Manche Gladiatoren stiegen zum Sexsymbol auf

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Stadionbau im alten Rom : Was Michael Preetz von Kaiser Vespasian lernen kann
Die Römer mochten es blutig: Gladiatorenkampf im Kolosseum. ( Jean-Léon Gérôme, 1859)
Die Römer mochten es blutig: Gladiatorenkampf im Kolosseum. ( Jean-Léon Gérôme, 1859)Foto: imago/WHA United Archives

Seneca war bei der Eröffnung des Kolosseums bereits seit 15 Jahren tot. Ein derartiges Stadion hat er nie gesehen. Die alten Griechen kannten nur ihr Halbrund. Die Römer hatten zwar in Pompeji und Capua so etwas wie ein kleineres Kolosseum errichtet. Rom selbst verfügte bis zum Jahre 70 nur über ein wirklich gigantisches Geläuf: den Circus Maximus.

Mehr als ein Böschungsoval ist von dieser Arena, die einst 125 000 Zuschauer aufnahm, nicht geblieben. Der Circus war eher ein Austragungsort für die beliebten Wagenrennen, deren Protagonisten es vergleichbar dem heutigen Sportbetrieb zu Starstatus und Vermögen bringen konnten. Für die andere große Leidenschaft des Publikums, die Schaukämpfe der Gladiatoren, war der Circus Maximus mit seiner langgezogenen Bahn nicht geeignet.

Die Gladiatorenkämpfe hatten sich im Lauf der Zeit von einer rituellen zu einer professionellen Veranstaltung entwickelt, die die Massen anzog, aber nur in eher provisorischen, meist hölzernen Arenen dargeboten wurde. In den Jahren der römischen Republik waren sie bereits vor der Zeitenwende ein Mittel der Politik, als Showereignis Bestandteil des Wahlkampfs vermögender Kandidaten. Mit Augustus, dem ersten Imperator, ging das Veranstaltungsrecht auf den Kaiser über. Und war nicht weniger politisch. Der antike Satiriker Juvenal fand dafür die griffige Formel „Brot und Spiele“, meinte die öffentlichen Getreidespenden und den wachsenden Sektor der Massenunterhaltung. Dahinter verbarg sich die Kritik, das Volk von Rom habe seine politischen Rechte verkauft und lasse sich allzu gern von den wirklich wichtigen Dingen ablenken.

Antike Graffiti in Pompeji nennen sie „Gebieter der Mädchen“

Auch einige Gladiatoren erreichten Starstatus. Und keineswegs jedes Gefecht endete mit dem Tod eines Kontrahenten. Sogar Ärzte standen für sie bereit. Galenus von Pergamon, einer der berühmtesten Mediziner des Altertums und Leibarzt mehrerer Kaiser, arbeitete seine ersten vier Berufsjahre in einer Gladiatorenkaserne.

Von einzelnen Gladiatoren ist überliefert, dass sie ihren Ruhestand erlebten, Trainer oder Schiedsrichter wurden. Andere stiegen zum Sexsymbol auf, antike Graffiti in Pompeji nennen sie „Gebieter der Mädchen“ oder „Medizin der Nacht“, und bis heute fragen sich Archäologen, was jene reich geschmückte Dame aus besseren Kreisen wohl in der pompejanischen Gladiatorenkaserne zu suchen hatte, wo sie vom Ascheregen beim Ausbruch des Vesuvs überrascht und für alle Zeiten eingeschlossen wurde.

Erstaunlich, dass erst Kaiser Vespasian erkannte, der Bau des Kolosseums werde gewissermaßen eine Marktlücke füllen. Vespasian, berühmt geworden durch seine Latrinensteuer, die er mit dem Satz „Geld stinkt nicht“ kommentierte, stammte aus vergleichsweise einfachen Verhältnissen und hatte sich in blutigen Unruhen durchgesetzt. Binnen anderthalb Jahren starben seine vier Vorgänger, zwei durch Suizid, zwei durch Mord. Vespasian war es, der die Lage beruhigte. Er nutzte den Platz, der durch den großen Stadtbrand zu Neros Zeiten entstanden war, und tilgte die Spuren des beim Volk verhassten Nero, indem er dessen unvollendeten Mega-Palast abreißen und an seiner Stelle mit dem Kolosseum einen Palast für das Volk bauen ließ.

Der Betrieb ging weiter bis hinein ins sechste Jahrhundert

Umstritten ist, ob das Stadion tatsächlich geflutet werden konnte, um darin ganze Seeschlachten auszurichten, wie es die antiken Autoren nahelegen. Unumstritten ist, dass das Kolosseum in seinen Katakomben eine ausgefeilte Bühnentechnik möglich machte. Davon zeugt noch heute ein labyrinthisches Gängesystem unter dem einstigen Arenaboden. Aufzüge erlaubten nicht nur den überraschenden Einzug wilder Bestien aus dem Untergrund, sondern den zügigen Aufbau ganzer Kulissenwelten.

Vespasian gebot über Baumeister mit erstaunlicher Expertise. Die gingen gründlich vor, entwässerten das sumpfige Areal mit einer aufwendigen Drainage und gossen ein meterdickes Fundament aus opus caementicium, dem römischen Beton.

Vespasian erlebte die große Eröffnung nicht mehr, die feierte sein Sohn Titus, der einen weiteren großen Nutzen der Arena erkannte: Sie war der Platz, an dem der Kaiser seinem Volk so nahe war wie nirgendwo sonst. Es ging zwar nicht mehr um Wählerstimmen, doch immer noch um die Gunst des Publikums. Kein anderer antiker Monarch, schreiben die Historiker Mary Beard und Keith Hopkins in ihrem Buch „Das Kolosseum“, inszenierte solche engen Begegnungen mit der Masse wie die römischen Kaiser.

Der Spielbetrieb währte über das Ende des Weströmischen Reiches hinaus bis ins sechste Jahrhundert. Im Mittelalter verkam die Ruine zum Steinbruch, erst im 19. Jahrhundert wurde sie als Touristenziel wiederentdeckt und erhalten.

So überdauerte das Kolosseum als eines von wenigen antiken Bauwerken in einer immer noch imposanten Gestalt bis in die Gegenwart. Und zeugt bis heute davon, wo ein erfolgreiches Stadion hingehört: in die Mitte der Stadt.

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