Verliert Melli das Umgangsrecht?

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Teenie-Eltern in Berlin : Minderjährig, verliebt - und schwanger
Vor dem Familienrichter, sagt Melli, redet Justin schlecht über sie. Was wird nun aus ihrem Sorgerecht?
Vor dem Familienrichter, sagt Melli, redet Justin schlecht über sie. Was wird nun aus ihrem Sorgerecht?Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Und es geht vorbei. Lotte isst, bekommt ein rundes Babygesicht mit vollen Lippen. Melli nennt sie Rollmops. Der Rollmops wird das liebste Fotomotiv seiner Eltern. Mehrfach täglich stellen Melli und Justin neue Profilbilder bei WhatsApp ein. Babycontent.

Was man nicht sieht: Wie Justin und Melli einander verlieren. „Sie lässt sich bedienen, alles muss ich für sie machen“, sagt Justin. Melli sagt: So bin ich halt. „Und wir streiten oft“, erzählt Justin. „Hää, wir streiten nicht. Wir diskutieren“, sagt Melli.

Als der Herbst kommt, geht alles kaputt. Die Betreuerinnen im Mutter-Kind-Heim erscheinen Melli wie Aufseherinnen. Du musst das so und so machen, du darfst das nicht machen, und erst recht nicht das. Melli flippt aus und fliegt raus. Was genau passiert ist, will sie nicht sagen. Sie zieht wieder zu ihrer Mutter. Und Lotte kommt zu Justin.

Melli ist allein, Justin erziehend

Melli meldet sich nicht mehr. Bis zum Frühsommer 2017, da verrät sie den neuen Status: Melli ist allein, Justin ist erziehend. Lotte lebt jetzt dauerhaft bei ihm. Er ist volljährig und hat eine eigene kleine Wohnung in einer betreuten Einrichtung ganz in der Nähe. Besuch möchte er nicht. Melli lebt mit ihrem Zwillingsbruder wieder bei der Mutter, sie ist einverstanden mit Besuch. Nur von Justin will sie nichts mehr wissen. Der hat schon eine neue Freundin. Luisa. Und die Alte ist echt völlig irre.

Melli ist inzwischen 17, die Zahnspange ist weg, dafür hat sie ein neues Nasenpiercing. Mit der Schule hat sie es noch mal probiert, aber für die spezielle Förderklasse musste sie weit fahren und sehr früh aufstehen. Jetzt sucht das Amt nach einer neuen Förderklasse.

Willst du das, Melli? Schulterzucken.

Ihre Mutter und ihr Bruder mögen Fleisch, sie steht gern für die beiden in der Küche. Dort türmt sich an diesem Tag der Abwasch, hier hat länger niemand mehr durchgewischt. Im Flur haben die Katzen die Tapete zerkratzt, in den Zimmern stapeln sich Stühle, Klamotten, Kassenbelege. Es riecht nach Zigaretten und nach Katzenklo.

Melli legt ein paar Handtücher zusammen, lässt sich auf den Küchenstuhl fallen und bröselt Tabak in eine Drehmaschine. Ratsch, ratsch, eine Zigarette. Ratsch, ratsch, noch eine. Sie raucht jetzt wieder richtig. Mit der einen Hand lässt sie einen Fidget Spinner rotieren. Mit der anderen gießt sie sich ein Glas Erdbeerbowle ein, die Sorte, die man unten im Supermarkt kriegt. Ihre Mutter trinkt Bier. Leere Flaschen stehen herum wie Nippesfigürchen. Auf der Kommode: ein Foto von Lotte, ganz winzig ist sie darauf.

Daneben, in einem größeren Rahmen, ein Foto aus den ersten Tagen, dazu die Ultraschallbilder, das kleine Shirt, das es zur Begrüßung im Krankenhaus gab und ein Foto von Mellis Bauch, mit roter und weißer Farbe bemalt. Jemand hat „Kinderüberraschung“ in bunten Buchstaben auf die Haut geschrieben. Gibt es mehr Bilder von Lotte hier? Auf dem Handy sind ganz viele, sagt Melli und legt weiter Handtücher zusammen.

Sie träumt davon wegzugehen, weg aus Berlin

Dass sie nicht mehr auf ihre Tochter aufpassen muss, hat auch Vorteile, erklärt Melli ein anderes Mal, als sie nach dem betreuten Mamasein bei Burger King sitzt. „Mehr Zeit für mich.“ Es ist Sommer 2017, Lotte wird bald ein Jahr alt. Melli unternimmt viel mit Luisa, die nicht mehr mit Justin zusammen ist. Der Typ kann ihnen gestohlen bleiben. Luisa hat auch ein Kind, das beim Vater lebt. So was schweißt zusammen.

