In seiner 85-köpfigen Familie hat nur er überlebt

Seite 3 von 3
Soghomon Tehlirian und der Völkermord : Der Rächer von Armenien tötete in Berlin
Mehmet Talaat Pascha plante den Genozid mit.
Mehmet Talaat Pascha plante den Genozid mit.Foto: public domain

Für den Prozess macht sich Tehlirian ein Jahr jünger. Damit die Wahrheit unwahrscheinlicher wird: Zum Zeitpunkt des Genozids war er mitnichten auf den Todesmärschen, er hörte weder seine Schwester schreien, noch sah er den Schädel des Bruders bersten. Er kämpfte, ganz wie es die türkische Propaganda für alle Armenier annahm, aufseiten der Russen. Es hätte aber sehr wohl anders sein können. Der Prozess war die Chance, die Geschichte aller zu erzählen.

Seine Heimat Erzincan findet Tehlirian 1916 jedoch tatsächlich in Trümmern. Von 20 000 Armeniern sind noch 20 übrig. Aus seiner Familie von 85 Personen hat einzig er überlebt. Das Protokoll des Tehlirian-Prozesses verkauft sich so gut unter den Armeniern, dass es die Operation Nemesis weiter finanziert. Sechs andere Türken töten die Rächer der „Operation Nemesis“ noch, in Istanbul, in Rom – aus einer fahrenden Kutsche heraus – und Tiflis.

Nach dem Mord schreibt Tehlirian seine Briefe vorsichtshalber als Saro Melikian. Er zieht nach Serbien, wo schon sein Vater als Arbeitsmigrant einen kleinen Laden besessen hatte. Heiratet. Erzieht seine Söhne zu Patrioten, die sich ein vereintes Armenien wünschen. Von Berlin spricht er nie. Im Jagdverein ist er als guter Schütze bekannt. Tehlirians Flucht dauert an. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg beginnt der türkische Geheimdienst vergeblich nach ihm zu suchen. Talaat Pascha gilt den Türken inzwischen als Märtyrer. 1950 zieht Tehlirian deshalb in die USA. Dort arbeitet er, der Rächer seines Volkes, als Buchhalter in einem Restaurant. Einem armenischen.

Die Operation Nemesis stellt 1922 ihre Arbeit ein, vernichtet Spuren. Erst Jahrzehnte später werden Briefe ihrer Mitglieder auf einem Dachboden gefunden. Armenische Aktivisten kämpfen in den 30ern gegen sowjetische Unterdrückung. Hitler lässt sich vom verschwiegenen Genozid ermutigen: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“, sagt er vor dem Einmarsch nach Polen. Die verbliebenen Armenier, nach den Massakern auf der ganzen Welt verstreut, sprechen selten von dem, was ihnen passiert ist. Viele schämen sich, überlebt zu haben, manche haben Angst vor weiterer Verfolgung. Sie geben das Trauma an ihre Kinder weiter, an ihre Enkel. Wie besessen kämpfen die späteren Generationen um Anerkennung der türkischen Verbrechen, um Reparationen, oft erfolglos, bis heute. In den 70ern entsteht daher ein neuer armenischer Terrorismus. ASALA, mit PLO und PKK verbündet, nennt sich die Bewegung, die bis in die 90er Anschläge auf türkische Diplomaten verübt und mit 45 Toten und 299 Verwundeten, darunter einige Zivilisten, die Anerkennung des Genozids erzwingen will.

Das erlebt Soghomon Tehlirian nicht mehr. Er stirbt 1960 mit 63 Jahren, an einer Hirnblutung in San Francisco. Regelmäßig pilgern Armenier aus aller Welt zu seinem Grab und dem Denkmal auf dem Ararat-Friedhof in Fresno, Kalifornien, wo ein goldener Adler eine Schlange frisst. Wo das Gute gegen das Böse siegt.

Die Hardenbergstraße kennt in Armenien jedes Kind. Sie erinnert daran, auch jetzt, 100 Jahre nach dem Genozid, dass die Armenier nicht nur Opfer waren.

10 Kommentare

Neuester Kommentar