Spa-Managerin des Jahres Marlis Minkenberg im Interview : "Die Gäste kommen auch, um zu reden"

Lomi-Lomi-Nui, Needling, Healthness. Marlis Minkenberg weiß, wie sehr sich Urlauber nach Entspannung sehnen.

Das Landhaus in Morsum gehört zum Hotelresort Severin’s. Dort sollen die Gäste lernen, abzuschalten.
Das Landhaus in Morsum gehört zum Hotelresort Severin’s. Dort sollen die Gäste lernen, abzuschalten.Foto: Promo

Frau Minkenberg, Sie leiten eines der besten Spas Deutschlands, wurden gerade als erfolgreichste Spa-Managerin des Landes ausgezeichnet. Jemand wie Sie isst nie bei McDonald’s, oder?

Oh doch! Und stellen Sie sich vor: Gestern bin ich sogar geschminkt ins Bett.

Dabei lernt man schon früh, dass die Haut nichts verzeiht.

Ich bin normalerweise streng mit mir. Ich stehe morgens um fünf auf, meditiere, reinige mich mit hochprozentigem Alkohol, trage sehr gründlich eine Maske auf und dann ein Serum.

In den letzten Jahren hat sich die Spa-Landschaft verändert. Früher wählte man ein Peeling, dazu eine Massage. Jetzt buchen sich New Yorker zu ihrer Behandlung einen Schamanen, in einem Spa in Arizona schreibt man die Wünsche an seinen Körper auf einen Zettel, den man rituell verbrennt, an anderen Orten wird im Mondschein massiert.

Die Gäste kommen nicht nur für ein Schoko-Peeling. Sie wollen wissen, wie sie mit Stress umgehen, besser schlafen. Und sie wollen berührt werden. Das hat damit zu tun, dass es mehr Singles in Deutschland gibt. Wir merken das ganz deutlich: Die Gäste buchen eine Behandlung für 50 Minuten und nutzen diese Zeit auch, um zu reden. Weil sie so allein sind.

Marlis Minkenberg geht schon mal geschminkt zu Bett. Ihre Haut scheint ihr das alles zu verzeihen.
Marlis Minkenberg geht schon mal geschminkt zu Bett. Ihre Haut scheint ihr das alles zu verzeihen.Foto: Promo

Genau genommen sind Sie, als Kosmetikerin, dafür nicht ausgebildet.

Unser Beruf verändert sich massiv. Ich habe deshalb das Konzept der „individuellen Aufmerksamkeit“ entwickelt. Wir sprechen mit den Kunden und passen uns an. Hamam oder balinesische Lomi-Lomi-Nui-Behandlung, Personal Training oder Ernährungsberatung. Ich sage meinen Therapeuten, sie dürfen ruhig mit dem Gast spazieren gehen. An Sylts Kraftplätze: in die Dünen, zwischen die duftenden Rosen und Apfelbäume. Weil wir feststellen, dass wir inzwischen Zuhörer und Masseur sind.

Mussten Sie sich jemals überwinden, nackte Körper anzufassen?

Das kann man oder eben nicht, das kann ich auch niemandem beibringen. Ich merke das beim Bewerbungsgespräch sofort. Für mich hat das mit Liebe zu tun und mit Intuition. Zu spüren, was jemand braucht. Das ist auch für einen Hoteldirektor nicht immer einfach mit uns. Wir Spa-Mitarbeiter sind feinstofflich, hochsensibel. Da geht es nicht so zu wie in der Küche. Wir haben uns alle ausgesucht, Menschen zu berühren, wir haben immer mit nackten Seelen zu tun. Wenn einer im weißen Bademantel vor uns steht, wissen wir zunächst nicht, ob er vermögend ist, die Anwendung geschenkt bekommen hat oder seine Frau gerade gestorben ist.

Urlaub bedeutet für viele, nicht mehr am Pool abzuhängen. Es gibt Angebote für Reisen, auf denen man emotional entschlackt, sich das Rauchen abgewöhnt oder mal weg vom Handy kommt, Digital Detox.

Das ist ein riesiger Umbruch: Leute verreisen, um gesund zu werden. Sie fühlen sich für ihre Gesundheit verantwortlich, weil ja auch die Krankenkassen immer weniger übernehmen. Healthness nennt sich das – nicht mehr Wellness.

Unter Sylter Reet. Die Auffahrt des Resorts.
Unter Sylter Reet. Die Auffahrt des Resorts.Foto: promo

Sogar die Junggesellenabschiede wollen nicht mehr saufen, sondern ausspannen.

Ins Spa gehen ist das neue Ausgehen. Da kommen Männergruppen und mieten sich die Spa-Suite. Medical-Healthness-Spa heißt das Konzept der Zukunft. Die Gäste wollen Sport- und Ernährungsberatung, eine Körperanalyse: Wie viel Fett, Wasser, Muskelmasse habe ich?

Wie reagieren Sie darauf?

Wir machen nichts Medizinisches. Wir haben weder ein Ultraschallgerät noch eine Bedampfungsmaschine, die die Haut weicher macht. Wir bieten auch kein Needling an, wieder so ein Trend. Dabei fügt ein Automat der Haut kleine Pikser zu. Hinterher sieht man jünger aus, funktioniert tatsächlich. Wir machen alles mit der Hand. Meine Therapeuten wollen eher keine heißen Steine oder Kräuterstempel zwischen sich und den Menschen.

