Der Verlust des Vaters

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Schriftstellerin Judith Schalansky : „Mein Herz schlägt für die Zukurzgekommenen“
Judith Schalansky zieht Nelken Rosen vor und Esel den Pferden.
Judith Schalansky zieht Nelken Rosen vor und Esel den Pferden.Foto: Jürgen Bauer

Ihre Eltern trennten sich, als Sie zwei waren, Sie trafen Ihren Vater erst spät wieder.
Ich glaube, dass man insgeheim spürt, was einem vorenthalten wird. In der Familie meines leiblichen Vaters gab es ein Segelboot. Und ich war als Kind besessen von Matrosen. Als ob etwas in mir gewusst hat, dass mir eigentlich ein Segelboot zustehen würde. Obwohl darüber nie geredet wurde.

Was genau haben Sie gespürt?
Ich hatte bis in die Pubertät enorme Verlustängste, große Probleme, wenn ich abends allein gelassen wurde – Babysitting war ja in der DDR nicht bekannt. Ich hatte immer Angst, dass meine Eltern – meine Mutter und mein Stiefvater – nicht wiederkommen. Meinen leiblichen Vater habe ich erst getroffen, als ich neun war und meine Großeltern ihn als Arzt gerufen haben. Er guckte so komisch und hatte ein Foto von mir im Portemonnaie. Ja, das war nicht schön. In meiner Familie wurde vorher nie wirklich darüber gesprochen. Es passt insgesamt zum Umgang mit Geschichte in der DDR. Dass es einen Überlieferungsbruch gibt.

Es hatte also mit dem Land zu tun, dass in Ihrer Familie nicht über die Trennung gesprochen wurde?
Total! Viele haben vergleichbare Geschichten. Eine frühe Heirat, um eine Wohnung zu bekommen, früh Kinder, um weniger Ehekredit zurückzahlen zu müssen. Konzepte wie Patchwork gab es nicht, dafür viel Kontaktabbruch. Frauen, die auf der Straße ihre Ex-Männer nicht mehr grüßten. Wer einmal draußen ist, kommt nie wieder rein.

Das Erstarken der AfD, die Ausschreitungen in Chemnitz – liegt das auch an dieser Sprachlosigkeit?
Das folgt daraus. Es gibt so vieles, was nicht aufgearbeitet worden ist und nun, wie mir scheint, am Fremden abreagiert wird: Vom verordneten Antifaschismus der DDR, der jede wirkliche Auseinandersetzung mit der Schuld in der Nazizeit verhinderte bis hin zum entmündigten Dasein als DDR-Bürger, in dem man sich irgendwie mit einem System arrangieren musste, das Aufrichtigkeit und persönliche Entfaltung behinderte. Dazu noch die Überforderung der Wendezeit, als auf die verblüffende Erfahrung, ins Weltgeschehen eingreifen zu können, die Ernüchterung der 90er folgte, die schnelle Abwicklung, der totale Ausverkauf. Und damit eine Entwertung der eigenen Biografie, das Gefühl, nicht dazuzugehören, übergangen worden zu sein, die Spielregeln nicht zu verstehen, eine Ohnmacht, die sich in Wut verwandelt.

Sie schreiben häufig von Topfservice- und Lexikavertretern, die die DDR ab 1989 als Markt entdeckten.
Meine Eltern hatten auf einmal teure Bertelsmannlexika, 24 Bände. Die brauchten sie überhaupt nicht. Man wurde für doof verkauft. Und war ja auch doof. Klar kann man heute lachen über die Naivität der Leute, die glaubten, sie hätten bei Preisausschreiben gewonnen. Das waren schon koloniale Muster.

Sie hingegen lieben Lexika.
Wenn man einen Text übers 19. Jahrhundert schreibt und schauen will, was der Stand des Wissens damals war, sind Lexika großartig. Einmal stieß ich auf den Eintrag „Auschwitz“, da durchfuhr es mich: Es gab eine Zeit, in der Auschwitz nur eine Stadt in Galizien war, mit altem Schloss, Likörfabrik und soundsoviel Einwohnern. Wir tendieren dazu, das Lexikon als was Absolutes zu sehen und zu vergessen, dass Wissen eine Geschichte hat, die immer wieder umgeschrieben wird. „Ich sag dir alles“ ist eines meiner Lieblingsbücher. Eine Art „Schotts Sammelsurium“, bloß ernst gemeint. Ich habe immer geträumt von dem einen Buch, in dem alles steht, was man wissen muss. Genau solche Bücher will ich schreiben, so maßlos und vergeblich das auch ist. Gerade heute, da einem das Smartphone jederzeit alles sagen kann, braucht man das, kuratiertes Wissen.

Listen lieben Sie generell. Wie sieht bei Ihnen eine To-Do-Liste aus?
Ich nehme immer neonfarbenes Papier, damit ich sie in dem Wust wiederfinde, mache eher Punkte als Striche, schreibe auch gern nochmal neu, damit sie schön aussieht. Und ich gehöre zu den Durchstreichern, nicht zu den Abhakern.