Frank Ocean sprengt alle Genregrenzen

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Frank Ocean bricht mit dem klassischen Stereotyp des schwarzen Musikers als Ladylover.
Frank Ocean bricht mit dem klassischen Stereotyp des schwarzen Musikers als Ladylover.Foto: imago/Stefan M Prager

ELENA FERRANTE

Ich gehe gern in Buchläden. Als ich im vergangenen Jahr bei Hugendubel in Charlottenburg stöberte, sah ich „Meine geniale Freundin“, bin aber daran vorbeigelaufen, denn mir gefiel die Illustration auf dem Cover nicht. Ein paar Wochen später las ich eine Kritik über das „Epos der Moderne“, wie es hieß, und ich änderte meine Meinung. Ich habe das Buch fast in einem Schwung durchgelesen, in jeder freien Minute nahm ich es zur Hand. Eine tolle Geschichte zweier Frauen aus einem armen Bezirk im patriarchalischen Neapel der 1950er Jahre.

Wie ihre Frauenfreundschaft beschrieben wird, ist schonungslos ehrlich. Es geht um das Verhältnis zwischen Liebe, Loyalität, Verrat, Neid und Selbstzerstörung. Frauenfreundschaften können sehr kompliziert werden. Und das hat viel mit Erziehung und Selbstwahrnehmung zu tun. Wie Gesellschaften die Rolle der Frauen bewerten. Die Beschreibung der Freundinnen Lenu und Lina ist so glaubhaft, dass hinter dem Pseudonym Elena Ferrante bestimmt eine Frau steckt. Es ist mir jedoch total unwichtig, den richtigen Namen zu erfahren. Ich fand es unmöglich, als ein Journalist kürzlich versucht hat, das Geheimnis zu lüften, indem er Abrechnungen des Verlags verglichen hat. Das empfinde ich als Verletzung der Privatsphäre.

FRANK OCEAN

Ihn halte ich für den interessantesten Musiker unserer Zeit. Er sprengt alle Genregrenzen, dringt vom R&B ausgehend in die elektronische Musik und sogar in den Indie-Rock vor. Und dann hat er, der sich als Teil der Welt von Hip-Hop und Soul versteht, sich als Homo- oder Bisexueller geoutet. Das ist ein Bruch mit dem klassischen Stereotyp des schwarzen Musikers als Ladylover. Das muss in seinem Umfeld ein Erdbeben ausgelöst haben. Er bricht mit den Konventionen des Musikgeschäfts. Als sein letztes Album „Blonde“ auf der Vorschlagsliste für die Grammys auftauchte, hat er seinen Namen streichen lassen und ist auch nicht zur Verleihung gegangen. Trotzdem erreicht er flächendeckend Menschen.

Wir hören seine Musik zu Hause, die ganze Familie. Mein damals neunjähriger Sohn hat im Musikunterricht ein Referat über Frank Ocean gehalten und an seinem Beispiel erklärt, wie man als Musiker im Zeitalter des Internets phänomenale Möglichkeiten hat, den eigenen Weg zu bahnen. Die anderen Kinder haben das komplett verstanden – und am Ende hat mein Sohn dafür eine glatte Eins bekommen.

CAROLIN EMCKE

Im Buchladen bin ich vergangenes Jahr auf ihr Buch „Gegen den Hass“ aufmerksam geworden. Da war der Sticker „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“ drauf. Ich konnte mich nicht erinnern, eine Frau gelesen zu haben, die den Preis gewonnen hat. Deshalb habe ich das Buch blind gekauft. Ich fand sehr gut, wie Emcke darin ein uraltes Phänomen, den Hass gegen das Unbekannte, auf eine anschauliche Weise beschreibt. Emcke analysiert unter anderem den Angriff auf einen Bus mit Flüchtlingen in Clausnitz, erklärt, wie Menschen in solche Situationen geraten, Scheibe für Scheibe.

Ich hatte den Eindruck, sie ist eine Frau, die weiß, wie es ist, ausgeschlossen zu sein. Erst im Nachhinein habe ich über sie gelesen, dass sie in einer lesbischen Beziehung lebt. Ich würde sie sehr gern einmal treffen oder einen Vortrag von ihr besuchen. Ich habe mir auch ihre Rede anlässlich des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels angeguckt. Was für eine kluge Frau! Obwohl mich etwas gestört hat, was gar nichts mit Carolin Emcke zu tun hat. Im Publikum saßen fast nur die üblichen Verdächtigen: Akademiker, Literaten und Politiker. Ich hätte mir eine buntere Mischung gewünscht.

AUGUST WILSON

Er ist der berühmteste schwarze Dramatiker überhaupt, hat zweimal den Pulitzer-Preis gewonnen, der Film „Fences“ beruht auf einem seiner Stücke, und hierzulande ist er unbekannt. Von ihm habe ich erst vor ein paar Monaten über meine Schwägerin erfahren.

Wilson beschreibt in einer Serie mehrerer Theaterstücke die afroamerikanische Geschichte in unterschiedlichen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, wie seine Protagonisten das Erbe der Sklaverei verarbeiten, wie es zwischen den Generationen zu Konflikten kommt, sie auf der Suche nach sich selbst und dem eigenen neuen Platz in der Gesellschaft sind, und wie sie am systemimmanenten Rassismus scheitern. Er nimmt uns mit in die Häuser und Gedanken seiner Protagonisten. Eine abgeschlossene Welt, von der man sonst kaum hört, nicht viel weiß.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz.