Thunfischfang an der Küste Andalusiens : Rotes Gold aus dem Meer

Früher landete der Thunfisch in einer Dose bei Aldi, heute machen die Japaner Sushi aus ihm. Vor Gibraltar werden die wertvollen Tiere traditionell gefangen - ein blutiges Ritual.

Michael Schophaus
Fischer holen in der Nähe von Barbate ihre Netze mit Thunfischen ein. Der jährliche Fang, die Almadraba, geht damit los.
Fischer holen in der Nähe von Barbate ihre Netze mit Thunfischen ein. Der jährliche Fang, die Almadraba, geht damit los.Foto: Tourismo Cadiz

Der junge Gott steht vor der Höhle. Er flüstert, schüttelt die blonden Locken und lächelt in den Horizont. Unter ihm rauscht trotzig das Meer. Wenn er spricht, sprudeln seine Worte wie Gischt. Er zeigt auf eine scharfe Scharte im Felsen. Leise, andächtig fast. Javier Luis Goyeneche Collado erklärt das Licht. Das Licht, das Thunfischen schon vor 5000 Jahren den Tod gebracht haben soll. In Italien heißt dieser Tod mattanza, Gemetzel, hier in Spanien almadraba, Ort des Kampfes. Es ist ein Ritual, um einen stolzen, trächtigen Fisch zu schlachten. Ihm eine spitze Stange in den Rücken zu rammen, ihn am Bootshaken aus dem Wasser zu ziehen und mit einem Messer zu spalten. Wenn er nicht bereits vorher im Netz verendet.

Javier ist 34 und arbeitet in Andalusien als Touristenführer. Er interessiert sich für Menschen und Thunfische. Genau in der Reihenfolge, sagt er. Er möchte den Menschen von diesem großen, mächtigen Tier erzählen, das hier im Frühling allgegenwärtig ist. Weil es im warmen Wasser des Mittelmeeres seine Eier ablegen will.

Dafür schwimmt es Tausende von Kilometern aus dem Nordatlantik, wo es normalerweise lebt. Ein Tier, das bis zu einer halben Tonne wiegt. Es ist magisch, sagen die Menschen in Andalusien, dick, zauberhaft und glücklich. Liebe den Fisch mehr als dich selbst, lernen die Kinder in der Schule. Bis er die Küste erreicht. Früher endete der Thunfisch in einer Dose bei Aldi, in den heißen Küchen der Hafenlokale, auf den Tischen der armen Schlucker. Heute liegt er eher auf einem Teller in Tokio. Wer viel Geld hat, kauft Nacken, Rogen oder Bauch.

Kein Wort über das qualvolle Ersticken

Auf dem Weg nach Gibraltar, wo sich das Meer zu einem Trichter formt, werden die Thunfische seit Jahrtausenden gefangen. Bevor sie das Mittelmeer zum Laichen durch die 14 Kilometer breite Meerenge saugt. Jedes Jahr im Frühjahr kommen über 20 000 von ihnen, nachdem sie sich durchs Nordmeer gefressen haben. Wie viele es auf der ganzen Welt gibt, weiß man nicht genau. Thunfische leben auch in der Karibik, im Pazifik und im Golf von Mexiko.

Javier streicht sanft über die Scharte am Eingang der Höhle. Im Inneren sind an den Wänden in Sandstein geritzte Bilder zu erkennen. Rote Punkte, ein Dreizack, Schiffe, Schwanzflossen, die Hörner eines Widders. Wind schlüpft herein, der Ort hallt irgendwie heilig. Es riecht nach Vergangenheit.

Das Wetter hat Javiers Gesicht gegerbt, beim Blinzeln klaffen kleine Krater auf der Stirn. Er strotzt vor Kraft, aber vieles an ihm wirkt verletzlich. Wenn Javier erzählt, versinkt er in eine Welt, die weit weg zu sein scheint von der Endgültigkeit der Almadraba. Weit weg von Fangquoten, weit weg vom Blut im Meer. Er wirft ein tiefes Lachen in die Höhle, die Muskeln tanzen unter seinem Hemd. Er redet, er redet. Doch kein Wort über das qualvolle Ersticken, wenn die Netze gehoben werden. Nichts darüber, dass Thunfische manchmal versehentlich am Kopf aufgespießt werden. Dass der mächtige Haken ihre Schädel birst.