Sie haben hier auf Sylt prominente Besucher, eine gesetzlich verordnete Schweigepflicht wie Therapeuten aber nicht.

Wir sind diskret. Deshalb verteilen wir Hamam-Tücher aus Leinen, im marokkanischen Stil, niemand muss sehen, wo die Millionärin ein Piercing hat oder ein bisschen Cellulite. Aber halten Sie sich fest: Sogar in einem Fünf-Sterne-Haus wie dem unseren werden die Tücher ständig entwendet. Ich habe die neue Kollektion mit einem riesigen Schriftzug bedrucken lassen. Wenn sie schon in den Villen dieses Landes herumliegen, sollen sie dort wenigstens Werbung für uns machen.

Wohin gehen Sie selbst, wenn Sie mal ein gutes Spa besuchen wollen?

In das Hotel Victoria Jungfrau in der Schweiz – da habe ich mich inspirieren lassen. Dort gibt es keine zugigen Stellen auf den Gängen, überall Tee- und Handtuchstationen und ähnlich viel Platz wie bei uns.

Sie müssen es wissen: Welche Verspannungen hat Deutschland?

Verkürzte Muskeln im Nacken und Schulterbereich! Alle arbeiten nach vorn gebeugt, ob am Auto, am Schreibtisch, am Handy. Wir sollten uns mal wieder nach hinten beugen.

Eine Massage im durchdesignten Spa in Keitum tut gut.
Eine Massage im durchdesignten Spa in Keitum tut gut.Foto: promo

Was tut derjenige, der es sich nicht leisten kann, die Strapazen seiner Arbeit von der Thaimasseurin wegkneten zu lassen?

Einfach im Wald spazieren gehen und sich über einen Baumstamm legen, der gefällt wurde, und mal wieder atmen. In der Natur gibt’s sowieso alles, was wir brauchen. Wer das nicht kann, sollte jeden Tag drei bis fünf Minuten mit der Faszienrolle die Verklebungen im Körper lösen. Wenn ich allerdings 50–60 Stunden arbeite, sollte ich mir jede Woche 25 Minuten lang den Nacken massieren lassen, und zwar medizinisch: von einem Physiotherapeuten, einem Chiropraktiker oder einem Osteopathen.

Es gibt mittlerweile sogar eine App, Massagio, die den Masseur nach Hause bestellt.

Home-Spa wird populärer, die Leute haben Sportgeräte daheim, lassen sich noch in die kleinste Wohnung eine Sauna einbauen. Auf Youtube gibt es Tutorials für Selbstmassagen und hausgemachte Kosmetik. Ich empfehle Jenny Osbelt, die aus Berlin den Blog ilovespa.de betreibt.

Verraten Sie uns einen Beauty-Trick, der wenig kostet?

Die Haut zusätzlich morgens reinigen. Das ist wie mit dem goldenen Urin, der Körper entgiftet in der Nacht. Morgens liegt alles auf der Haut. Und es ist ein Mythos, dass man bei einer Kosmetiklinie bleiben soll, ich habe ein vielfältiges Sortiment zu Hause.

Die kalte Jahreszeit kommt, die Leute gehen wieder in die Saunas. Was sind die häufigsten Fehler?

Viele übertreiben. Für Einsteiger sind ein bis drei Saunagänge zu je acht bis 15 Minuten ideal. In der Sauna am besten flach hinlegen, damit der gesamte Körper in derselben Temperaturzone bleibt. Kurz vor Ende kann man sich aufsetzen, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Viele duschen sich auch vor der Sauna zu kalt, das verzögert das Schwitzen. Wenn man vom Training kommt und noch stark schwitzt: besser warm-kalte Wechselduschen. Ohnehin sollte man seinem Körper etwas Zeit geben, um nach dem Training herunterzukommen. Man ist noch voll mit dem Stresshormon Cortisol und setzt sich erneut Anstrengung aus. Atmung und Puls sollten vor dem Saunagang im Ruhebereich sein. Wichtig ist, immer erst nach dem Training zu saunieren. Auch massieren sollte man sich vor der Sauna lassen, sonst schwitzt man so stark nach, das macht die Haut weniger griffig.

Marlis Minkenberg, 52, (rechts) führt das Spa des Severin’s Hotel auf Sylt. 2017 haben sie der Deutsche Wellnessverband und die Beauty Messe Düsseldorf zur Spa-Managerin des Jahres 2017 gekürt.

Hinkommen

Nach Keitum geht es von Berlin mit der Bahn (umsteigen in Hamburg). Die Fahrt dauert fünfeinhalb Stunden. Der Preis für ein Sparticket in der 2. Klasse beträgt 135 Euro für Hin- und Rückfahrt.

Unterkommen

Ab 290 Euro gibt es ein Doppelzimmer im 5-Sterne-Haus Severin’s in Keitum: friesischer Baustil, zwei Restaurants, eine Bar. Der Zugang zum Spa auf 2000 Quadratmetern mit Schwimmbad und fünf Saunen ist inklusive. Gäste, die woanders übernachten, können für 45 Euro eine Halbtageskarte erwerben. severins-sylt.de

Rumkommen

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Unbedingt im Hotel ein E-Bike mieten, bis zum schwarz-weißen Leuchtturm „Langer Christian“ in Kampen radeln und die edelsten Reetvillen betrachten. Zurück in Keitum in die „Kleine Teestube“ einkehren und auf Plüschsofas Friesentorte essen.

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