warum hat sie diesen komplizierten Weg gewählt, nur um Kontakt zu Menschen zu bekommen?

Warum nicht? Es ist doch brillant gelaufen. Sie hat ja viel erreicht mit dieser Lügengeschichte. Sie wurde jahrelang bewundert und umsorgt, hat Vorträge gehalten, wurde interviewt, hatte gleich zwei Sterbebegleiter, ein gewaltiges soziales Umfeld, eine Psycho-Onkologin und und und. Besser geht’s nicht. Menschen wie Frau Zöller haben oft Probleme mit nahen Beziehungen, über eine Funktion läuft es dann. Hier übernahm der Krebs diese Funktion. Als Sterbende konnte sie Beziehungen leben, die es sonst nicht gegeben hätte.

Die Frau hat ein höchst einnehmendes Wesen, sie ist klug, charmant, lustig. Damit kommt man doch im Leben ziemlich weit.

Wenn man sich das traut! Sich das nicht zu trauen ist typisch für viele Menschen mit Persönlichkeitsstörungen. Das lässt sich vergleichen mit Leuten, die im Beruf sensationell sind und auf dieser Bühne souverän und eloquent agieren, privat können die ziemlich isoliert sein. Solche Ausprägungen wie in ihrem Fall sind allerdings äußerst selten, das ist schon extrem. Es spricht vieles dafür, dass es sich um eine Persönlichkeitsstörung handelt, Borderline, Cluster B, antisozial. Das hat archaische Wurzeln, meist liegen die in der Kindheit, das beginnt oft im Säuglingsalter, Missachtung, Misshandlung – so entsteht möglicherweise eine mangelhafte Angsttoleranz, man bekommt keine große innere Sicherheit. Das Leid muss groß sein, wenn sich jemand gezwungen sieht, so einen Aufwand zu treiben, um psychisch zu überleben.

Sie hatte über Jahre hinweg eine sehr gute Freundin, für die sie immer gesund war. Es ging also schon.

Wurde da wirklich Nähe zugelassen? Vielleicht wurde diese Beziehung durch die Krankheitsgeschichte stabilisiert, wer weiß?

Krankheit mit guter Prognose

Mehrere erfahrene Psychologen sagen, Frau Zöller sei „nie auffällig in ihrem interaktiven Verhalten“ gewesen. Ist das bemerkenswert?

Ja, zumal es nicht ganz stimmt. Wäre sie verwirrt gewesen, wäre sie längst aufgeflogen. Doch sie ist ja im interaktiven Verhalten auffällig, denn sie hat alle angelogen. Es hat nur keiner gemerkt.

Nun ist die Lügnerin selbst Psychologin. Hilft das bei der Bewältigung der Krankheit?

Nein, Fachwissen bringt da gar nichts, jedenfalls auf der emotionalen Ebene. Wenn es um die Ebene des Verstehens geht, dann ja. Im Bereich der Borderlinestörung finden sich Unmengen von Patienten, die gerne anderen helfen. Das ist fast ein diagnostisches Merkmal, auch wenn es nicht ausreicht. Ich könnte unter meinen Patienten jederzeit das Personal für eine psychiatrische Station rekrutieren. Bis auf Ärzte, ein stringentes Medizinstudium stehen die nicht durch.

Kommt man aus so einer Störung je wieder raus?

Es ist ziemlich gut behandelbar, zwei Drittel bis drei Viertel haben eine ausgesprochen positive Prognose. Das kann durchaus einige Jahre dauern, dann kann man symptomfrei sein. Von Heilung können wir nicht sprechen, denn Heilung wäre die Beseitigung der Ursachen des Leidens. Und die Ursache ist die Lebensgeschichte, die lässt sich ja nicht eliminieren.

Draußen legt sich langsam Dunkelheit über das Klinikgelände, beim Abschied von Dr. Dulz fällt ein weißes T-Shirt auf, das neben der Tür auf einem Kleiderbügel hängt; es hat den Aufdruck „Ich bin Scheiße / Du bist schuld“.

Die Wahrheit bleibt ein Geheimnis

Zurück in Berlin nehmen wir wieder Kontakt mit Jasmin Zöller auf. Viereinhalb Monate sind seit dem für sie niederschmetternden Satz „Sie werden nicht sterben“ vergangen. Mailbox, SMS. An einem Sonntagvormittag ruft sie zurück, sie klingt ähnlich heiter wie früher.

Sie sei, erzählt sie, zurück in die Heimat gezogen, sie habe dort Wohnung und Arbeit gefunden, auch eine Psychotherapie begonnen.

Mutter, Großmutter und andere ihr Nahestehende wüssten Bescheid, sie habe alle aufgeklärt. Dass sie nicht an einem Lymphom leide. Dass sie in Berlin über lange Zeit eine Leukämieerkrankung erfunden habe.

Angehörige und Freunde seien zwar geschockt gewesen, könnten aber damit umgehen. Sie selbst verspüre Erleichterung, seitdem das Lügen vorbei sei, andererseits falle es ihr schwer, mit den Schuldgefühlen zu leben.

Nein, sagt sie, sie wolle nicht von uns besucht werden. Das Telefongespräch wird nun mühsam, sie wirkt irritiert, sie schluckt.

Wir erklären Frau Zöller, dies sei ein beruflicher Anruf, wir würden, soweit möglich, alle ihre Angaben überprüfen. Es könne doch jetzt kein Problem mehr sein, etwa mit ihrer Mutter zu reden, nun, da diese über den Schwindel informiert sei?

Okay, sagt sie, von mir aus gerne, und diktiert mit gepresster Stimme eine Mobilnummer.

Wir rufen an, jeden Tag zu unterschiedlichen Zeiten, wochenlang. Dieses Handy ist ständig ausgeschaltet. Die Wahrheit bleibt das Geheimnis von Jasmin Zöller.

Mitarbeit: Susanne Kippenberger

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