Tag der Seelischen Gesundheit : „Psychische Krankheiten sind wie Tumore“

Am Tag der Seelischen Gesundheit steht das Thema Suizidprävention im Mittelpunkt. Betroffene und Helfer meinen: Viele Selbsttötungen wären vermeidbar.

Dominique de Mané setzt sich dafür ein, dass mehr über psychische Gesundheit gesprochen wird. Sie selbst hat das Borderline-Syndrom.
Dominique de Mané setzt sich dafür ein, dass mehr über psychische Gesundheit gesprochen wird. Sie selbst hat das...Foto: Arvid Uhlig/privat

Wer Dominique de Mané auf Instagram folgt, sieht eine fröhliche junge Frau, die auf Berge klettert, Marathons läuft und Bier mit Brezel im Biergarten genießt. Was man ihr nicht ansieht: Sie hat das Borderline-Syndrom, ist trockene Alkoholikerin und leidet an Depressionen. Seit 15 Jahren lebt sie mit den Krankheiten, erst seit fünf Jahren ist sie in Behandlung. Heute sagt sie: „Ich bin immer wieder gefallen und irgendwann wusste ich: Wenn ich jetzt noch ein paar Mal falle, stehe ich nicht wieder auf.“

Unter den 15- bis 19-Jährigen ist Selbstmord die zweithäufigste Todesursache weltweit. Weltweit waren es im vergangenen Jahr 800 000 Menschen, durchschnittlich alle 40 Sekunden nimmt sich ein Mensch das Leben. Die Weltgesundheitsorganisation hat den diesjährigen Tag der Seelischen Gesundheit deswegen unter das Thema „Suizidprävention“ gestellt. Denn 90 Prozent aller Selbstmordtoten hatten eine psychische Erkrankung, nur zehn Prozent agierten aus einer akuten Lebenskrise wie Krankheit, Trennung oder Bankrott heraus, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

„Der Großteil der Selbstmorde ist vermeidbar“, sagt de Mané. „Denn der Mensch versucht so lange sich zusammenzureißen, bis es nicht mehr geht.“ Sie vergleicht psychische Erkrankungen mit Tumoren: Werden sie nicht behandelt, können sie tödlich sein.

In Deutschland nahmen sich 2017 insgesamt 9235 Menschen das Leben. Dominque de Mané wäre einige Male beinahe ein Teil dieser Statistik geworden. Das letzte Mal war es im Mai 2017 so weit: Sie hatte einen Rückfall, hatte getrunken, sich selbst verletzt und war selbstmordgefährdet. Am Ende lieferte sich die 33-Jährige selbst in eine psychiatrische Klinik ein. Seitdem machte sie einen therapiebegleiteten Entzug und stellte ihr Leben um. „Es hilft mir einfach sehr, eine Morgenroutine zu haben, meine Wochen vorzuplanen“, sagt sie. „Und wenn es mir schlechter geht, rede ich mit meinem Freund oder Freunden darüber.“ Yoga, laufen, kochen, Ausflüge in die Berge und ein sinnhafter Job – auf diesen Säulen baut sie jetzt ihr Leben auf.

Als Jugendliche hatte de Mané ein Borderline-Syndrom entwickelt, „ein Zuviel an Gedanken und Gefühlen“, wie sie es beschreibt. Daraus folgten als Druckabbau die Selbstverletzung und der Alkoholismus, der wiederum führte zur Depression. All das verbarg de Mané vor ihrer Familie, ihren Freunden und sogar vor ihrem Freund. Ihre Episoden mit Alkohol und Selbstverletzung beschränkte sie auf die Perioden, in denen ihr Partner beruflich verreist war.

„Irgendwann merkte ich dann, dass ich in meinen dunklen Phasen immer mehr Richtung Suizid rutschte“, sagt de Mané. Sie vertraute sich einem Freund an, der ihr bei der Therapeutensuche half. Ein Jahr dauerte die insgesamt. Heute spricht sie mit der Psychotherapeutin Anke Glaßmeyer im Podcast „Die Psychotanten“ über Themen wie den Alltag in einer psychiatrischen Klinik.

