Stulpen, Schweißband, Leotards : „Jane Fonda hat Aerobic als Heilsbringer verkauft“

Jane Fonda machte Aerobic zum ersten weiblichen Breitensport. War er auch eine Befreiung für Frauen? Historikerin Melanie Woitas betrachtet eine Problemzone.

Felix Denk
Frau im Fokus. Jane Fonda war eine Vorturnerin des Fitnessbooms der 1980er Jahre.
Frau im Fokus. Jane Fonda war eine Vorturnerin des Fitnessbooms der 1980er Jahre.Foto: ddp images/United Archives

Melanie Woitas , 31, arbeitet im Wissenschaftsmanagement an der FOM Hochschule in Nürnberg. Sie schrieb ihre Dissertation über die Geschichte des Aerobics in den USA.

Frau Woitas, als Warm-up: Sie haben über die Geschichte des Aerobic promoviert. Ihre Hauptquelle sind die Videos von Jane Fonda. Haben Sie alle 24 Folgen gesehen?
Nein, aber sehr viele.

Ganz unwissenschaftlich: Welche mögen Sie am liebsten?
Die älteren aus den 1980er Jahren. Bei einem etwa findet das Work-out nachts auf dem Dach eines Hochhauses statt. Viele, die im Hintergrund mittrainieren, tragen Lederjacken, Mützen und Ketten. Beim Cooldown am Ende setzen alle synchron eine Sonnenbrille auf.

Spätestens seit die Fitnessstudios geschlossen hatten, turnen viele zu Hause vor dem Bildschirm. Haben sie das Jane Fonda zu verdanken?
Sie selbst preist sich, das Sportvideo erfunden zu haben. Nun gab es vorher auch keinen Bedarf. Der Videorekorder wurde erst in den 1970er Jahren entwickelt. Und sie schreibt sich auf die Fahnen, ihn in die Wohnzimmer gebracht zu haben.

Fonda hat ihr erstes Video aus dem Jahr 1982 allein 17 Millionen Mal verkauft. Es kostete über 50 Dollar. War sie die erste Fitnessinfluencerin?
Sie war damals eine berühmte Schauspielerin und hatte den Oscar gewonnen. Und sie war politisch sehr aktiv. Jeder kannte sie, jeder hatte eine Meinung zu ihr. Ohne sie wäre Aerobic nie so erfolgreich gewesen.

Warum?
Alle wollten mal schauen: Was macht sie? Wie sieht sie aus? Sie war ja Mitte 40, als das erste Video rauskam, kein junger Hüpfer, hatte aber eine Wahnsinnsfigur. Ihre Person hat einen großen Anteil daran, dass sich die Leute für etwas interessierten, von dem nicht klar war, ob das überhaupt jemand braucht.

Im Bayerischen Fernsehen gab’s schon in den 1970er Jahren Skigymnastik mit Rosi Mittermaier. Was genau war das Neue an Aerobic?
Der ganze Lifestyle. Die Übungen waren nicht neu. Vieles gab es schon ewig in der Gymnastikbewegung. Neu war die Musik. Aerobic ohne Musik macht keinen Sinn, weil vieles choreografisch angelegt ist. Neu waren auch die Outfits. Kein Mensch ist vorher mit Stulpen, Schweißband und Leotards rumgelaufen.

Hat die Stulpe einen sportmedizinischen Nutzen?
Die kommt ursprünglich aus dem Ballett und sollte die Muskeln warmhalten, vor Zerrungen schützen. Manche sagen, sie beuge auch Muskelkater vor. Beim Aerobic war sie reine Optik.

Dass heute in allen Lebenslagen Leggings getragen werden – eine Folge von Aerobic?
Das gab’s schon vorher, war in den USA aber ein Unterschichtenphänomen. Niemand, der was auf sich hielt, ist damit rumgelaufen. Der Look kam dann in der zweiten Hälfte der 1980er auf die Straße, als in Musikvideos Aerobic-Sequenzen nachempfunden wurden.

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Jane Fonda war Vorturnerin des Fitnessbooms der 1980er Jahre und hat ein Fitness-Imperium aufgebaut. Ist sie eine übersehene Ikone des Feminismus?
Schwierig. Sie würde das auf jeden Fall bejahen, die zeitgenössischen Frauenrechtlerinnen nicht. Fonda sah sich als Feministin, die für die Frauen kämpft. Sie hat Aerobic als Heilsbringer und als ein Stück Selbstermächtigung verkauft. Sie hat innerhalb ihrer Möglichkeiten viel getan, aber auch vieles verfestigt, was nicht so schön war, beispielsweise das normierte Körperbild.