Kein Wort über Tiere, die den Stolz ihrer Jäger nähren und den Hunger in harten Zeiten vertrieben. Thunfische sind leider dumm, sagt Javier, sie verfangen sich im großen Labyrinth der Netze und finden nicht mehr raus. Die Stellnetze wirken wie ein Zaun, weil sie am Grund verankert sind. Davor lauern die Orcas und hoffen auf leichte Beute. Die Fischer nennen das große Auffangbecken la piscina, das Schwimmbad, das letzte Netz copo, die Falle. Dort kocht das Meer vom Peitschen der Flossen, brodelndes Wasser, in dem nur noch der Tod wartet.

Schon die Phönizier warteten auf das Licht

Javier atmet aus. Mitleid? Nein! Das alles gehört für ihn zur Kultur von Andalusien. Wie der Stierkampf in Sevilla, wie das Schütteln von Olivenbäumen. Die Menschen greifen sich hier nur ihre Schätze aus dem Meer, sagt Javier. Ein Geschenk der Natur. Er will den Touristen am Steilhang von Atlanterra bloß schöne Geschichten erzählen. Vom Thunfisch, dem roten Gold der Almadraba. Alle wollen was vom Roten Thun hören, eigentlich ist er silbrigblau. Rot ist nur das fette, eiweißhaltige Fleisch.

Jeder hört gespannt zu, wenn Javier so wunderbar friedlich über das Sterben dieser Tiere spricht. Die Geschichte des Lichts. Das Licht des Todes. Er gestikuliert, die blauen Augen leuchten. Diese Höhle, haucht er, ist eine Kathedrale des Todes. Schon die Phönizier hockten dort und warteten auf das Licht. Früher wollte Javier mal Elektriker werden.

Wenn die Sonne so stand, dass ihre Strahlen durch die Scharte auf die Bilder des Widders trafen, war es endlich so weit. Dann wussten die Almadraberos, die Jäger des roten Goldes, es wird Frühling. Macht euch bereit, die Thunfische kommen. Sie brüllten aus der Höhle ihre Kommandos, das Echo der Befehle klatschte bis an den Strand. Die Netze mussten raus. Nach rechts, mehr nach links. Von hier oben ließ sich alles überblicken. Sagt Javier.

Die Männer, die den Thunfisch zerlegen, werden Schnarcher genannt, so klingen ihre Messer auf den Gräten.
Die Männer, die den Thunfisch zerlegen, werden Schnarcher genannt, so klingen ihre Messer auf den Gräten.Foto: pa/J.L.Cereijido

Es war schon immer eine große Kunst, die Netze zu richten. Sie über einen Kilometer aufs Meer hinaus zu ziehen. Wenig hat sich geändert, nur die Maschen wurden größer, damit Schwertfische oder Delfine wieder ins Meer schlüpfen können. Taucher töten jetzt gezielter, der Thun soll weniger leiden. Die alte Fangmethode wird mittlerweile sogar als nachhaltig angesehen. Tierschützer freut das, Spaniens Politiker sowieso. Wird ihr Tod dadurch gnädiger?, fragen die Gegner.

In Barbate fragt sich das kaum einer. Hier leben viele der insgesamt 600 Familien vom Thunfischfang. Die kleine Stadt ist mit Tarifa, Zahara de los Atunes und Conil de la Frontera einer der vier Almadrabas, die seit 1928 durch ein Konsortium geregelt werden. Heute sind es oft private Firmen, die staatliche Konzessionen besitzen. Manche sprechen hinter vorgehaltener Hand auch von einer Art Mafia, die alles unter sich verteilt.

Fast 1000 Tonnen Roten Thun durften die vier Orte im letzten Jahr aus dem Meer holen. Inspektoren überprüfen angeblich jeden Fang. Selbst kritische Umweltbehörden glauben, dass sich die Bestände wieder langsam erholen. Noch vor Jahren hatte Greenpeace versucht, vor Barbate die Netze zu kappen.

Barbate hat einen schlechten Ruf. Es gibt 30 Prozent Arbeitslosigkeit, viele Felder der Bauern liegen wegen Misswirtschaft brach. Nach der Franco-Ära kam das Rauschgift, ein Dealer ging abends mit weißem Anzug und seinem Tiger an der Leine spazieren. Nirgendwo in Spanien wurden mehr Handys und Mopeds verkauft, fürs schnelle Geschäft an der Ecke. Wenn der schwüle Levante aus der Sahara herüberweht und sich wie eine stickige Glocke über die Häuser senkt, bringt sich regelmäßig jemand um. Ein dichter, undurchdringlicher Pinienwald soll bald Nationalpark werden. Touristen traf man selten in Barbate.

