"Ich schleppe Geld ins Land. Wow!"

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Samuel Finzi brüllt nur auf der Bühne : "Ich umarme Menschen immer sofort"
Finzi 2007 bei der Probe zu "Anatomie Titus Fall of Rome" mit dem 2013 verstorbenen Regisseur Dimiter Gotscheff.
Finzi 2007 bei der Probe zu "Anatomie Titus Fall of Rome" mit dem 2013 verstorbenen Regisseur Dimiter Gotscheff.Foto: imago stock&people

Ihr Vater riet Ihnen ab, Schauspieler zu werden.
Er hat sich große Sorgen gemacht: Ist schwierig, ist schwierig, werd’ doch lieber Rechtsanwalt, da arbeitest du auch mit Menschen.

Hat er Sie nie angeschrien – wie Darsteller das gern auf der Bühne tun?
Nicht mein Vater. Schauspieler schreien in Deutschland sehr gern auf der Bühne. Vielleicht weil man die Emotionen hier lieber mit Kraft ausdrückt, mit Lautstärke. Mein Vater hat gesagt: Der Schrei ist Ausdruck von etwas Besonderem, und wenn, dann eher von Schwäche, das kann man zwei Mal pro Aufführung machen.

Ihr Landsmann und Freund Dimiter Gotscheff konnte gut schreien.
Das war etwas anderes. Wenn er Schauspielern nicht helfen konnte, sollten sie laut werden. Oder er knurrte und rief dann: Ich schrei mich selber an! Das war Mitko. Oder er brüllte plötzlich: Jaaaa!

Wir sind wach. Sie sind richtig laut geworden.
Wenn er so schrie, wusste ich, jetzt habe ich es richtig gemacht.

Damit haben Sie es zum Star auf deutschen Bühnen geschafft. „Theater heute“ hat Sie 2015 zum besten Schauspieler gekürt.
Für die Bulgaren war das ein Riesending. Der Kulturminister schreibt mir einen Brief, der Direktor von einem Theater einen anderen, alle möglichen Fernsehsender klingeln durch, ich habe auf nichts reagiert. Meine Mutter ruft mich abends an: Bitte nimm den Hörer ab, ich kann die nicht mehr abwimmeln! Tut mir leid, mach ich nicht.

Samuel Finzi: Der Mann, der für Til Schweiger das Bad putzen soll
Berlin Lover. Samuel Finzi bricht in "Kokowääh 2" die Herzen der Frauen - als impotenter Kieferchirurg mit Wollsocken und Tiergeräuschen beim Sex.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: Warner Bros.
05.03.2013 16:38Berlin Lover. Samuel Finzi bricht in "Kokowääh 2" die Herzen der Frauen - als impotenter Kieferchirurg mit Wollsocken und...

Was steht über Sie als erfolgreichen Schauspieler in den dortigen Medien?
Neulich gab es einen Zwei-Seiten-Artikel, dass ich mit einem deutschen Produzenten Geschäfte in Bulgarien mache und mit einem Koffer Geld ins Land schleppe. Wow! Einmal hat eine Zeitung ein Bild von meinem Vater gedruckt, als er in einer Aufführung einen Penner gespielt hat. Dazu setzte sie einen Artikel über mich: „Der Sohn treibt sich mit drittklassigen freien Theatergruppen in Düsseldorf herum, genießt das schöne Leben, weshalb sein Vater kein Geld mehr hat und die Schuldeneintreiber an seine Tür klopfen. Seht nur, wie der Alte jetzt aussieht.“ Ich lache mich kaputt.

Ist das Neid, weil Sie der reiche Onkel aus dem Westen sind?
Mittlerweile nicht mehr. Es gibt zwei Millionen Bulgaren außerhalb des Landes. Wir werden zwar als Sommer-Bulgaren beschimpft, weil wir nur im Urlaub zurückkommen und dann unser Geld ausgeben. Aber das sind 20 Prozent der Bevölkerung, die jedes Jahr fünf Milliarden ins Land bringen. Die unterhalten ihre Eltern, weil diese sonst nicht überleben könnten.

Vor drei Jahren haben Sie sich gegen das politische System engagiert und an Demonstrationen in Sofia teilgenommen.
Das war der Sommer der Empörung, wie die Medien ihn nannten. Mit tausenden Menschen bin ich jeden Abend raus auf die Straße, weil ich die Hoffnung hatte, dass sich endlich etwas bewegt, dass Korruption bekämpft wird.

Gegen Ministerpräsident Borissow und seine Regierung wurde protestiert.
Jetzt habe ich meinen Optimismus verloren. Die eine Regierung wurde gestürzt und derselbe Idiot ein paar Monate später wiedergewählt.

Hat sich das trotzdem gut angefühlt auf der Straße?
Selbstverständlich, es hat mich an das Ende der 1980er Jahre erinnert, wo man eine Vision hatte, die Gesellschaft zu verändern – die sich mit dem Fall des kommunistischen Regimes erfüllte. Aber der Enthusiasmus ist verpufft. Das Leben ist spießiger geworden, jeder fummelt vor sich hin. Das Auto, das Haus, die Wohnung, die Kinder, darum dreht sich alles.