Streitpunkt Hotelfrühstück : Es geht ums Croissant

Allein auf dem Balkon frühstücken oder unten im Hotelrestaurant, gemeinsam mit anderen Gästen. Eine Debatte um das Luxusproblem Room Service.

Alles üppig, auch das Frühstück im eigenen Zimmer: Hotel du Cap-Eden-Roc bei Antibes.
Wer will bei dieser Aussicht ans Buffet? Frühstück im Hotel du Cap-Eden-Roc bei Antibes.Foto: Promo

Pro Frühstück auf dem Zimmer:

Es war ein warmer Oktobermorgen. Wir wohnten auf der „falschen“ Seite von Capri, also nicht der zum offenen Mittelmeer hinaus. Die Sonne überzog den Golf von Neapel mit gnädigem Licht, von unserem Balkon aus konnten wir den Kegel des Vesuv, die Stadt zu seinen Füßen und die ersten Fähren zur Insel hinüber sehen.

Die Dame vom Zimmerservice brachte uns ein Tablett mit frisch gebrühtem Espresso, Orangensaft, ein paar Croissants und Marmelade. „Lassen Sie sich Zeit!“, sagte sie und verließ das Zimmer. Wir aßen im Schlafanzug auf dem Balkon, wo gerade mal zwei Stühle und ein kleiner Tisch Platz fanden, doch es fühlte sich wie eine Loge mit Privatvorstellung an. Da tuckerte ein Boot, dort rief ein Fischer – und langsam tranken wir uns mit Kaffee wach.

Diesen entspannten wie privaten Tagesauftakt hätten wir nicht erlebt, wenn wir in den Frühstücksraum hinuntergegangen wären. Wir hätten auf der Terrasse vor der Villa sitzen können, doch die große Pinie vor dem Hotel hätte die Sicht komplett verstellt. Wir hätten mit anderen Gästen Nettigkeiten austauschen müssen, „herrliches Wetter, aber der Vesuv, widerlicher Geruch – komplett überschätzt“, ein Knicks hier, eine Verbeugung dort.

Ich bin ein Faultier. Ich möchte nicht gleich am Morgen ins gesellschaftliche Korsett gepresst werden.

Das Frühstück ist intimer als jede andere Mahlzeit, der Körper befindet sich noch in einem Zwischenzustand von schläfriger Trägheit und potenziellem Aktivismus. Man gähnt, reckt sich, schüttelt die Müdigkeit ab und will erst mal wieder mit der Welt klarkommen. Beobachter unerwünscht.

In diesen Tagen wird die erste Mahlzeit zum Politikum im Hotelbetrieb: Darf und soll der Gast hinunter zum gemeinsamen Frühstück mit den anderen Hotelbewohnern? Setzt er sich einer Gefahr von Viren aus, verbreitet er gar selbst welche? Beim Prima colazione im Bett tut Social Distancing am wenigsten weh.

Und darum geht's: Croissants, Kaffee und Obst als erste Mahlzeit des Tages.
Und darum geht's: Croissants, Kaffee und Obst als erste Mahlzeit des Tages.Foto: Imago

Im Le Meridien in Bangkok wird das Frühstück in einem hallenähnlichen Zwischengeschoss serviert, von der Balustrade sehen die Gäste hinunter in die große Eingangshalle und hinauf zur Bar. Der Schall kann sich ungehindert ausbreiten. Und da sitzen auch schon die Eltern, die ihrem bedauernswerten, etwa vierjährigen Jungen keine Kopfhörer für sein Tablet gegeben hat. Im Trickfilm wird natürlich sehr laut geknallt, gehupt und gedingdongt – und wir verstehen drei Tische weiter unser eigenes Wort nicht mehr.

Das Hotel ist ein Ort, um sich zu entspannen, sich wohlzufühlen, sich ein Stück weit gehen zu lassen. Aber doch nicht vor allen Leuten! Im Filmhit „A Star Is Born“ frühstücken Lady Gaga und Bradley Cooper nach ihrer ersten Nacht auf dem Zimmer, sie zelebrieren den Moment mit Pfannkuchen, Brötchen, Kaffee und Schlabberklamotten. Stellt sich ernsthaft jemand die Frage, warum sie nicht ins Hotelrestaurant gegangen und sich dort vom Kellner die Eierspeisenkarte haben vorlesen lassen?

