Händel kann auch schwimmen

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Sachsen-Anhalt : 48 Stunden musikalisches Halle
Händel weist den Weg zu den vielfältigen Spielorten Halles.
Händel weist den Weg zu den vielfältigen Spielorten Halles.Foto: Susanne Kippenberger

9 UHR

Musikpause. Wer Stille sucht, findet sie auf dem Stadtgottesacker, unter alten Bäumen. Wenn man den Grabsteinen glauben darf, ruhen sie alle dort in Frieden, ob Oberpostdirektor, Otto Nasemann, Händels Eltern oder der Initiator des Tages der Briefmarke. Die Engel stehen stumm auf dem Grab, zu hören gibt’s nur Vogelgesang. Ein Hauch Italien an der Saale: Der Renaissancefriedhof wurde nach dem Vorbild des Camposanto in Pisa angelegt und von engagierten DDR-Bürgern vor dem Verfall gerettet.

10 UHR

Auch August Hermann Francke liegt dort. Der Zeitgenosse Händels vertrat als Pietist die Meinung, dass man Glaube, Liebe, Hoffnung nicht nur predigen, sondern vor allem leben sollte. Und so verschaffte er armen Jungen und Mädchen eine Schulbildung. Der fortschrittliche Unterricht zog bald auch Mittelschicht und Adel an, der Campus wuchs und wuchs, fast zu einer eigenen Stadt, die die Francke’schen Stiftungen heute noch – beziehungsweise wieder sind (Franckeplatz 1). Zur Zeit der Wende sahen sie wüst aus, hatten Tauben die alten Gemäuer vollgekackt. Heute erklingen Händel’sche Arien aus dem Fenster des alten Waisenhauses, befinden sich auf dem Gelände Museum, Wunderkammer, Studentenwohnheim, Kapelle, Pflegeheim, Montessori-Kindergarten, Schulen aller Art – und ein Aussichtsturm. Der Stadtsingechor hat hier ebenfalls sein Zuhause gefunden.

13.30 UHR

Händel kann auch schwimmen. Das Ausflugsschiff, das des Musikers Namen trägt, gleitet ein Stündchen über die Saale, durch romantische Szenerie, vorbei an der Höhle, in der Turnvater Jahn sich einst vor seinen Kommilitonen versteckte (Schiffsanleger Riveufer 5 / Ecke Rainstraße). Die Gäste im „Krug zum Grünen Kranze“ – ja, genau, die Inspiration zum gleichnamigen weinseligen Volkslied –, haben den besten Blick hoch zur Burg Giebichenstein, auf der Händel senior als Arzt tätig war. Heute studieren dort angehende Künstler und Designer, die ihre Objekte in Pop-up-Stores im Zentrum verkaufen. Nach der Wende und dem Niedergang der Chemieindustrie eine schrumpfende Stadt, ist Halle nun wieder eine wachsende, gerade dank des Schwerpunkts Kultur und Wissenschaft. 21500 Studenten leben hier, der Kirchenmusik ist eine eigene Hochschule gewidmet.

In der Marienkirche hat der Barockkomponist an der Orgel gelernt; der dazugehörige Rote Turm beherbergt das größte Glockenspiel Europas.
In der Marienkirche hat der Barockkomponist an der Orgel gelernt; der dazugehörige Rote Turm beherbergt das größte Glockenspiel...Foto: Stadtverwaltung Halle

15 UHR

Zeit für musikalische Abwechslung. Nein, die Beatles sind nie in Halle gewesen, werden auch nie dorthin kommen, ja, „noch nicht mal ein Bruder von der Oma hat hier gewohnt“, wie Martin Schmidt, einer der Leiter des Beatles-Museums, sagt (Alter Markt 12). Wie die Liverpooler dann nach Halle kamen? Ein Kölner Sammler konnte seine Schätze in der Heimat nicht zeigen – die Mieten waren dort zu hoch. In Halle füllen sie nun ein ganzes barockes Bürgerhaus, vor allem Gedrucktes und Gepresstes, zwischendrin ein Damenstrumpf mit Pilzköpfen oder ein Ikea-Hocker namens Ringo. Keine Originalgitarre, aber, immerhin, ein Löffelchen aus dem Hause Lennon. Besonderes Highlight: die wenigen Beatles-Singles, die in der DDR erscheinen durften und heiß diskutiert wurden – bis Walter Ulbricht damit Schluss machte. Schulklassen verlegen ihren Musikunterricht hierher. Durchs ganze Haus schallen Hits vom Band, die Besucher singen automatisch mit. Let it be.

16.30 UHR

Wo Händel und Wagner als Straßen aufeinanderstoßen, gedeiht ein Szeneviertel. Am Reileck haben sich kleine Läden angesiedelt, Design, Papeterie. Galerie, Weinhandel, Literaturhaus und Yoga. Abends gibt’s Blues in der Musikkneipe Brohmers (Bernburger Straße 9).

18.30 UHR

Kurze Stärkung in der „Gourmétage“, am Eingang des Einkaufszentrums „StadtCenter Rolltreppe“ (Große Ulrichstraße 60). Der ausgezeichnete Feinkost-Weinladen hat auch ein paar Tische, an denen man Carpaccio mit Spargel verspeist, knuspriges Brot in edles Olivenöl tunkt und dazu einen Grauburgunder von der Saale trinkt. Der perfekte Ort, um sich für ein Picknick einzudecken.

20 UHR

Glück gehabt. Die Vorstellungen des renommierten Puppentheaters sind eigentlich immer ausgebucht. Das „Konzert für eine taube Seele“ erzählt die Geschichte von Maurice Ravel, der den Verstand zu verlieren droht und die Musik, die er im Kopf hat, nicht mehr aufs Blatt bringen kann – herzzerreißend, witzig und mit hochkarätiger Pianistin.

22 UHR

Zum Nachklingen in die Bar des Programmkinos „Zazie“ (Kleine Ulrichstraße 22). Der Sound: angeregtes Gemurmel. In der Kleinen Ulrichstraße, die so klein gar nicht ist, dafür aber verkehrsberuhigt, reiht sich ein Café ans nächste Lokal. Vor 40 Jahren undenkbar. Im Stadtmuseum hängt ein Foto der heutigen Ausgehmeile, die damals im Nebel und Dreck der Chemieindustrie versank. Wie heißt es bei Händel: Halle – luja!