Schriftstellerin Judith Schalansky : „Mein Herz schlägt für die Zukurzgekommenen“

Eine glückliche Liebe, Erfolg als Autorin – und ein Kind mit ihrer Frau? Judith Schalansky fragte sich, ob all das angemessen sei. Über Geniekitsch und die Kunst des Dranbleibens.

Die Autorin Judith Schalansky in ihrer Wilmersdorfer Wohnung.
Die Autorin Judith Schalansky in ihrer Wilmersdorfer Wohnung.Foto: Thilo Rückeis

Frau Schalansky, Sie haben sich für Ihr Buch „Verzeichnis einiger Verluste“ fünf Jahre lang mit Leerstellen beschäftigt: mit einem zerstörten Gemälde von Caspar David Friedrich, dem ausgestorbenen Kaspischen Tiger oder der fragmentarischen Lyrik von Sappho. Was ist das Letzte, was Sie selbst verloren haben?

Die Pappeln vor meinem Fenster. Da unten sieht man noch die Stümpfe. Vor vier Wochen kamen Männer und haben sie gefällt. Das war unglaublich schmerzhaft. Ich habe mit dem Zuständigen vom Grünflächenamt gesprochen. Diese Pappeln, sagte er, hätten ihr Bestimmungsalter erreicht. Sie waren kerngesund, aber neigen eben dazu, Äste abzuwerfen, und hier unten im Hof befindet sich ein Familienzentrum, sodass ein Kind zu Schaden kommen könnte. Sie zurückzuschneiden kostet viel Geld.

Waren Sie nicht bestens gewappnet für einen solchen Verlust nach Ihren Recherchen zum Thema?
Das dachte ich. Und dann hab ich geweint wegen dieser Bäume. Dendrologisch gelten sie als nicht besonders wertvoll, aber ich mag Pappeln, das Frohwüchsige an ihnen. Die Blätter haben was Wimpelartiges, machen schöne Geräusche. Das Eichhörnchen, das wir dort beinahe täglich beobachten konnten, hing bis zum Schluss reglos in der Krone. Erst als der Baum schon kippte, sprang es ab. Seitdem haben wir es nicht mehr gesehen.

Judith Schalansky

Judith Schalansky, 38, wurde mit ihrem „Atlas der abgelegenen Inseln“ und dem Roman „Der Hals der Giraffe“ international bekannt. Beide Werke hat die gelernte Buchgestalterin selbst entworfen und jeweils den Preis der Stiftung Buchkunst für das schönste Buch des Jahres gewonnen. Mit der von ihr herausgegebenen Reihe „Naturkunden“ beim Berliner Verlag Matthes & Seitz hat die Kunsthistorikerin das Genre des „Nature Writing“ in Deutschland populär gemacht.

Schalansky wuchs selbst auf dem Dorf auf, als Lehrerkind in der Nähe von Greifswald. Heute lebt sie mit der Schauspielerin Bettina Hoppe und der gemeinsamen Tochter in Berlin. Am 16. Mai wird die Autorin im Potsdam Museum aus ihrem jüngsten Werk, „Verzeichnis einiger Verluste“ (Suhrkamp), lesen.

Das Gespräch findet am langen Tisch ihrer hellen Atelierwohnung in Wilmersdorf statt, umgeben von Büchern. Eine Regalecke ist den Monstern vorbehalten, über die sie mal schreiben wollte. Eine Idee, die sie wieder verwarf. Die Schriftstellerin redet, wie sie schreibt: sehr präzise, höchst verdichtet. Noch mehr Kürzen geht eigentlich nicht.

Daher ist dies eine längere Fassung als in der Zeitung.

Können Sie sich auch von Gegenständen nur schwer trennen?
In unserer Familie gab es nie große Erbstücke. Ich habe einen Hang, die Dinge selbst schon als Erbstücke zu begreifen, fetischhaft damit umzugehen, sie zu musealisieren. Ich besitze einen Karton voller Gebissabdrücke von mir, weil es so schöne Objekte sind.

Sie haben eine Aufräumberaterin engagiert.
Als das Buch erschienen war, habe ich mich belohnt mit einer Ordnungsmanagerin. Ich kann das nur empfehlen, vor allem als Paar. Wir haben uns nicht an die persönlichen Sachen gewagt, sondern an das, was man glaubt, leicht aussortieren zu können. Küchenutensilien. Diese Frau gibt einem so salomonische Ratschläge wie: Jetzt darf jeder eine hässliche Tasse behalten.

Und durfte jeder eine hässliche Tasse vom anderen rauswerfen?
Ja, so was macht man dann. Aber man bleibt auf dieser Ebene, es eskaliert weniger. Oft müssen die Dinge ja dafür herhalten, etwas ganz anderes zu verhandeln. Ich gehöre leider eher zu den Sammlerinnen. Die Unterlagen auf meinem Schreibtisch, das sind nicht mal mehr Türme, es sind geologische Schichten. Meine vielen Bücher haben nicht nur was Heimeliges, sondern was Bedrohliches, Zudringliches. Wie viele davon ungelesen sind! Auch Dinge können einem Vorwürfe machen.

Die DDR haben Sie mit neun verloren, als die Mauer fiel. Wie haben Sie die Zeit erlebt?

Die Erwachsenen waren auf einmal sehr überfordert. Unsere Lehrerin wusste nicht, was sie unterrichten sollte und hat im Februar mit Frühlingsgedichten angefangen, weil man Lenins Jugend jetzt kaum mehr machen konnte. Das Land der Kindheit ist ja für alle eins, in das man nicht zurückkann. Aber bei mir ist es doppelt verloren. Dass möglich ist, dass sich über Nacht ein ganzes Referenzsystem auflöst, war nicht nur traumatisch, sondern auch schön: ein utopischer Moment. Diese Erfahrung haben wir Ostdeutschen anderen voraus.

War es das Ende Ihrer Kindheit?
Ja. Ich war irritiert, ob ich jetzt „Micky Maus“ kaufen soll oder „Bravo“. Ich wusste nicht, was „girrrls“ und „bois“ sein sollen. Auf einmal war man ’ne Zielgruppe. 1990 war ich im Ferienlager auf Rügen, morgens mussten wir antreten, aber es gab keine Parolen mehr. Die ersetzte dann ein lautes: Guten Morgen! Irre, dass die Form überdauert, auch wenn die Inhalte längst weg sind. Ein aus der Zeit gefallener Sommer.