Touristen dürfen nur aus der Entfernung Fotos machen

Irgendwann kam jemand auf die Idee, den Thunfisch zur Marke der ungeliebten Hafenstadt zu machen. In den engen Straßen eröffneten zahlreiche Restaurants, die Thunfische in über 40 verschiedenen Gerichten anbieten. Gulasch, Tataki, Steak, Carpaccio, Tartar. Früher hat man ihn trocken gebrutzelt. Heute soll er nur kurz die Hitze spüren, heißt es.

Fischerboote bringen die Menschen an die Netze der Almadraba, wenn dort gerade nicht getötet wird. Touristen dürfen nur aus der Entfernung Fotos machen. Ein Museum führt durch die Geschichte der alten Fangmethode, in einem Kühlraum wird vor Glasscheiben ein schwerer Vorhang aufgezogen. Dort stehen Männer in Gummistiefeln, ihre Schlachtermesser blenden im Blitzlicht der Besucher. Das blutige Schauspiel beginnt. Sie zerlegen einen Thunfisch, geschickt, lächelnd, gelangweilt beinahe. Sie werden Schnarcher genannt, ronqueador. Wenn sich ihre Messer durch die Gräten des Fisches fressen, klingt es wie das Geräusch beim Schlafen.

Wie kommt der Thunfisch in die Dose? fragen die Leute dann immer. Sie kriegen bloß ein Lächeln als Antwort. Der Rote Thun wird niemals mehr in einer Dose landen. Bevor die Japaner und Koreaner den Fisch aus Spanien vor vielen Jahren für sich entdeckten, kostete er fünf Euro das Kilo. Heute wird oft das Hundertfache gezahlt, der Marktwert wächst in den Wahnsinn. 2014 wurde ein 220 Kilo schwerer Roter Thun für 1,4 Millionen Euro an einen Sushihändler versteigert.

Warum tunken sie Thunfisch in ihren Kaffee?

Die Menschen aus Barbate sind sehr froh über die Entwicklung. Sie brachte einen bescheidenen, aber schlecht verteilten Wohlstand über die Stadt. Häufig wird der ganze Fang einer Saison aufgekauft und anschließend tiefgefroren nach Ostasien verschifft.

Warum tunken sie Thunfisch in ihren Kaffee?, fragten sich spanische Arbeiter, als sie den Japanern zum ersten Mal in der Kantine der Fischfabrik beim Mittagessen zusahen. Sie wussten nicht, dass sie Sojasoße in der Tasse hatten. Jetzt verzehren sie ihn auch am liebsten so.

Eine schöne Geschichte. So schön, dass sie eigentlich von Javier Luis Goyeneche Collado sein könnte. Der junge Gott steigt gerade mit den Touristen von der Höhle ab, er redet immer noch, man ahnt, dass vielleicht wieder nur die Hälfte stimmt. Javier kommt aus Pamplona, sagt er, aus Nordspanien, doch der Thunfisch hier hat ihn nie mehr losgelassen. Die Heimat ist da, wo das Herz schlägt, sagt er und grinst.

Vor einiger Zeit sah er ein paar Jugendliche am Strand. Sie wollten einem verletzten Thunfisch helfen, der gestrandet war. Sie wickelten ein Seil um ihn und versuchten, den Fisch mit einem Motorrad ins offene Meer hinaus zu ziehen. Javier ist Rettungsschwimmer und überlegte kurz, ob er eingreifen sollte. Dann zog er weiter.

HINKOMMEN

Mit Iberia über Madrid nach Jerez de la Frontera fliegen, ab 310 Euro hin und zurück in der Economy. Von dort am besten mit dem Mietwagen am Atlantik 90 Kilometer hinunter nach Barbate fahren, dauert etwa eine Stunde.

UNTERKOMMEN

Ein vernünftiges Drei-Sterne-Haus in der Innenstadt ist das Adiafa Hotel, Doppelzimmer ab etwa 100 Euro pro Nacht.

INFO

Mehr Wissenswertes: cadizturismo.com.

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