Nach vier Jahren fliegt die Lüge auf

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Rekonstruktion eines Doppellebens : Wie der Tod die Lüge schützt
Ihren Namen sollten wir nicht nennen, sie wollte auch nicht erkannt werden, darum hielt sie sich auf dem Foto die Hände vors Gesicht.
Anonym. Im April veröffentlichten wir im „Sonntag“ ein großes Interview mit einer jungen Frau, die Krebs hat und vom nahenden Ende...Foto: Mike Wolff

Wir bleiben auch nach der Veröffentlichung per E-Mail und Telefon in Kontakt mit Frau Zöller. Leser des Tagesspiegels schicken uns Geld für sie, andere bieten der körperlich Geschwächten eine Wohnung im Parterre oder mit Aufzug an. Wieder andere versprechen, einen im Interview geäußerten „letzten Wunsch“ zu erfüllen: Ein großer Autokonzern spendet der Fußballnärrin Tickets fürs Pokalfinale Wolfsburg gegen Dortmund im Olympiastadion, von dort erhalten wir ein Selfie mit der Botschaft, sie sei total glücklich, nur der falsche Klub habe gewonnen.

Jemand will mit ihr auf der Spree paddeln.

Ein selbst an Krebs Erkrankter bedankt sich per Brief bei ihr: „Ich habe mir die Seiten aufgehoben, weil ich sicher bin, dass ich darin lese, wenn scheinbar ausweglose Situationen in mein Leben treten werden. Ich ziehe dann Kraft aus Ihrer Kraft.“

An einem Montag im Juli, drei Monate nach Abdruck des Interviews, schreibt Jasmin Zöller eine E-Mail an uns: „Der Fieberschub der letzten Chemo hat mich in ein geistiges Nirwana versetzt, das selbst die Beantwortung von E-Mails nicht mehr zuließ. 40 Fieber bei 40 Grad Außentemperatur – eine denkbar schlechte Kombination. Zum ersten Mal fühlt sich mein Sterben nicht mehr so bedrohlich an, ich bin irgendwie mehr im Einklang mit mir und mit der Situation – verstehen Sie, wie ich meine? Es ist jetzt, wie es ist, und sollte ich sterben, wird auch das in Ordnung sein, die Angst davor ist irgendwie weg.“ Sendezeit 14:14 Uhr.

"Sie werden nicht sterben"

Vier Stunden später sitzt sie im Büro des Hospizes zwei Mitarbeiterinnen gegenüber. Die beiden haben um das Gespräch gebeten, haben zuvor mit Ärzten geredet, sich in Krankenhäusern erkundigt, Psychologen kontaktiert und zuletzt aufgetauchte Widersprüche überprüft. Jetzt sind sie sich absolut sicher.

Sie sagen zu Frau Zöller: Sie sind nicht krank. Sie haben keine Leukämie. Sie werden nicht sterben.

Was für jeden anderen Kranken eine gute Nachricht wäre, ist für Frau Zöller eine Katastrophe, das Ende ihrer Existenz als Todgeweihte.

Sie wehrt sich kurz, sagt, sie könne Arztbriefe vorzeigen. Dann gibt sie auf, geht ziemlich gefasst und wird das Hospiz nie wieder betreten.

Eine überraschende E-Mail

Wenige Tage später sitzen Susanne Kippenberger und ich, noch immer ahnungslos, morgens bei einem beruflichen Termin zusammen, als das Smartphone E-Mail-Eingang signalisiert:

„Liebe Frau Kippenberger, lieber Herr Thomma, wie Sie sicherlich bereits wissen, bin ich nicht diejenige, für die Sie mich gehalten haben – zumindest nicht ausschließlich. Es gibt keine Worte, die ich Ihnen schreiben könnte, die angemessen wären. Mein empörendes, zutiefst verletzendes, schockierendes (und auch verachtenswertes) Verhalten ist Teil einer größeren und schwereren psychischen Erkrankung, und es ist jetzt an mir, die notwendige therapeutische Unterstützung zu suchen. Für jeden Schaden, den ich Ihnen persönlich zugefügt habe, entschuldige ich mich zutiefst!“

Wir schauen uns verwirrt an. Was genau bedeutet das?

Wir drücken die Anruftaste und hören die vertraute Stimme, es wird ein kurzer Dialog. „Haben Sie Krebs?“ – „Nein.“ – „Sie werden also nicht sterben?“ – „Nein.“ – „Und warum haben Sie…“ – „Ich wollte Aufmerksamkeit.“

Wir informieren die Chefredaktion und beschließen, dies umgehend auch mit unseren Lesern zu tun, online und in der Printausgabe: „Nun räumt die Interviewte ein, sie habe jahrelang alle mit ihr in Kontakt stehenden Personen getäuscht, Freunde, Kollegen, Sterbenskranke im Hospiz sowie dessen ehrenamtliche und professionelle Mitarbeiter, auch unsere Redaktion. Wir werden versuchen, die Hintergründe dieses Falles aufzuklären. Die Sonntag-Redaktion (9. Juli 2015)“.

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