Ferien sind keine Zeit für Askese

Hotels geben uns das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Der Service unterscheidet sie von einem Hostel mit Selbstbedienungsoptionen oder der WG-Küche daheim. Warum sich nicht etwas gönnen und auf dem Zimmer bedienen lassen? Die Ferien sind nicht dazu da, sich mit Askese zu bestrafen. Es ist doch lässig, das Frühstück am Vorabend auf einer Karte anzukreuzen, diese an den Türgriff zu hängen und morgens von einem Klopfen aufzuwachen. Sir, Ihr Brötchen!

In Mailand hatte ich einmal die Möglichkeit, im Four Seasons zu übernachten, einem umgebauten Kloster. Damals eilte ich noch aufgeregt zum Frühstück hinunter, wollte sehen, was das Buffet bietet – auch wenn ich schon ahnte, dass ich die japanischen, chinesischen und englischen Speisen nicht nehmen würde. Verwundert fragte ich danach einen Mitreisenden, warum er nicht erschienen war: „Bist du verrückt? Ich will meine Ruhe haben.“

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Er hatte recht. Ich habe noch nie von jemandem gehört, der davon träumt, an einem Buffet ein Omelett zu bestellen. Oder morgens aufwacht, sich zu seinem Liebsten umdreht und sagt: „Schatz, freust du dich auch schon so auf die Schlange vor der Käsetheke?“

Kurz vor dem Corona-Ausbruch besuchte ich ein Hotel am Gendarmenmarkt, um das Frühstück auszuprobieren. Es war ein Sonntag, offenbar hatten auch andere Berliner diese Idee, außerdem war das Haus voll belegt. Ich musste mich hinter einem Dutzend Menschen einreihen, damit mir dann ein Tisch zugewiesen wurde, von dem ich aufstehen durfte, um hinter denselben Menschen auf Brötchen, Käse und Müsli zu warten. Der Ansturm erinnerte mich an das Drängen der durstigen Tiere vor einem Wasserloch im Etosha-Nationalpark.

Darauf hatte ich keine Lust. Ich ging hungrig zum Platz zurück und wünschte mir, auf einem Balkon in Capri zu sitzen. Ulf Lippitz

Kann auch schön sein: Frühstück im Hotelgarten.
Foto: Imago

Contra Frühstück auf dem Zimmer

Es kitzelt in der Nase. Träum ich, oder wach ich? Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee und gebratenem Speck schleicht sich in den Halbschlaf hinein. Was für ein sanftes Erwachen! Ich weiß: Gleich fliegen mir unten die pochierten Eier in den Mund, die mir zu Hause nie gelingen wollen. Während ich noch dusche, legen freundliche Menschen schon die Brötchen in den Korb und zupfen die Wiesenblumen in der Vase zurecht.

Ich liebe das Frühstück im Allgemeinen und das auf Reisen im Besonderen: eine köstliche Einstimmung in den Tag. Zu meinen Lieblingsferiendomizilen gehören Bed & Breakfasts, in denen das Frühstück so wichtig ist wie das Bett. Aber jedes für sich, schön getrennt. Die Wirte backen, kochen, schnibbeln und schmücken, begrüßen freundlich jeden einzelnen Gast. Wie zu Hause, nur schöner.

In Ponden Hall zum Beispiel, wo schon die Brontë Sisters zu Besuch waren, setzt man sich an den liebevoll gedeckten Holztisch und wird bedient. Die ausgedehnten Morgenmahlzeiten im B&B, ein Gang nach dem anderen, die Gespräche mit Gastgebern und anderen Urlaubern gehören zu meinen schönsten Urlaubserinnerungen. Dabei habe ich mehr über England erfahren als aus manchen Büchern.

Im Moment überlegt die ganze Branche, wie man ein coronataugliches Frühstück serviert. Die communal tables passen ganz gut in die Zeit. An den langen Tafeln kann man leicht Distanz halten. Einige Hotels wollen Bento-Boxen oder Sandwichtüten vor die Zimmertür stellen, individuellen Room Service für alle können sich die wenigsten leisten. Und selbst wenn: nee, danke. Ich geh doch nicht ins Hotel, um dann auf dem Zimmer zu frühstücken! Da kann ich ja gleich zu Hause bleiben. Und da war ich jetzt weiß Gott lange genug.

