Selbstversuch an der Ostsee : Eine Nacht im Strandkorb

Eine Nacht im Liegestrandkorb? Das klingt wunderbar, fand unser Autor – bis der Blutmond über dem beschaulichen Grömitz aufging.

Marius Buhl
Füße hoch. Noch genießt der Strandschläfer die meditative Atmosphäre.
Füße hoch. Noch genießt der Strandschläfer die meditative Atmosphäre.Foto: Buhl

Wenn man ein Abenteuer plant, hilft es bestimmt, wenn jemand auf die Gefahren hinweist. Es ist früher Nachmittag, als der Bus im Ostseedorf Grömitz einrollt und die Frau im Sitz neben mir fragt: „Und was, wenn Sie gar nicht schlafen können, weil die Geräusche der Nacht Sie wachhalten? Wenn Sie Angst haben?“

Daran hatte ich bis dahin gar nicht gedacht. Mein Plan war ein anderer: Seit Juni können Abenteuerlustige an der Ostsee in riesigen Liegestrandkörben schlafen. Ganz vorne am Wasser, wo sich Strand und Meer berühren. Für mich klang das verlockend. Den Wellen lauschen, den Sand zwischen den Zehen fühlen, ein letztes Mal den Sommer spüren und ihn dann verabschieden. Aber Angst? Würde ich keine haben. Da war ich mir ganz sicher.

Wenn es ganz schlimm wird, soll Schnaps helfen

Am Marktplatz von Grömitz weist mir die ortskundige Frau den Weg: „Die Fußgängerzone runter, auf den Deich, dann über die Promenade an den Strand.“ Da stehe mein Korb. Wenn es ganz schlimm wird, sagt sie noch, solle ich eine Flasche Schnaps öffnen. Das helfe immer.

Am Ende des Weges stehe ich vor Myriaden von Strandkörben. Allein an der Ostsee, so schätzt man, stehen 70 000. Ihr Weiß leuchtet mit dem Blau des Himmels um die Wette. Hinter den Körben lugt die Strandkorb-Beauftragte aus einer Holzhütte, braungebrannt. „Strandkörbe Neuhoff“ prangt auf einem Schild. Eine Berlinerin mit Ostseefaible überreicht mir einen Schlüssel und eine Flasche Wein. Ob ich wirklich allein gekommen sei? Ihr Kollege antwortet für mich: „Er ist ein lonesome rider.“ Ich finde, das klingt ziemlich gut.

Die Matratze fühlt sich kuschelig an

Mein Strandkorb schmiegt sich an eine frisch bepflanzte Düne. Vorne, nur einen läppischen Kieselwurf entfernt, rollt das Meer auf den Strand. Der Korb misst zwei Meter in der Länge und 1,20 Meter in der Breite. Obendrauf thront ein Deckel, den man tagsüber auf- und nachts zuklappen kann. Praxistest: Die Matratze fühlt sich weich und kuschelig an, die Kissen auch. Von innen schaut man durch zwei kleine und ein großes Bullauge auf das Strandtreiben draußen. Ich schließe testweise den Deckel, dann die Augen. Nur kurz, denke ich, die Anreise war anstrengend. Atme ein, kuschle mich noch tiefer ins Kissen, atme aus.

Von irgendwo kreischt eine Möwe. Träume ich? Ich schrecke hoch. Blick auf die Uhr. Zwei Stunden? Verdammt. Traumtrunken tapse ich nach draußen. Der Sand wärmt meine Füße. Auf der Promenade findet eine Art Flanierweltmeisterschaft statt. Möglichst langsam trotten die Teilnehmer, allesamt im Rentenalter, allesamt eingehakt bei ihrem Partner, den Boulevard hinunter, dann drehen sie um und trotten denselben Weg zurück. Wichtig: Hier und da anhalten, eine Kleinigkeit essen, wieder laufen, gucken, plauschen.

