Die Stabi - ein besonderer Ort

Seite 3 von 4
Schriftstellerin Judith Schalansky : „Mein Herz schlägt für die Zukurzgekommenen“
Lesebändchen in Büchern hält die gelernte Buchgestalterin Judith Schalansky für ein wenig prätentiös, Schutzumschläge braucht es auch eher nicht.
Lesebändchen in Büchern hält die gelernte Buchgestalterin Judith Schalansky für ein wenig prätentiös, Schutzumschläge braucht es...Foto: dpa/Erwin Esner

Ein anderes Ritual von Ihnen: Sie arbeiten immer in der Stabi.
Ich weiß noch, wie ich sie mit 19 zum ersten Mal betrat. Das Treppenmaß am Potsdamer Platz, nur acht Zentimeter, sehr angenehm. Man schreitet langsam hoch. Die Glasfenster, die das Licht bunt färben. Das hat schon etwas Erhabenes. Zudem gibt mir dieser Ort das Gefühl, zur Arbeit zu gehen. In die Fabrik. Und die Möglichkeit, mich jeden Tag an einen leeren Schreibtisch zu setzen. Ach, und natürlich eine ausgedehnte Mittagspause in der Potsdamer Straße zu machen. Wie ein normaler arbeitender Mensch: mittagessen gehen, Kaffee trinken.

Die Stabi soll 2022 für viele Jahre zur Renovierung geschlossen werden. Was machen Sie denn dann?
Es ist eine schreckliche Vorstellung, dass ich da erst mit 50 wieder reinkann.

Entmutigt der Ort nicht auch – es gibt schon Millionen Bücher, und jetzt schreibe ich auch eins.
Ich begreife meine Bücher ja als Forschungsprojekte, nur ohne Fußnoten. Wenn ich über ein Thema schreibe, will ich mir wenigstens, was den Forschungsstand angeht, das Niveau eines Hauptseminars erarbeiten. Je obskurer, desto besser – dann weiß man wenigstens alles über die manichäistische Buchmalerei oder die Selenografie um 1850.

Macht Ihnen Finden eigentlich mehr Spaß als Erfinden?
Erfinden fällt mir schwer. Ich finde gern, und dann erfinde ich das, was ich noch brauche, dazu. Ich traue mich nicht, einfach so loszufabulieren. Die Wirklichkeit ist doch das Unglaublichste. Vielleicht ist aber auch meine Fantasie zu armselig. Ich bin nicht gut darin, Gutenachtgeschichten zu erzählen. Meine Frau kann es, weil sie als Schauspielerin improvisiert. Bei mir wird es schnell zu verkopft.

Sie wissen so viel – und schreiben doch eher kurze Bücher. Wie köcheln Sie ein?
Ich muss auf eine Weise alles wissen und dann vergessen, um daraus Literatur zu machen. Ich schreibe mit Schrägstrichen, also Varianten und streiche dann immer mehr weg. Das brauche ich, um diesen Möglichkeitsraum des Schreibens überhaupt auszuhalten. Es ist ein tastendes Schreiben, das prüft, ob jedes Wort wirklich das richtige ist. Der Autor Thomas Hettche hat mal gesagt, früher hat er auch so geschrieben, jetzt macht er's richtig. Lustig, als ob es eine unreife Art des Schreibens gibt.

Sie sind gelernte Buchgestalterin. Wenn Sie schreiben, denken Sie die Form immer gleich dazu?
Wenn man beim Schreiben nicht weiterkommt, kann man sich mit Typografie beschäftigen. Ich liebe Bücher so sehr, weil sie das ordentlichste Medium überhaupt sind. Der Zeilenfall, das Lineare, das hat seine bestechende Ordnung, von der eine große Attraktivität und Trost ausgehen.

Brauchen Sie denn Trost?
Ich empfinde mich als trostbedürftigen Menschen. Zum Beispiel, wenn ich darüber nachdenke: Was ist jetzt schrecklicher, dass alles ein Ende hat – oder dass es möglicherweise keines gibt? Ich habe eine Psychoanalyse gemacht, da spielt der Trost eine große Rolle, oft liegt er ja im Betrauern selbst. Auch das Schreiben hat viel mit Trauerarbeit zu tun, mit dem Wunsch, etwas festzuhalten. Wenn es schon nicht mehr da ist, wenigstens davon zu erzählen.

Hat die Analyse Ihr Schreiben verändert?
Sie gehört zu den drei besten Sachen, die ich in meinem Leben gemacht habe. Die Erfahrung, aus einer großen Krise heraus eine Beziehung zu sich selbst anzufangen. Anfangs hatte ich Angst, dass ich dann nicht mehr schreiben könnte. Das ist natürlich blöder Geniekitsch. Von wegen: Man braucht den Schmerz, um überhaupt Kunst zu schaffen. Aber es geht nicht um den Dämon, die Muse oder den richtigen Füllfederhalter. Es geht ums Dranbleiben.

Sie haben Ihre Tochter zu der Zeit geboren, als Sie an dem Buch schrieben. War das eine Konkurrenz?
Es ging mir wie wohl vielen. Wenn man bei dem einen ist, hat man ein schlechtes Gewissen dem anderen gegenüber. Aber es war schön, dass das eine nicht das Alleserfüllende sein musste. Auch erfordert es eine größere Konzentration. Man hat als Elternteil ja ein anderes Verhältnis zu Zeit und Schlaf, kann nicht am Sonntag arbeiten. Was die Arbeit anging, war ich früher ziemlich maßlos, jetzt wird sie in einen Alltag eingegliedert – das tut schon gut.

Ihre Frau und Sie haben Ihre Tochter mit einem schwulen Freund bekommen. Als die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff 2014 von „Halbwesen“ geredet hat und Kinder meinte, die nach künstlicher Befruchtung entstanden sind, waren Sie gerade schwanger und haben sich geäußert. Sind Sie noch wütend?
Ich fühlte mich damals persönlich getroffen, weil wir uns ein bisschen kennen und sie wusste, dass meiner tatsächlichen Schwangerschaft eine lange theoretische vorausgegangen war. Ich hatte extrem viel über Angemessenheit nachgedacht. Darf ich das überhaupt? Darf ich alles haben? Glücklich lieben, erfolgreich veröffentlichen und auch noch ein Kind haben? Gott sei Dank konnte ich diese Fragen irgendwann mit Ja beantworten. Mich beschäftigt die Frage nach der Angemessenheit generell wahnsinnig.


Erkennen Sie so auch ein gelungenes Buch?
Es ist gelungen, wenn nichts stört. Viele Bücher sind zu schwer, manchmal ist der Einbandkarton zu dünn im Verhältnis zum Buchblock. Es kommt nicht so oft vor, dass ich ein wirklich perfektes Buch sehe.


Die Wahl der Schrift ist für Sie vergleichbar mit der Besetzung einer Rolle durch einen Schauspieler, sagten Sie mal. Warum musste es für das neue Buch diese sein?
Die Fabiol kommt aus dem Bleisatz, ihre Vorbilder stammen aus der Frühzeit des Buchdrucks. Mit einer Lupe sieht man, dass die Konturen der Buchstaben nicht scharf sind, sondern rauh und ein wenig ausfransen. Das macht das Schriftbild lebendig.

Haben Sie je versucht ein digitales Buch zu gestalten?
What for? Es ist ein Medium, das als Substitut eines anderen fungiert. Dabei geht es doch gerade darum, dass der Inhalt in der Druckerei eine Gestalt annimmt, die manifest und absolut ist. Und die ich ins Regal stellen kann, wo sie überdauert.