Trauma in Amerika

Ich habe keine Lust auf Krümel neben oder im ungemachten Bett. Auf dem Stuhl die Klamotten vom Vortag – soll ich mich da draufsetzen? Da ich im Urlaub keine Suiten zu buchen pflege, müsste ich, allein oder zu zweit, an einem schmalen Tisch unterm Fernseher hocken, auf dem der Platz gerade mal für ein Tellerchen reicht, mit Blick auf die Wand oder das ungemachte Bett. Campingfeeling. Ich hasse Camping. Bis die Spiegeleier auf dem Zimmer ankommen, sind sie lauwarm, der Toast längst wabbelig, und wenn mir was fehlt, kann ich es nicht mal schnell nachbestellen.

Was Frühstück auf dem Zimmer angeht, bin ich früh traumatisiert. Mit Anfang 20 zog ich zum Studieren nach Amerika. Die Ankunft war ein Desaster. Der Flug kam verspätet am Airport an, mitten in der Nacht, wo natürlich niemand, wie versprochen, auf mich wartete. Nicht mal mein Koffer, der irgendwo zwischen Brüssel und Ohio auf der Strecke geblieben war. Für ein Jahr in den USA hatte ich jetzt gerade mal eine laptopgroße Umhängetasche.

Im Flughafenhotel, in dem ich übernachten musste, bestellte ich mir am nächsten Morgen ein Continental Breakfast. Wahrscheinlich gab’s, wie in vielen amerikanischen Hotels, gar keinen Frühstücksraum. Ich dachte, ich komm’ ja vom Kontinent, da kenne ich mich aus und stärke mich jetzt mit Käse und Wurst. Stattdessen kriegte ich eine staubige Rosinenschnecke, in Plastik eingeschweißt, auf einem Plastiktablett mit einem Pappbecher bitteren Kaffees serviert. Ich brach in Tränen aus.

Sicher frühstücken ohne Tischnachbarn - hier im Brenners in Baden-Baden.
Sicher frühstücken ohne Tischnachbarn - hier im Brenners in Baden-Baden.Foto: Promo

Wenn man frisch verliebt oder die Zeit mit dem Lover knapp ist – okay. Oder auf Dienstreisen, wenn man sich noch auf einen Termin vorbereiten muss. Aber sonst? Es hat schon einen Grund, warum ich noch nie Lieferando & Co nach Hause bestellt habe. Während des Lockdowns habe ich mir aus Solidarität zweimal Dinner to go geholt. Also ehrlich! Wenn ich daheim essen will, kann ich gleich selber kochen. Dann sind die Speisen wenigstens frisch.

Beim Restaurantbesuch wie beim Frühstück im Hotel geht’s doch um so viel mehr als das reine Essen! Die Atmosphäre, das Leben, die anderen Leute, die Kellner, die Gespräche im Raum: das ganze Theater der Geselligkeit. Wozu auch die sich anschweigenden Ehepaare gehören, das süße Kind, das den ganzen Saal um den Finger wickelt. Im Urlaub will ich fremd sein, die Sitten, auch den Hunger anderer Gäste aufnehmen, ihre fremden Klänge hören, ob spanisch, französisch oder bayerisch ...

Und dann gab's eine Ohrfeige

Egal, wie klein das Hotelzimmer ist, das ich gebucht habe, wie trist die Aussicht – der Frühstücksraum ist in den meisten Herbergen groß und schön und hell. Im walisischen Harbour Master saßen wir am Panoramafenster zum Hafen, im San Giorgio wird der Kaffee im herrlichen Garten serviert, mit Blick hinunter auf den Comer See.

Ich liebe das Hotelfrühstück so sehr, dass es mir sogar die einzige Ohrfeige wert war, die mein Vater mir je verpasste. Weil wir so selten in Gasthäusern abstiegen (Ferien machten wir sonst in der Ferienwohnung) ließ ich mir jeden Bissen auf der Zunge zergehen. Meine Schwester, schneller als ich, hatte ihr Marmeladengläschen schon geleert, schnappte sich meins, wir fingen zu streiten an – und: peng. Für jeden eine. Inzwischen genießen wir beiden das Hotelfrühstück zusammen besonders gern.

Und wenn wir fertig gespeist haben, stehen wir auf und lassen alles hinter uns. Hätten wir auf dem Zimmer gegessen, hinge das Aroma von kaltem Fett im ganzen Schlafzimmer, wenn nicht gar in den Klamotten, der Tisch wäre eine Müllhalde. Stattdessen kehren wir ins saubere Zimmer zurück und machen uns fertig für einen herrlichen Tag. Susanne Kippenberger