"Älterwerden ist fabelhaft"

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Schauspieler Jeremy Irons : "Amerikanische Filme sind wie Huren"
Marco Schmidt
Irons in dem von Fans und Kritikern zerrissenen Film "Dungeons & Dragons". Er brauchte halt das Geld, sagt er zu der Rolle.
Irons in dem von Fans und Kritikern zerrissenen Film "Dungeons & Dragons". Er brauchte halt das Geld, sagt er zu der Rolle.Foto: imago

Als Sie beim Filmfestival von Marrakesch für Ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurden, sagten Sie in Ihrer Dankesrede, das Kino könne zwischen den verschiedenen Kulturen vermitteln.
Das ist meine tiefste Überzeugung. Ich glaube nicht, dass Filme die Konflikte auf der Welt lösen. Aber sie können zum gegenseitigen Verständnis beitragen und Vorurteile abbauen. Voraussetzung ist natürlich, dass man überhaupt dazu bereit ist. Ich war schon dreimal beim Festival in Marrakesch – doch so gut wie nie habe ich dort jemanden aus Hollywood getroffen. Amerikaner haben offenbar eine diffuse Angst vor der arabisch-afrikanischen Welt. Sie sind wie nervöse Schnecken, die sich bei der kleinsten fremden Berührung in ihr Häuschen zurückziehen. Das Weltbild der meisten Amerikaner sieht ungefähr so aus: Sie wissen nicht genau, wo sich Europa befindet, und von Afrika glauben sie nur zu wissen, dass es irgendwie unterhalb von Europa liegt und lebensgefährlich ist, weil es dort von Moslems und Ebolaviren wimmelt.

Hatten Sie keine Vorurteile gegenüber der arabisch-afrikanischen Welt?
Wenn ich je welche hatte, dann habe ich sie spätestens verloren, als ich meinen ersten Film in Marokko drehte: „And now … Ladies and Gentlemen ...“ mit Patricia Kaas. Seitdem liebe ich dieses Land. Besonders genieße ich es, mich durch die Souks treiben zu lassen und dort mit den Händlern zu feilschen. Da kommt es vor, dass ich mit einem Schmuckkästchen, einem Kopfkissenbezug und zwei Teppichen ins Hotel zurückkehre.

Finden sich in Ihrer Garderobe auch traditionelle marokkanische Kleidungsstücke?
In Fez wollte ich mir einmal eine blaue Tuareg-Dschellaba besorgen, doch es gab überall nur welche, die mir viel zu knallig in der Farbe waren. Plötzlich sah ich auf der Straße einen stattlichen Mann in einer ehemals wohl dunkelblauen, aber nun bereits extrem ausgebleichten Dschellaba. Als er an mir vorbeiging und dabei wunderbar nach Orangenöl duftete, fragte ich ihn, ob ich ihm sein Gewand abkaufen dürfte. Er meinte: „Es ist aber schon sehr alt.“ Er verschwand kurz im Gassengewirr, kam zurück in einem weißen Polyester-Gewand und überließ mir, glücklich lächelnd, seine alte Dschellaba.

Haben Sie sie je angezogen? Vielleicht nicht in der Öffentlichkeit, aber in Ihrem irischen Domizil?
Ja, ich habe sie jahrelang getragen, ohne sie je zu waschen, weil ich den Orangenduft so sehr liebte. Schließlich wusch ich sie doch, fand das aber im Nachhinein geradezu beschämend.

Wenn Sie zurückblicken: Inwiefern haben Sie sich seit Ihren beruflichen Anfängen verändert?
Meine äußerliche Verwandlung wurde mir schmerzlich bewusst, als ich jüngst erneut „Mission“ aus dem Jahr 1986 gesehen und mich kaum wiedererkannt habe. Was meine Persönlichkeit betrifft, bin ich heute toleranter als früher. Es fällt mir leichter, die diversen Macken der Menschen zu akzeptieren, weil ich selbst so viele verschiedene Typen mit Fehlern gespielt habe. Ich kann es bloß nicht leiden, wenn Leute die Möglichkeiten nicht nutzen, die ihnen das Leben bietet.

Ihr Sohn Max ist in Ihre Fußstapfen getreten und hat die Schauspiellaufbahn eingeschlagen. Welchen Rat haben Sie ihm gegeben?
Ich habe zu ihm gesagt: „Tu’s nicht. Die meisten Schauspieler finden kaum Arbeit und krebsen am Existenzminimum herum.“ Aber es war stets Max’ große Leidenschaft, und man sollte seine Kinder ermutigen, ihre Träume zu verwirklichen. Als Vater kann ich seine Leistungen nicht objektiv beurteilen, doch viele Leute bestätigen mir, Max sei wirklich gut – und er scheint auch noch glücklich dabei zu sein. Dabei hat er es sicher nicht leichter als ich. Denn ich konnte damals meine Anfängerfehler vor einem relativ kleinen Publikum im Theater machen. Wenn Sie heute als Darsteller vor der Kamera Mist bauen, kriegt das gleich die halbe Welt mit.

Haben Sie Angst vor dem Alter?
Nein, Älterwerden ist fabelhaft – wenn man mal davon absieht, dass einen der Rücken mehr und mehr plagt. Man hat den Erfolgszwang der Jugend abgelegt. Der Tod schreckt mich nicht. Er zeigt bloß, wie wichtig das Hier und Jetzt ist. Das ist auch einer der Hauptgründe für meine Motorradleidenschaft. Motorradfahren schärft die Sinne: Du bist dir ständig der Gefahr bewusst, du darfst nie nachlassen in deiner Konzentration, doch du nimmst auch alles andere um dich herum viel intensiver wahr – die Luft, die Düfte, die Klänge. Risiko ist eine Extraportion Leben!

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