Nachts wird das Verdeck zugeklappt - hier ist es noch offen.
Nachts wird das Verdeck besser zugeklappt - hier ist es noch offen.Foto: Buhl

Ich schlendere zurück zu meiner Koje und studiere die Geschichte des Strandkorbs. Thomas Mann, lerne ich, nannte ihn „eigentümlich bergend“ und soll zwischen 1930 und 1932 drei Sommer darin verbracht haben, um den Roman „Joseph und seine Brüder“ zu schreiben. So vernarrt sei er in die Körbe gewesen, dass er sie in „Die Buddenbrooks“ zur Kulisse machte – obwohl es sie zur Zeit des Romans, 1845, noch gar nicht gegeben habe. Darüber existieren wissenschaftliche Abhandlungen.

Weniger gut erforscht ist, wer wann den ersten Strandkorb gebaut hat. Als Erfinder gilt der Rostocker Korbflechter Wilhelm Bartelmann. Zu ihm soll 1882 die rheumakranke Elfriede von Maltzahn gekommen sein, da sie eine schützende Sitzmöglichkeit für den Strand suchte. Bartelmann baute ihr seinen ersten Strandkorb – und entwickelte ihn in den Folgejahren weiter: mit Markisen, Fußstützen und Seitentischen. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich der Korb vom Strand- zum Gartenmobiliar. Der Fußballtrainer Volker Finke, einst beim SC Freiburg beschäftigt, coachte sein Team zeitweise aus dem Strandkorb heraus. Das Schlagerduo „Andy und Bernd“ ehrte den Korb gar mit einem Chanson: „Wenn die Strandkörbe wackeln, mein Kind, das ist nicht immer der Wind.“

Der Korb wackelt - es ist der Wind

Es ist beinahe sieben Uhr. Wo vorhin noch Kinder tobten, hüpfen jetzt nur ein paar Möwen über den Sand. Aber der Himmel: Gelb knallt ins Blau, vermischt sich mit orangefarbenen Schlieren zu einem gewaltigen Sonnenuntergang. Ich schenke mir ein Glas Wein ein.

„Hallo?“ Vor meinem Korb steht eine Dame. Ich brauche einen Moment, dann erkenne ich sie: Es ist die Frau aus dem Bus. Sie wollte mal schauen, wie es mir hier so gehe, sagt sie. „Noch habe ich keine Angst“, antworte ich. Wir lachen.

Wer aus einem Strandkorb herausblickt, das fällt mir auf, als ich auf das dunkelnde Meer schaue, sieht nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Die Wände des Korbs verdecken den seitlichen Blick, übrig bleibt ein Rechteck, das einer Kinoleinwand gleicht. Auf meiner klatschen schwarze Wellen über einen Steg aus Steinen, dahinter blinkt ein Boot Signale in den Nachthimmel. Noch ein Glas Wein, großzügig eingeschenkt. Der Strandkorb wackelt. Es ist der Wind.

Mit kalten Klauen greifen die Wellen nach mir

Glück wird nur echt, wenn man es teilt. So schreibt es der Reisende Christopher McCandless in Sean Penns Film „Into the Wild“ in sein Reisetagebuch. Nun sitze ich behaglich in einem abgeschotteten Strandkorb und streife nicht seit Monaten durch die Wildnis Alaskas – und trotzdem begreife ich, was McCandless meinte. Was bleibt von einem Sonnenuntergang, wenn man eine Minute lang hineinblickt?

Ein Glas Wein geht noch. Ist der Strandkorb nicht auch Symbol jener Spießigkeit, die Briten und Amerikaner diesem Land nachsagen? Weil er nicht nur vor Wind und Sand schützt, sondern auch vor anderen Badegästen? Ich klappe den Deckel meines Korbs hoch und atme Meeresluft. Dann gehe ich ans Wasser. Der Wind pfeift auf einmal eisig durch die Kleider, kein Mensch weit und breit. Ich ziehe die Hose aus, dann das Hemd – und stürze mich ins Meer. Mit kalten Klauen greifen die Wellen nach mir, das Wasser betäubt die Haut, als sei ich in einen Gletschersee gesprungen. Bewegen, schwimmen! Nach drei Minuten gebe ich auf. Ich renne aus dem Wasser, zurück zum Korb, hülle mich in Handtuch und Bademantel. Die Haut kribbelt wohlig.

