Selbstoptimierung mit Suchtpotenzial : Der ewige Kampf um den perfekten Body

Der Körper als zu perfektionierendes Objekt – das gab es schon in der Antike. Heute hat der Kult ums Thema Fitness nichts mehr mit Sport zu tun.

Römische Kopie einer griechischen Statue.
Römische Kopie einer griechischen Statue.Foto: De Agostini via Getty Images

Schon die alten Römer und Griechen haben in der Antike dem Köper eine Bedeutung zugemessen, die weit über die reine Funktionalität hinausging. Doch heute hat sich das Thema geradezu verselbständigt, die Selbstoptimierung umfasst wesentlich mehr Aspekte; um Körper und Fitness ist ein regelrechter Kult entstanden.

Neben der Ästhetik ist das Modellieren an der äußeren Hülle auch eine Arbeit an der eigenen Identität. „Selbstoptimierung hat ganz wesentlich mit der Frage zu tun, wer bin ich und wer will ich sein“, sagt Robert Gugutzer, Sportsoziologe an der Goethe-Uni Frankfurt. „Wer sich selbst optimiert, tut dies, um sich besser, stärker, schöner zu empfinden, woraus Stolz, Selbstsicherheit, ein positives Selbstwertgefühl resultieren – und wofür es zumeist auch Anerkennung von anderen gibt.“

Was mit positiver Intention – ein besseres Lebensgefühl, Stressabbau, Fitness, Abnehmen – beginnt, kann ins Negative umschlagen – wenn Häufigkeit und Intensität des Trainings immer mehr gesteigert werden müssen und der Sport alle Lebensbereiche für sich einnimmt, sich alles andere unterordnet. Von Selbstvermessung über Nahrungsergänzung bis zum Doping – statt Selbstoptimierung steht am Ende nicht selten das Gegenteil: der Schaden an Körper und Geist.

Self-Tracking – Die Macht der Zahlen

Der Einstieg beginnt oft mit einem harmlos wirkenden Accessoire: mit einem Armband oder einer App auf dem Handy. Wer sich für die Gesundheit Ziele setzen will, dem können die durchaus helfen: Neben den nackten Zahlen wird über digitale Pokale und Abzeichen oder Ähnliches Motivation und Belohnung gleich mitgeliefert. Mit Schrittzahl, Zeiten und Puls können Work-outs überwacht und angepasst werden. Wer mehr will, kann auch noch Kalorien zählen, Ernährungstagebuch führen und den Schlaf überwachen. Ambitionierte Sportler können ihr Training so bis ins Kleinste planen.

Problematisch wird es, wenn der Alltag sich nur noch um die Daten dreht und nach ihnen ausrichtet. Forscher fürchten, dass die Sportler in ihrer totalen Selbstbezogenheit einen pathologischen Zwang bis hin zum Narzissmus entwickeln. Der Zwang der Zahlen kann auch in eine krankhafte Sportsucht führen, die neben exzessivem Training auch Essstörungen mit sich bringen kann. Dreht sich alles nur noch um den Sport, kommt oft auch eine Isolation vom sozialen Umfeld dazu, die sich wiederum negativ auf die Psyche auswirken kann. Wie bei anderen Süchten können auch Entzugssymptome auftreten.

Nahrungsergänzung – Wenn Essen nicht reicht

Zu Sporterfolgen gehört eine angepasste Ernährung. Wem Hühnchen und Reis nicht genügen, der greift zu Ergänzungsmitteln: ob in Form von Proteinpulvern oder Stoffen wie Kreatin oder L-Carnitin. Die meisten sind Bausteine und Energieträger für den Aufbau von Proteinen und so letztendlich für Muskelmachen. Andere versprechen weniger Ermüdung oder einen erhöhten Fettstoffwechsel.

Wer es mit den Zusätzen übertreibt, bekommt allerdings auch die Nebenwirkungen zu spüren. Zu viel Eiweiß etwa kann der Körper gar nicht verarbeiten. „Der Körper kann etwa 1,5 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht am Tag aufnehmen, dann sind die Resorptions- und Stoffwechselmechanismen zur Verarbeitung erschöpft“, sagt Sportarzt Matthias Krüll, der sowohl Hobbyathleten als auch Marathonprofis betreut. Was darüber hinausgeht, wird über Nieren und Leber ausgeschieden. Zu große Mengen über einen langen Zeitraum könnten die feinen Nierenkanälchen verstopfen und die Organe ruinieren.

Beliebt unter Sportlern sind auch Aufputschmittel wie Koffein: Sie versprechen mehr Durchhaltevermögen, Schmerz und Müdigkeit treten in den Hintergrund. Als „Smart Drugs“ werden sie auch von Nichtsportlern für ihre konzentrationssteigernden Eigenschaften geschätzt. Auch Methylphenidat, besser bekannt als Ritalin, und Modafinil werden von Gesunden eingenommen, um aufmerksamer und fokussierter arbeiten zu können. Vor allem Menschen, die mehr als die übliche 40-Stunden-Woche zu bewältigen haben, greifen zu den vermeintlichen Powerpillen – die allerdings oft verschreibungspflichtig sind.

Doping – Leistung um jeden Preis

Wer von einem definierten Körper träumt, kommt an ausgiebigem Training nicht vorbei. Manche behelfen sich mit illegalen Mitteln. Anabole androgene Steroide, kurz Anabolika, sind die am häufigsten verwendeten. Der Muskelaufbau wird durch sie beschleunigt und der Fettabbau angeregt. Hobbyathleten gelangen an die Präparate über Sportkollegen oder das Internet. Anabolika gleichen dem körpereigenen Sexualhormon Testosteron. Die Liste der Präparate ist lang. Häufig verwendet werden Metandienon, Nandrolon, Trenbolon, Stanozol oder Nachahmungen des bereits in der Sowjetunion und der DDR verwendeten Turinabol.

Doch die Muskeln haben ihren Preis. Je nach Menge und Dauer der Anwendung können sie zu Schäden an Herz und Leber führen. Daneben können Anabolika unfruchtbar machen, Pickel sprießen und die Haare ausfallen lassen. Auch Stimmungsschwankungen und aggressives Verhalten sind nicht selten – es handelt sich ja um künstliche Sexualhormone. Frauen bekommen durch Anabolika eine tiefe Stimme.

Der Wunsch nach Selbstoptimierung und Schädigung des eigenen Körpers durch Doping – wie passt das zusammen? Der Sportsoziologe Robert Gugutzer erklärt es so: Körperkult habe per se nicht notwendigerweise mit Gesundheit zu tun. „Körperkult hat ja mehrere Facetten. Eine davon ist die kultische Verehrung des leistungsstarken, fitten, potenten Körpers, der wie eine Maschine zu funktionieren hat und getunt werden kann, um immer noch ein bisschen mehr Leistung aus ihm herauszukitzeln. Sei es in der Sexualität mittels Viagra, in der Arbeitswelt mittels Amphetaminen oder eben im Sport mittels Doping.“

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