Die Schnecke als queerer Vorläufer

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Schriftstellerin Judith Schalansky : „Mein Herz schlägt für die Zukurzgekommenen“
Judith Schalansky zieht Nelken Rosen vor und Esel den Pferden.
Judith Schalansky zieht Nelken Rosen vor und Esel den Pferden.Foto: Jürgen Bauer

Bei Matthes & Seitz geben Sie die Reihe „Naturkunden“ heraus. Über Rosen, sagten Sie mal, würden Sie kein Buch machen, über Nelken schon. Warum?
Mein Herz schlägt für die Zukurzgekommenen. Würden Sie sich über einen Nelkenstrauß freuen? Die sind verpönt durch den sozialistischen Kontext, als Arbeiter- und Kampfblume. Darum sind sie viel spannender als Rosen. Lieber ein Buch über Esel als über Pferde, Kröten statt Frösche. Oder über Schnecken, deren Vielgeschlechtlichkeit uns beunruhigt. Dabei sollten wir sie als queere Vorläufer sehen. Mir fällt das wieder ein, weil wir im Herbst ein Buch über Schleim herausbringen. Ich habe gerade das Manuskript gelesen. Am tollsten fand ich, dass die Ekelschwelle beim Menschen mit zunehmender Erregung sinkt, nach dem Sex jedoch sofort wieder ansteigt.

Sie haben auch ein Faible für Palmen.
Für mich der Inbegriff des Exotischen. Ich habe als Kind exzessiv Palmen gemalt. Von ihnen geht immer ein Versprechen aus, so etwas Fröhliches. Wie das Schirmchen auf dem Eisbecher.

Mögen Sie es überhaupt, zu reisen?
Gern an die gleichen Orte. Und wenn ich neu irgendwo bin, versuche ich, immer denselben Weg zu laufen, damit ich wenigstens den gehe wie die Einheimischen. Eher - auch da - ein Konzept der Verdichtung, nicht der Quantität. Ich habe wegen der Lesereise gerade die Bahncard 100 – das Gefühl ist fantastisch! Es müsste ermöglicht werden, dass die sich alle leisten können. Es ist nicht einzusehen, dass wir noch Auto fahren. Ich fliege nicht mehr, wenn es nicht sein muss. Und wann muss das schon sein?

Fliegen verweigern Sie aus politischen Gründen?
Aus religiösen! Man erntet ja mehr Verständnis, wenn man beispielsweise sagt, man sei aus religiösen Gründen vegan, als wenn man bekennt: aus weltanschaulichen. Das wird schnell als Vorwurf empfunden. Wir betreiben ständig einen Ablasshandel mit uns selbst. Ich esse kein Fleisch und spende, dafür darf ich dann aber dieses oder jenes. Es sind religiöse Mechanismen.

Frau Schalansky, Sie haben einen Atlas über abgelegene Inseln geschrieben, auf denen Sie "nie sein werden". Gibt es einen Ort, zu dem Sie unbedingt hinwollen?
Ich könnte jetzt sagen, zu mir. Ich denke schon, dass das die größte Herausforderung ist. Das Ersehnte nicht woanders – in der Zukunft oder in der Ferne – zu verorten, sondern im Hier und Jetzt. Nicht zu denken, wenn ich das erreiche, dann wird alles gut. Sondern: Es ist schon alles gut. Das ist hier schon das Eigentliche.

Sie sind bereits im Paradies?
Na ja, ich habe nicht wenig Lust, zur Ökoterroristin zu werden. Aber man muss anders radikal werden. Nicht gegen etwas kämpfen – sondern für etwas. Das möchte ich noch lernen. Und immer wieder auszuhalten, wie schön die Welt ist, obwohl sie so irre ist.

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