Die Shoppingliste liegt in der Cloud

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Supermarkt der Zukunft : Im Einkaufsnetz
Im Supermarkt der Zukunft kann man via Tablet auf die Einkaufsliste oder die Kühlschrankkamera zu Hause zugreifen.
Im Supermarkt der Zukunft kann man via Tablet auf die Einkaufsliste oder die Kühlschrankkamera zu Hause zugreifen.Foto: imago/Westend61

Pling. Ein neuer Eintrag ist auf der Einkaufsliste aufgetaucht. Jemand hat Salami hinzugefügt. Weil die Einkaufsliste in der Cloud liegt, können alle Familienmitglieder daran mitschreiben. Aber die hatten wir doch zu Hause? Im Supermarkt der Zukunft greife ich kurz via Tablet auf die Kühlschrankkamera zu, die einen Livestream aus seinem Inneren sendet, und scanne den Inhalt. Na also, noch da.

Jetzt schnell bezahlen. Der Einkaufswagen funkt bereits an die Kasse, was ich eingepackt habe. Abgerechnet wird per Handy, Fingerabdruck oder Gesichtserkennung. Schlangen an den Kassen soll es nicht mehr geben. Die verleiden Kunden den Einkauf vor Ort. Die Händler wollen dafür sorgen, dass ich so lange wie möglich im Laden bleibe – und mich gut dabei fühle.

Nach Berechnungen der Kapitalbeteiligungsgesellschaft Cornerstone Capital Group könnten alleine im US-Einzelhandel sechs bis siebeneinhalb Millionen Arbeitsplätze durch Automatisierung wegfallen. Betroffen sind vor allem Kassierer. Ich denke an Herrn M., meinem Lieblingskassierer aus dem Edeka. Ich mag den kurzen Plausch mit ihm, die kleinen Geschichten aus seinem Urlaub, die Fotos seiner Hundewelpen, die er wie geheime Schätze in seiner Kitteltasche hütet, die Erzählungen von Schönheitswettbewerben, an denen sie teilnehmen. Eine Welt, aus der mir sonst keiner berichtet.

In Zukunft sollen sich die Mitarbeiter vor allem um individuelle Kundenbedürfnisse kümmern und die automatisierten Assistenten ergänzen. Wenn die Kamera per Emotionserkennung schmale Augen und zusammengepresste Lippen erfasst, kann sie über eine Smart-Watch einen Mitarbeiter alarmieren. Der könnte dann so instruiert werden: „Achtung, der Kunde ist gestresst, also nur kurz und knapp helfen“, sagt Kahl.

Die Software kennt den Kunden

Er weiß, wie unheimlich solche Anwendungen den Leuten werden können. Dass sie eine Technologie eher ablehnen, wenn diese unbewusste Signale auswertet. Das betrifft zum Beispiel das Eye-Tracking, mit dem Kahls Mitarbeiter experimentieren. Dabei registriert das System, wenn der Blick einer Person länger als üblich auf einem Produkt ruht und sich womöglich für den Artikel interessiert. Diesen Impuls könnte man durch gezielte Werbung verstärken: Nimm zwei, zahl eins! Aber die Anreize müssen diskret ausfallen. Kahl sagt, dass ihre Testkunden es akzeptiert hätten, wenn die Ware angeleuchtet wurde.

Der stationäre Handel mit Lebensmitteln wird weiter eine wichtige Rolle spielen, weil die Kunden Frischwaren wie Obst, Käse und Brot anfassen und beschnuppern wollen. Gerade bei „Problemfrüchten“ wie Mangos oder Avocados. Wer die Frucht noch am selben Tag verzehren will, geht lieber auf Nummer sicher, will sie sanft drücken und ihren Duft aufsaugen, statt sich blind auf die Kennzeichnung zu verlassen.

Die Vision der Supermarktstrategen ist eine Art „Tante-Emma-Laden 4.0“, in dem der Kunde mit seinen Gewohnheiten und Vorlieben gespeichert ist. Die Software weiß, ob sich jemand vegan, nach den Prinzipien der traditionellen chinesischen Medizin oder wie ein Steinzeitmensch ernährt. Kahl sagt: „Wenn ich den Kunden bereits kenne, kann ich ihm auch wie früher die Tante Emma anbieten: Du hast doch letzte Woche die Wurst gekauft, pass mal auf, ich hab da was Schönes reinbekommen, probier das mal!“ Stimmt er zu, hat der Markt sogar Zugriff auf seinen Kalender. Dann kann das Warenhaus ihn an seinen Hochzeitstag erinnern und gleichzeitig ein hübsches Angebot für Sekt und Rosen vorschlagen. Der Supermarkt der Zukunft funktioniert wie der Internethandel in der Gegenwart: Der Kunde erhält Offerten und Dienste im Tausch gegen seine Daten. Nur wer seine Identität, seine Vorlieben und Gewohnheiten offenlegt, wird Rabatte oder Empfehlungen nutzen können.

Deals für die Daten

Dabei gibt die Wahl der Nahrungsmittel viel über eine Person preis: Ob jemand Cola oder Grüntee, Formschinken oder Seidentofu kauft, lässt präzise Rückschlüsse auf Gesundheitszustand, Bildungsniveau und Kaufkraft zu. Ich denke an das Beispiel einer Familie aus den USA. Deren Tochter bekam vom Discounter Target Werbung für Schwangerschaftskleidung zugeschickt, obwohl sie noch die Highschool besuchte. Ihr Vater war empört und beschwerte sich beim Manager. Einige Tage später räumte er zerknirscht ein, dass seine Tochter tatsächlich schwanger war. Die Kette hat schon vor Jahren erkannt, dass eine Kombination von 25 Produkten, darunter etwa Nahrungsergänzungsmittel und unparfümierte Körperlotion, ziemlich treffsicher Aufschluss darüber gibt, ob eine Kundin ein Kind erwartet.

Solche Informationen sind auch für andere interessant. Für die Krankenkassen zum Beispiel. Die könnten Deals anbieten für alle, die ihre Einkaufslisten transparent machen. Vielleicht wird der Tarif für die Gemüsefraktion dann günstiger. Fraglich ist, wie lange man die Wahl hat, dabei mitzumachen oder auszusteigen. Wer seine Liste nicht durchstellt, wird sich womöglich bald mit einem höheren Beitrag anfreunden müssen. Er scheint ja etwas zu verbergen zu haben.

Im Supermarkt der Zukunft kann man seine Besorgungen bestimmt effizient und komfortabel erledigen. Man wird nicht mehr planlos durch die Gänge irren, Zutatenlisten auf Verpackungen durcharbeiten, an der Kasse den Einkaufswagen vom Hintermann in die Hacken gerammt bekommen – nur um dann trotzdem die Hälfte zu vergessen. Aber dass man einfach anonym und unbehelligt durch einen Laden geht, das wird bald womöglich so selten sein wie eine Registrierkasse.

Auf dem Rückweg vom Supermarkt der Zukunft komme ich an meinem Edeka vorbei. Ich spähe durch die Tür, an der Kasse sitzt Herr M. und schiebt Waren über den Scanner. Ich bin froh, ihn da zu sehen.

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