Gab's auch schon: Ein Riesen-Strandkorb für die mächtigsten Politiker der Welt.
Gab's auch schon: Ein Riesen-Strandkorb für die mächtigsten Politiker der Welt.Foto: dpa Bildfunk

Am Horizont steigt träge ein Ballon in den Himmel. Er leuchtet orangefarben, scheint von hier riesengroß. Dann wandert er höher, schrumpft und verliert seine rote Farbe. Blutmond nennt man dieses Spektakel. Ich schließe die Klappe des Strandkorbs. Zeit zu schlafen. Schön, wie das Meer rauscht und der Wind wispert. Ein bisschen leiser dürfte es aber sein. Schlafen wäre jetzt wirklich schön.

Es ist Mitternacht. Du lieber Himmel, ist das laut. Wind und Meer vermengen sich zu einem tosenden Crescendo. Was war das? Ein Knurren, ganz nah. Ich öffne eines der seitlichen Bullaugen. Dunkelheit. Das kann doch nicht sein?

Plötzlich sehe ich einen struppigen Hund

Ich muss an einen Ausflug denken, den ich mit einem Freund unternahm, als wir 19 waren. Wir wanderten stundenlang durchs Elsass, abends suchten wir uns Hölzer und Zweige und bauten damit ein Bett. Als es dunkel wurde, schlief mein Freund sofort ein; ich lag die ganze Nacht wach und hörte jedes Knacken, jedes Surren im Wald. Ich war mir damals sicher, dass in der Ferne Wölfe gejault haben.

Draußen raschelt es, dann wieder das Knurren. Ich taste nach der Taschenlampe. Behutsam öffne ich den Deckel des Strandkorbs. Ich erschaudere. Im Lichtkegel meiner Lampe steht ein struppiger Hund. Er bellt. Vor Schreck fällt mir die Lampe aus der Hand. Der Hund guckt verdutzt, dann springt er über den Strand davon. Ein Schluck Wein auf den Schreck. Ich falle ins Kissen.

Es ist 7.33 Uhr, als sich die Sonne blutrot aus dem Meer erhebt und ihre Strahlen in meinen Strandkorb schickt. Ich blinzle. Dann stehe ich auf und springe in die Ostsee. Sie leuchtet.

Ostseestrand in Schleswig-Holstein.
Ostseestrand in Schleswig-Holstein.Foto: dpa Bildfunk

REISETIPPS FÜR GRÖMITZ

SO GEHT’S

Wer jetzt schon für die kommende Saison einen Liegestrandkorb buchen möchte,

kann das unter www.backsteindeluxe.de tun. Das Deluxe-Paket, das unser Autor nutzte, beinhaltet Bademäntel, Bettwäsche, Handtücher, einen kleinen Picknickkorb mit Taschenlampe – und den Schlüssel zu einer öffentlichen Toilette mit Kaltwasser-Dusche. Eine Nacht kostet 79 Euro. Zwei Personen finden im Liegestrandkorb Obdach. Ohropax nicht vergessen.

AUFWÄRMEN …
… kann sich der Verfrorene in der Grömitzer Welle, einer großen, neu gestalteten Bade- und Saunalandschaft in Strandnähe.

ABTAUCHEN …
… kann man am Kopf der 400 Meter langen Grömitzer Seebrücke. Die raketenartige Tauchgondel führt bis zu 30 Besucher gleichzeitig unter Wasser und lässt sie

Fische und Pflanzenwelt der Lübecker Bucht bestaunen. Sie ist baugleich mit der Tauchgondel in Sellin.

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