Anke Glaßmeyer klärt auf Instagram über Krankheitsbilder und den Therapeutenalltag auf.
Anke Glaßmeyer klärt auf Instagram über Krankheitsbilder und den Therapeutenalltag auf.Foto: privat

Anke Glaßmeyer hat selbst eine Essstörung hinter sich und betreibt heute eine psychotherapeutische Praxis in Ibbenbüren sowie psychologische Onlineberatung. Sie kritisiert die Versorgungssituation in Deutschland. „Es müsste mehr Kassensitze für Psychotherapeuten geben“, sagt sie. Sie selbst hat keine Zulassung, die zwischen 50 000 und 100 000 Euro kosten würde. „Ich muss immer wieder Patienten abweisen“, sagt sie.

Niedrigschwellige Angebote sind wichtig

Auf ihrem Instagram-Account „diepsychotherapeutin“ erläutert sie Diagnosen, antwortet auf Fragen und verrät „Therapiegeheimnisse“. Es ist ein niedrigschwelliges Angebot, denn wer in einer akuten Krise ist, schafft es oft nicht, das Telefon in die Hand zu nehmen. Oft kommentieren Follower, dass sie dieselbe Diagnose haben wie beschrieben. Das Gefühl, mit seinen Problemen nicht allein zu sein und einen Namen dafür zu haben, helfe aus der Isolation auszubrechen, sagt Glaßmeyer.

Information und Aufklärung seien entscheidend, sagt Iris Hauth, Psychiaterin und Ärztliche Direktorin am Alexianer-Krankenhaus in Weißensee. Sie ist Mitinitiatorin der "Berliner Woche der Seelischen Gesundheit", die vom 10. bis zum 20. Oktober läuft. „Die Bevölkerung sollte möglichst viel über psychischer Erkrankungen wissen“, sagt Hauth. „Wenn sie selbst psychische Veränderungen bei sich bemerken oder bei jemandem in ihrem Umfeld, sollten sie nicht durch Angst, Schuld und Scham davon abgehalten werden, Hilfe zu suchen.“ Es gebe immer noch viele Vorurteile, die dem offenen Umgang mit Suizidgedanken im Weg stünden – etwa die Mär, dass Menschen, die über Suizid reden, ihn nicht begehen.

Haben Sie dunkle Gedanken? Wenn es Ihnen nicht gut geht oder Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie sich melden können.

Der Berliner Krisendienst ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern variieren nach Bezirk, die richtige Durchwahl für Ihren Bezirk finden Sie hier.

Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen finden Sie unter: www.telefonseelsorge.de

Aber was genau führt dazu, dass ein Mensch seinem natürlichen Überlebensinstinkt zuwiderhandelt? Das hängt von der Vorerkrankung ab, sagt Hauth: „Schwer Depressive geraten oft in eine Abwärtsspirale: Sie meinen, sie seien nichts wert und würden ihrer Umwelt zur Last fallen. Dadurch bekommen sie oft negatives Feedback, außerdem fehlt ihnen durch die Antriebslosigkeit die positive Selbstbestätigung.“

Depressive können sich nicht "zusammenreißen"

Angehörigen, Freunden und Nachbarn, die den Rückzug oder die Krise eines Mitmenschen bemerken, empfiehlt sie zwei Strategien: Sensibles und aktives Zuhören und das Bauen von Brücken, etwa in Form von Hilfsangeboten wie Unterstützung bei der Therapeutensuche oder Begleitung zu Terminen. „Absolut kontraproduktiv ist es, Aktivitäten vorzuschlagen und den Betroffenen zu sagen, sie sollen sich einfach zusammenreißen“, sagt Hauth. Dadurch würden die Betroffenen noch schlechter und unzulänglicher fühlen.

Psychisch Kranke wollen oft nicht zur Last fallen – geschockte Reaktionen und sichtbare Trauer lösen diese Schuldgefühle erneut aus und sind deswegen im Gespräch zu vermeiden. „Man sollte durchaus vorsichtig fragen, ob die Person Selbstmordgedanken hat und ob sie sich Hilfe suchen möchte“, sagt Hauth. Sie rät: Vertrauen aufbauen, sensibel begleiten und Hilfsangebote machen.

Dass das Reden über psychische Krankheiten immer noch ein Problem ist, zeigt sich auch in der Tatsache, dass hauptsächlich weibliche Aktivistinnen sichtbar sind und mehr Frauen in den helfenden Berufen arbeiten. Denn 76 Prozent der Selbsttötungen in Deutschland wurden 2017 von Männern begangen.

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