Thomas Mann nannte den Strandkorb "eigentümlich bergend"

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Selbstversuch an der Ostsee : Eine Nacht im Strandkorb
Marius Buhl
Nachts wird das Verdeck zugeklappt - hier ist es noch offen.
Nachts wird das Verdeck besser zugeklappt - hier ist es noch offen.Foto: Buhl

Ich schlendere zurück zu meiner Koje und studiere die Geschichte des Strandkorbs. Thomas Mann, lerne ich, nannte ihn „eigentümlich bergend“ und soll zwischen 1930 und 1932 drei Sommer darin verbracht haben, um den Roman „Joseph und seine Brüder“ zu schreiben. So vernarrt sei er in die Körbe gewesen, dass er sie in „Die Buddenbrooks“ zur Kulisse machte – obwohl es sie zur Zeit des Romans, 1845, noch gar nicht gegeben habe. Darüber existieren wissenschaftliche Abhandlungen.

Weniger gut erforscht ist, wer wann den ersten Strandkorb gebaut hat. Als Erfinder gilt der Rostocker Korbflechter Wilhelm Bartelmann. Zu ihm soll 1882 die rheumakranke Elfriede von Maltzahn gekommen sein, da sie eine schützende Sitzmöglichkeit für den Strand suchte. Bartelmann baute ihr seinen ersten Strandkorb – und entwickelte ihn in den Folgejahren weiter: mit Markisen, Fußstützen und Seitentischen. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich der Korb vom Strand- zum Gartenmobiliar. Der Fußballtrainer Volker Finke, einst beim SC Freiburg beschäftigt, coachte sein Team zeitweise aus dem Strandkorb heraus. Das Schlagerduo „Andy und Bernd“ ehrte den Korb gar mit einem Chanson: „Wenn die Strandkörbe wackeln, mein Kind, das ist nicht immer der Wind.“

Der Korb wackelt - es ist der Wind

Es ist beinahe sieben Uhr. Wo vorhin noch Kinder tobten, hüpfen jetzt nur ein paar Möwen über den Sand. Aber der Himmel: Gelb knallt ins Blau, vermischt sich mit orangefarbenen Schlieren zu einem gewaltigen Sonnenuntergang. Ich schenke mir ein Glas Wein ein.

„Hallo?“ Vor meinem Korb steht eine Dame. Ich brauche einen Moment, dann erkenne ich sie: Es ist die Frau aus dem Bus. Sie wollte mal schauen, wie es mir hier so gehe, sagt sie. „Noch habe ich keine Angst“, antworte ich. Wir lachen.

Wer aus einem Strandkorb herausblickt, das fällt mir auf, als ich auf das dunkelnde Meer schaue, sieht nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Die Wände des Korbs verdecken den seitlichen Blick, übrig bleibt ein Rechteck, das einer Kinoleinwand gleicht. Auf meiner klatschen schwarze Wellen über einen Steg aus Steinen, dahinter blinkt ein Boot Signale in den Nachthimmel. Noch ein Glas Wein, großzügig eingeschenkt. Der Strandkorb wackelt. Es ist der Wind.

Mit kalten Klauen greifen die Wellen nach mir

Glück wird nur echt, wenn man es teilt. So schreibt es der Reisende Christopher McCandless in Sean Penns Film „Into the Wild“ in sein Reisetagebuch. Nun sitze ich behaglich in einem abgeschotteten Strandkorb und streife nicht seit Monaten durch die Wildnis Alaskas – und trotzdem begreife ich, was McCandless meinte. Was bleibt von einem Sonnenuntergang, wenn man eine Minute lang hineinblickt?

Ein Glas Wein geht noch. Ist der Strandkorb nicht auch Symbol jener Spießigkeit, die Briten und Amerikaner diesem Land nachsagen? Weil er nicht nur vor Wind und Sand schützt, sondern auch vor anderen Badegästen? Ich klappe den Deckel meines Korbs hoch und atme Meeresluft. Dann gehe ich ans Wasser. Der Wind pfeift auf einmal eisig durch die Kleider, kein Mensch weit und breit. Ich ziehe die Hose aus, dann das Hemd – und stürze mich ins Meer. Mit kalten Klauen greifen die Wellen nach mir, das Wasser betäubt die Haut, als sei ich in einen Gletschersee gesprungen. Bewegen, schwimmen! Nach drei Minuten gebe ich auf. Ich renne aus dem Wasser, zurück zum Korb, hülle mich in Handtuch und Bademantel. Die Haut kribbelt wohlig.

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