Wobei der Aerobic body das Bild vom schwachen Geschlecht ja durchaus bricht.
Das stimmt. Frauen waren nicht mehr nur zart, dünn, gebrechlich und so wenig Platz einnehmend wie möglich, sondern konnten auch zeigen, dass sie Muskeln haben und stark sind. Gleichzeitig spiegeln die Videos ein Frauenbild, das nicht besonders inklusiv war. In den 1980er Jahren galten die, die nicht fit waren und vielleicht übergewichtig, als minderwertige Gesellschaftsmitglieder.

Was Sichtbarkeit angeht, war der sportliche Körper im Fernsehen bis dato meist männlich. Das hat Aerobic geändert, oder?
Männer waren sowieso im Fernsehen überrepräsentiert. Wenn es nicht die Frau war, die gerettet werden musste oder die Haushaltstipps gab, waren nur Männer zu sehen, egal in welchem Format. Zum ersten Mal waren Frauen im Fokus. Das hat es für sie so spannend gemacht. Aerobic war der erste weibliche Breitensport.

Das erklärte Ziel von Aerobic: Frauen stärken - in jeder Hinsicht.
Das erklärte Ziel von Aerobic: Frauen stärken - in jeder Hinsicht.Foto: imago/ZUMA Press

Haben sich die Frauen einen gesellschaftlichen Freiraum erturnt – oder neue Zwänge?
Man hat versucht, durch Sport die Selbstermächtigung zu erlangen, um sich auch auf anderen Feldern durchzusetzen, die wichtiger waren. Es wurde vermittelt: Einfach nur schön sein reicht halt nicht, um in Chefetagen aufzusteigen. Man braucht auch Biss, und den kann man durch Aerobic bekommen. Wenn der Körper gestärkt ist, ist auch das Mindset gestärkt. Wenn man sich durch ein Video quält, dann schafft man auch die Gehaltsverhandlung erfolgreich.

Neoliberalismus und Fitnessboom sind ja parallele Erscheinungen. Jane Fonda als Apologetin des Leistungsgedankens hat beides vorangetrieben.
Sie war eine Verfechterin der Selbstoptimierung: Man soll nie zufrieden sein, man kann immer noch ein bisschen mehr rausholen! Das hat sie gelebt, das hat sie vermittelt. Und das war typisch für den Fitnessgedanken der 1980er. Das kam zu einem Zeitpunkt, als die Wirtschaft stagnierte. Man fühlte sich ohnmächtig. Wenn wir schon die Konjunktur nicht ankurbeln können, dann arbeiten wir eben an uns.

Hat Fonda die Problemzone erfunden?
Nein. Die gab’s schon vorher in der Fitnessindustrie. Aber dieses: Man nimmt nicht alles hin und man kann nicht alles mit einer Diät wegkriegen, sondern man muss auch trainieren – das ist etwas, das Fonda aufgegriffen hat.

Ihr verdanken wir also den Bauch-Beine-Po-Kurs?
Das sind letztlich mutierte Aerobic- Kurse. In den Videos gab es einzelne Sequenzen, die sich auf den Po oder auf die Arme bezogen haben, es gab aber auch eigene Videos, die für bestimmte Bereiche gedacht waren. In Fitnessstudios konnte man die vorher auch trainieren, aber dass man Problemzonensport gemacht hat, gerade in den USA, in denen Teamsport auch bei Frauen das Nonplusultra ist, war neu.

In den Videos gibt’s immer wieder Close-ups auf die Hüften. Wie viel Porno steckt in Aerobic?
Viele Sequenzen wirken softpornografisch. Was durch die Close-ups bestärkt wird. Man fragt sich, warum da die Hüfte eingeblendet wird, hat es nicht mehr Sinn, den ganzen Körper zu zeigen, damit man sieht, wie die Übung richtig ausgeführt wird? Das war nur fürs Auge. Man weiß ja nicht, wer die Videos wirklich gekauft hat. Vielleicht waren es mehr Männer, als man annimmt. Jane Fonda selbst hat sich zu solchen Fragen nie positioniert.

Mal ehrlich: Mussten Sie sich viele Witze über Ihre Forschung anhören?
Witze weniger, aber die Relevanz wurde schon hinterfragt. Gestandene Historiker, die zu Kriegen forschen, fragen: Was ist denn da der Mehrwert?