Melli hat viele Termine, Melli ist beschäftigt. Beim Jugendamt, mal wegen Lotte, mal wegen sich selbst. Oder beim Psychologen. „Ich vergesse oft zu essen“, sagt sie. Und während Melli immer weniger wird, wird Lotte immer größer. Die blauen Augen behält sie.

Auch die Probleme beim Umgang bleiben. Die Betreuerin und Melli, das wird nichts mehr. Und irgendwie gibt Melli auch ein bisschen auf, was soll sie machen? Sie träumt davon, wegzugehen, nach Zwickau. Warum Zwickau? „Es ist klein, überschaubar“, sagt Melli. Hauptsache weg aus Berlin. Das hieße auch: weg von Lotte. Weg von der Tochter, die jetzt schon läuft und spricht und ständig etwas Neues kann. Die weiterhin bei Justin lebt. Bald wird sie ihr zweites Weihnachten feiern.

Melli steigt mit raspelkurzen, straßenköterblonden Haaren aus der Ringbahn. Sie streicht sich über den Kopf und lacht. Das ist letztens passiert, mit einer Freundin, einfach so, weil sie Lust hatten. Melli wirkt jetzt noch zerbrechlicher, als wäre sie geschrumpft. So weit im Zentrum wie an diesem Tag ist sie sonst selten, sie tippelt etwas orientierungslos über den Bahnsteig. Eigentlich sollte sie heute arbeiten, bei einer Art Schnuppermaßnahme für Jugendliche wie sie. Ohne Schulabschluss, ohne Arbeit. „Wir hängen eigentlich nur herum.“ Es interessiere niemanden, was sie dort trieben.

Was würdest du gern machen? „Es klingt vielleicht komisch, aber ich möchte eine Ausbildung als Putzkraft machen. Ich kann wirklich gut putzen.“

"Mir ging's nicht gut, also psychisch"

Geld verdient sie momentan keines. Sie bringt die Flaschen weg, die sich zu Hause bei ihrer Mutter ansammeln. Es ist nicht viel, was dabei rumkommt, aber manchmal gönnt sie sich was. Bald vielleicht ein neues Piercing. Und zum 18. Geburtstag ein Tattoo. Melli fährt mit einem Finger über unsichtbare Linien auf ihrem Arm. Eine Katze soll dabei sein und Symbole für die Menschen, die sie geliebt hat und die nicht mehr da sind. Auf jeden Fall eine Brille für Oma Lotte.

Nach der Oma Lotte ist auch das Baby Lotte benannt, Melli hat sie sehr gemocht. Sie ist gerade erst gestorben, und Melli hat das Bett geerbt, ihres war sowieso kaputt. Die Matratze riecht noch nach der Oma, aber das vergeht. „Darum schlafe ich im Moment auf dem Sofa.“ An einem Morgen schläft Melli zu lange. Als sie bei den Leuten von der Ausbildungsmaßnahme für Jugendliche anruft, um sich zu entschuldigen, sagt man ihr, dass sie gar nicht mehr wiederzukommen brauche.

Solche Vorfälle häufen sich. Letztens ist Melli nicht zum Umgang erschienen. „Mir ging’s nicht gut, also psychisch.“ Weil sie weniger als 24 Stunden vorher Bescheid gesagt hat, gab es Ärger. Auch Justin war wütend. Er schrieb ihr Nachrichten: „Kommst du wenigstens morgen?“ Melli stöhnt, wenn sie davon erzählt. Justin redet schlecht über sie, sagt sie, auch letztens vor dem Familienrichter. Dabei sei es Justin, der sich nicht ordentlich um die Kleine kümmert, der sie nicht genügend wäscht und der sich beim Aufräumen in seiner kleinen betreuten Wohnung von seiner Mutter helfen lässt, wenn Zimmerkontrollen anstehen.

Aber auch die Leute vom Jugendamt glauben, dass Melli ihre Rolle als Mutter nicht erfüllt, dass sie sich nicht wirklich um Lotte schert. Zum Jahresende soll die Entscheidung fallen: Melli könnte das Sorgerecht verlieren, das sie sich bislang mit dem Jugendamt und Justin teilt. Dann, erklärt Melli, sei auch ihr Umgangsrecht in Gefahr. Sie scheint nicht verzweifelt, eher matt.

Sie zuckt mit den Schultern.

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