Was bedeutet die Metro für die Frauen?

Seite 2 von 3
Saudi-Arabien bekommt eine Metro : Verkehrsrevolution in Riad
Die nationale "King Fahad" Bibliothek in Riad - ähnlich ikonisch werden auch die Metro-Stationen aussehen.
Die nationale "King Fahad" Bibliothek in Riad - ähnlich ikonisch werden auch die Metro-Stationen aussehen.Foto: Büro Gerber

Umso enthusiastischer stimmt ihn die Revolution, die sich in Riad ankündigt. „Ich werde der Erste sein, der das Auto stehen lässt“, sagt er. Wann immer er im Ausland war, hat er öffentliche Verkehrsmittel benutzt und analysiert. In einem Buch vergleicht er die „Riad Metro“ mit Stadtbahnen anderer Metropolen. Das Projekt ist für ihn ein Schritt hin zu mehr Modernität in seiner Heimat.

„Die Metro wird alle Bereiche des Lebens verändern“, sagt er und berührt den Unterarm des greisen Schwiegervaters neben sich. „Um sich fortzubewegen, ist er bisher immer auf einen Fahrer angewiesen.“

Das betrifft viele in Saudi-Arabien. Ausländische Arbeiter, die ein Drittel der Bevölkerung stellen und sich oft kein Privatauto leisten können, Kinder und Jugendliche – und Frauen, denen es verboten ist, am Steuer zu sitzen. Sie alle könnten durch die Metro mobiler, unabhängiger werden.

Clubs sind erlaubt, Alkohol ist streng verboten

In Riads Stadtbild zeigen sich die Traditionen und die Politik Saudi-Arabiens. Das Land ist eine absolute Monarchie. Die Macht der Herrscherfamilie Al Saud beruht vor allem auf den Öleinnahmen, die jedem Saudi etwa kostenlose medizinische Versorgung garantieren. Aber auch auf dem mehr als 250 Jahre alten Bündnis mit den Wahhabiten, Vertreter einer strengen Auslegung des Islam.

Diriyya, eine Siedlung aus Lehmgebäuden vor den Toren Riads, gilt als Heimat der Al Sauds, die ganze Region um die Hauptstadt als konservatives Herz des Landes.

Zwar hat Riad viele Restaurants. Aber Clubs, Theater oder Kinos darf es nicht geben, Alkohol ist verboten. Ruft der Muezzin zum Gebet, müssen alle Geschäfte schließen. Wenn man dann vor einem Café sitzt, kann es passieren, dass ein weißer Wagen der Religionspolizei anhält und einen per Lautsprecher auffordert, beten zu gehen. Die Wächter achten auch darauf, dass Frauen verschleiert sind.

Frauen und Familien hier, Männer dort

Allein schon aufgrund der Hitze im Sommer bewegt sich kaum jemand zu Fuß. Öffentliche Plätze sind rar. Zu den bekanntesten gehört der Deera Platz im alten Stadtkern, neben der großen Moschee. Im Volksmund wird er Chop Chop Square genannt – wegen der öffentlichen Enthauptungen dort. Ein Großteil des Lebens spielt sich in der freien Sphäre der Wohnhäuser ab, die hohe Mauern umgeben. Und in den Einkaufszentren.

Zum Beispiel der „Riyadh Gallery“, einer Mall mit drei Ebenen. Ketten aus aller Welt sind hier vertreten: Footlocker, Gap, H&M, Banana Republic... Frauen, die bis auf einen Augenschlitz komplett in schwarz verhüllt sind, betrachten Schaufensterpuppen, die ärmellose Oberteile tragen.

In der obersten Etage reiht sich ein Schnellimbiss an den nächsten. Chinesisch oder Indisch, Frozen Yoghurt oder Burger. Kassen und Sitzbereiche sind wie im ganzen Land unterteilt, hier Frauen und Familien, dort Männer. Hinter den Tresen sieht man ausschließlich Ausländer, etwa Pakistaner und Philippinos. Auch das ist überall so. Asiatische, arabische und afrikanische Gastarbeiter verrichten vermeintlich niedere Tätigkeiten.

Jan Raschke gehört zu der anderen, kleineren Gruppe von Ausländern: den Hochqualifizierten, die Wissen mitbringen. Der 41-Jährige arbeitet für das Büro Gerber Architekten, das in Dortmund und Berlin ansässig ist. Jeden Monat verbringt er etwa zwei Wochen in Saudi-Arabien, um die zahlreichen Projekte zu betreuen, die Gerber dort hat. Nicht zuletzt einen der vier Metro-Bahnhöfe, die architektonische „Ikonen“ werden sollen.

Eine Sanddüne mit Palmendach

Raschke wohnt wie die meisten Westler in einem Compound, einer bewachten Siedlung. Durch sein Küchenfenster schaut man auf einen mit Palmen bestandenen Pool. „Frauen können sich hier unverschleiert bewegen“, sagt der Architekt, „in manchem Compound wird angeblich Bier gebraut.“

Wenn er in Riad ist, eilt Raschke von Termin zu Termin – und steht oft im Stau. „Alles ist verstopft, und die Leute fahren riskant. Dass es eine Metro braucht, ist offensichtlich.“ Auch anderswo soll es künftig Stadtbahnen geben, etwa in Mekka, wohin jährlich mehr als 2,5 Millionen Muslime pilgern.

Drei internationale Konsortien, zu denen  Firmen aus den USA, Frankreich und Südkorea gehören, kümmern sich um den Bau der Linien in Riad. Das Büro Albert Speer & Partner, seit Langem in Saudi-Arabien aktiv, hat Konzepte entwickelt, wie man die Umgebung von Bahnhöfen lebenswerter gestalten kann. Kurzfristig haben Metro-Bauarbeiten die Verkehrsprobleme verschärft.

Überall sind nun Straßen gesperrt: Dort, wo Stationen gebaut, Tunnelbohrmaschinen eingesetzt oder Betonstelzen für die oberirdischen Strecken errichtet werden.

Gerbers spektakulärer Bahnhof erinnert an eine Sanddüne, auf dem Dach wird ein Park aus Palmen wachsen. Noch gibt es außer dem Bauzaun und einem Loch im Boden jedoch wenig zu sehen.

Raschke kennt Saudi-Arabien nun ein paar Jahre und erzählt nüchtern von seinen Erfahrungen: vom Anspruchsdenken vieler Saudis, von den zusätzlichen Wellblechen auf den Grundstücksmauern, mit denen sich die Leute noch mehr Privatsphäre verschaffen, von Reformern und Hardlinern. Gerbers Engagement im autokratischen Königreich sieht er als Beitrag zur Modernisierung. „Wir bauen hier keine Gefängnisse.“ Sondern Bibliotheken und Wissenschaftszentren.