Shoppen in Waren : Die Lange Straße lebt

Woanders sterben Läden, hier entfacht Benno Schlehenfeuer. Iveta und Ciaran haben’s mit ihrer Schokolade sogar bis nach Berlin geschafft.

Die wunderbare Waren-Welt. In der mecklenburgischen Kleinstadt blüht der Einzelhandel. Wie hier in der Kietzstraße.
Die wunderbare Waren-Welt. In der mecklenburgischen Kleinstadt blüht der Einzelhandel. Wie hier in der Kietzstraße.Foto: imago/Frank Sorge

Später will Benno Kruse noch ein Gedicht aufsagen, vorgetragen in seinem norddeutschen Küstenslang. Das macht er immer kurz vor Ladenschluss. Mindestens zehn hat der 69-Jährige im Kopf. Die Passanten mögen das, doch wenn es seine einzige Masche wäre, wahrscheinlich würde es ihn nicht mehr geben, nicht in dieser Lage, nicht seit 15 Jahren in Waren an der Müritz.

Benno – er ist schnell beim Du – wirkt mit seinem Dialekt und dem weißen Bart wie ein alter Fahrensmann, dazu trägt er rote Schürze und blaues Hemd, das nach dem zweiten Glühwein als Fischerkittel durchgehen würde, wenn es keinen Kragen hätte. Mit seiner Glühweinhütte besetzt er hier den besten Platz. Genau dort, wo der Neue Markt – Warens Altstadt-Zentrum – endet, und die Shopping-Meile der mecklenburgischen Kleinstadt beginnt.

Shopping-Meile? Schön, die Lange Straße ist ihrem Namen zum Trotz nur etwa 400 Meter lang, die hier beginnende Hälfte hat es jedoch in sich. Eine unterbrochene Reihe unterschiedlichster Geschäfte in den Erdgeschossen der Gründerzeithäuser säumt die Straße. Sie bieten Bücher feil, Mode, Brillen, noch mal Bücher, noch mal Mode, Schuhe, Schokolade, Whisky und Tabak. Und nur ein paar dieser Läden sind Filialen einer der sattsam bekannten Ketten.

Die Ecke ist ohne Frage äußerst begehrt. Benno dürfte also noch ein anderes Geheimnis kennen, mindestens. Zum Beispiel den Trick, sein Gegenüber mit einem gehörigen Schuss Schlehenfeuer gefügig zu machen. Schlehenfeuer gehört nach seiner Expertise unbedingt in einen Glühwein.

Ist alles nur eine Fata Morgana?

Oh wunderbare Waren-Welt. Viele Kleinstädte sind doch längst zu einer seelenlosen Hülle geschrumpft. Mögen sie alle auch eine hübsche Altstadt haben, gern in Pastellfarben restauriert. Mag sich überall das Rathaus, das Heimatmuseum, die Touristeninformation, eine Apotheke und vielleicht noch ein Grillrestaurant um den Platz im Zentrum gruppieren, für ein lebendiges Geschäftsleben reicht es meist nicht. Das befindet sich, wenn überhaupt, vor der Stadt, wo sich entweder ein Dänisches Bettenlager niedergelassen hat oder eine Filiale von Famila. Oder es gibt nur noch die Packstation, weil der gesamte Handel inzwischen im Internet abgewickelt wird.

Anders in Waren. Oder ist alles vielleicht nur eine Fata Morgana? Schließlich gehört die Illusion gewissermaßen zum Markenkern der 22 000-Einwohner-Stadt mitten im Binnenland, gelegen am Ufer der zwar großen, sich vor dem Hafen aber zu einer Art Bucht verjüngenden Müritz.

Wenn nur ein bisschen Wind geht, kann man es selbst jetzt noch hören, das Klingeln der Stahlseile an den Masten der wenigen verbliebenen Boote im winterlichen Hafenbecken. Mit dem heiseren Gekrächze der unermüdlich kreisenden Möwen fügt es sich im Kopf zu einem akustischen Meerespanorama. Tatsächlich nennen manche hier die Müritz das kleine Meer. Ein findiger Investor, dessen nagelneue Apartementanlage am Seeufer die Strandpromenade belästigt, hat sein Unterfangen folgerichtig „Mare Mueritz“ getauft. Nur einen Funken Fantasie vorausgesetzt, ist Waren von Berlin aus gesehen der kürzeste Weg zum Meer.

Jetzt jedoch treibt der für die Jahreszeit nicht untypische Nieselregen die wenigen Spaziergänger vom Hafen weg hoch in die Altstadt, genau auf Bennos Glühweinhütte zu. Die ist dank ausladender Marktschirme von oben wasserdicht und wegen der reichlich verstreuten Holzschnipsel auch von unten trocken. Deftiges gibt’s dazu: Benno brät Wurst vom Wildschwein aus Müritzer Jagd.

Karstadt und Kaufhof winkten ab

Benno Kruse blickt auf eine lange Verkäuferkarriere zurück. Er hat für Mercedes mit Unimogs gehandelt, als sie ihn 1990 mit der Wende hierherschickten. Er stieg auf gebrauchte Landmaschinen um. Denn lieber ein kleiner Herr als ein großer Knecht, sagt er, was aus seinem Mund total einleuchtend klingt – schon vor dem zweiten Glühwein.

Wie haben die das gemacht, die Innenstadt am Leben zu erhalten? Sie haben gleich nach der Wende losgelegt, kluge Köpfe von hier und wohlmeinende Investoren von außen, die offenbar schnell erkannten, das wird was, erzählt er. Karstadt und Kaufhof gehörten allerdings nicht dazu. Als die Warener damals fragten, ob einer der beiden nicht ihr altes, vor der Abwicklung stehendes Kaufhaus am Rand der Altstadt übernehmen wollte, winkten die Konzerne ab. Lohne sich nicht. Dafür sei die Stadt zu klein.

Zu klein! Benno erlaubt sich ein kurzes schnaubendes Lachen. Er selbst hat seine Basis zehn Kilometer von hier, in Groß Gievitz, und dort einen Dorfladen aufgemacht. Wie er das erzählt, erfreut er sich am Staunen seiner Gesprächspartner. Genau, aufgemacht, in einer Zeit, in der Läden in 400-Einwohner-Dörfern wie Groß Gievitz geschlossen werden.

Zeit für sein größtes Geheimnis: Ein Geschäftsmann muss jedem Kunden das Gefühl geben können, in seinem Laden genau richtig zu sein. Beim zweiten Mal muss er ihn wiedererkennen. Und beim dritten Mal wissen, wer die Oma mit der Hüftoperation war, und wer sich ein neues Auto gekauft hat und stolz darauf ist. Benno beherrscht diese Kunst, hat sie in mehreren Imbissbuden immer wieder verfeinert. Aber auch er wird älter, und deshalb verkauft er lieber Glühwein. Der hat von November bis März Saison. Wer 100 Tage lang von elf bis 20 Uhr den Unterhalter gemacht hat, und zwar jeden Tag, der braucht mal eine Pause.