"Muss ich die Scheinehe in Bulgarien legalisieren?"

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Samuel Finzi brüllt nur auf der Bühne : "Ich umarme Menschen immer sofort"
Glanzauftritt. Finzi im Glitzer-Minirock 2010 bei der Premiere von "Der Mann ohne Vergangenheit" im Deutschen Theater Berlin.
Glanzauftritt. Finzi im Glitzer-Minirock 2010 bei der Premiere von "Der Mann ohne Vergangenheit" im Deutschen Theater Berlin.Foto: imago

Sind die Bulgaren glücklich in der EU?
Ist schon ein Riesending, die können frei reisen, das gab es früher nicht. Die Politiker nutzen jede Möglichkeit, EU-Hilfen für dieses oder jene Projekt zu beantragen. Landwirtschaft, Kultur. Gerade war ich eine Woche in Plowdiw.

Wo Sie geboren wurden.
Das wird 2019 Kulturhauptstadt Europas. Dort gibt es wahnsinnig schöne Tabaklagerhallen aus dem 19. Jahrhundert, ein Riesengelände im Stadtzentrum mit herrlichen, wenn auch nicht gepflegten Gebäuden. Die standen unter Denkmalschutz, sollten aber verkauft werden, damit man sie abreißen und ein Hotel errichten kann. Es gab Demonstrationen dagegen. Und plötzlich stehen die Hallen in Brand. Vier sind komplett ausgebrannt.

Sie vermuten Brandstiftung?
Tut mir leid, was sonst? Dasselbe ist in den 1990er Jahren mit der Stadtbibliothek in Sofia passiert. Da steht jetzt ein Hotel, ein hässliches Ding. Ach, wir können lange reden über die Zustände in diesem Land.

Ärgern Sie sich, dass in Deutschland darüber kaum berichtet wird?
Das habe ich aufgegeben. Die Bulgaren sind doch selber schuld.

Leiden Sie an Ihrer Heimat?
Sie missverstehen mich, es ist auch sehr angenehm, durch Sofia zu laufen, die kleinen Straßen, die vielen kleinen Restaurants und Kneipen zu sehen, wie die Leute sich bemühen, etwas Schönes zu erschaffen. Die Stadt entwickelt sich – in entgegengesetzte Richtungen. Ich würde es als ästhetisches Chaos bezeichnen: Hässliche Klimaanlagen hängen an Fassaden aus den 1920er Jahren, jeder macht, was er will, es gibt keine gemeinschaftliche Kontrolle.

Haben Sie mit dem Land gebrochen?
Nein, es ist gut, einen Ort zu haben, wo man alles kennt. Wenn alle Stricke reißen, kann ich mich in Sofia verstecken. Meine Eltern leben noch, toi, toi toi. Ich habe Freunde dort. Wobei Berlin auch so ein Ort ist. Ich habe jetzt mehr als die Hälfte meines Lebens hier verbracht.

Als Sie Ende 1989 kamen, fühlten Sie sich wie in einem sowjetischen Kriegsfilm, weil alles so grau war und die Leute wie Soldaten gebellt haben.
Nach zwei Monaten wollte ich fast wieder zurückgehen. Ich hatte ein Engagement über einen bulgarischen Regisseur bekommen und habe mir eingebildet, ich könnte schnell Deutsch lernen. Ging gar nicht. Meinen Text konnte ich auswendig, nur mit Leuten reden hat nicht geklappt. Ich war ein Außenseiter, in meinem Körper gefangen.

Sie machen den Mund auf und zu wie ein Fisch.
Ich war ohne Ausdrucksmittel, versuchte, die Blicke zu verstehen. Mag er das jetzt oder nicht? Die Gesichtsausdrücke waren anders. Reservierter wahrscheinlich. Ich konnte sie nicht lesen.

Dafür hat man Ihnen über den Rücken gestrichen.
Oh Gott, das war ständig. Ich konnte damit gar nichts anfangen.

Eine Geste, die menschliche Wärme erzeugen soll?
Reibung erzeugt Wärme, ja. Ich glaube, es bedeutet das genaue Gegenteil: Berühr mich nicht! Bloß nicht näher kommen! Ich würde Menschen immer sofort umarmen. Inzwischen hat sich das zum Glück geändert, jetzt küsst man sich schneller auf die Wangen als noch vor 20 Jahren.

Was hat Sie außerdem irritiert?
Ich bin so erzogen worden, dass der Mann ein Kavalier sein soll. Die Hand reichen, wenn die Frau aus der Straßenbahn aussteigt. Als ich das in Berlin zum ersten Mal versucht habe, haben mich die Frauen erschrocken angesehen. Ich habe mich gefragt: Warum wollen die sich nicht helfen lassen? Das ist doch eine schöne Geste.

Haben Sie sich das abgewöhnt?
Ein bisschen, ich weiß, bei wem ich das machen kann. Diese Etikette will ich beibehalten.

Sie sprechen inzwischen einwandfreies Deutsch. Was war anfangs Ihr schlimmster Fehler?
Als meine erste Frau und ich heiraten wollten, mussten wir zum Standesamt.

Jetzt lachen Sie.
Ja, ich stehe vor dem Beamten, sieben Monate in der Stadt, und denke natürlich, ich verstehe alles. Zum Schluss fragt der Mann, ob wir noch etwas wissen möchten. Ja, sage ich, muss ich die Scheinehe danach in Bulgarien legalisieren? Schweigen. Der Mann guckt mich an wie ein Schäferhund, der sich wundert, und legt den Kopf nach links und rechts. Meine Frau zieht mich aus dem Zimmer raus und regt sich fürchterlich auf.

Was war passiert?
Ich wollte nach dem Eheschein fragen, habe jedoch verwechselt, wie man die Substantive zusammenbaut. Um Gottes willen, dachte ich, wir werden nie die Erlaubnis bekommen. Aber drei Wochen später kam die Bestätigung vom Standesamt.