Umweltbehörden glauben, dass sich die Bestände langsam erholen

Seite 2 von 3
Thunfischfang an der Küste Andalusiens : Rotes Gold aus dem Meer
Michael Schophaus
Die Männer, die den Thunfisch zerlegen, werden Schnarcher genannt, so klingen ihre Messer auf den Gräten.
Die Männer, die den Thunfisch zerlegen, werden Schnarcher genannt, so klingen ihre Messer auf den Gräten.Foto: pa/J.L.Cereijido

Es war schon immer eine große Kunst, die Netze zu richten. Sie über einen Kilometer aufs Meer hinaus zu ziehen. Wenig hat sich geändert, nur die Maschen wurden größer, damit Schwertfische oder Delfine wieder ins Meer schlüpfen können. Taucher töten jetzt gezielter, der Thun soll weniger leiden. Die alte Fangmethode wird mittlerweile sogar als nachhaltig angesehen. Tierschützer freut das, Spaniens Politiker sowieso. Wird ihr Tod dadurch gnädiger?, fragen die Gegner.

In Barbate fragt sich das kaum einer. Hier leben viele der insgesamt 600 Familien vom Thunfischfang. Die kleine Stadt ist mit Tarifa, Zahara de los Atunes und Conil de la Frontera einer der vier Almadrabas, die seit 1928 durch ein Konsortium geregelt werden. Heute sind es oft private Firmen, die staatliche Konzessionen besitzen. Manche sprechen hinter vorgehaltener Hand auch von einer Art Mafia, die alles unter sich verteilt.

Fast 1000 Tonnen Roten Thun durften die vier Orte im letzten Jahr aus dem Meer holen. Inspektoren überprüfen angeblich jeden Fang. Selbst kritische Umweltbehörden glauben, dass sich die Bestände wieder langsam erholen. Noch vor Jahren hatte Greenpeace versucht, vor Barbate die Netze zu kappen.

Barbate hat einen schlechten Ruf. Es gibt 30 Prozent Arbeitslosigkeit, viele Felder der Bauern liegen wegen Misswirtschaft brach. Nach der Franco-Ära kam das Rauschgift, ein Dealer ging abends mit weißem Anzug und seinem Tiger an der Leine spazieren. Nirgendwo in Spanien wurden mehr Handys und Mopeds verkauft, fürs schnelle Geschäft an der Ecke. Wenn der schwüle Levante aus der Sahara herüberweht und sich wie eine stickige Glocke über die Häuser senkt, bringt sich regelmäßig jemand um. Ein dichter, undurchdringlicher Pinienwald soll bald Nationalpark werden. Touristen traf man selten in Barbate.

Touristen dürfen nur aus der Entfernung Fotos machen

Irgendwann kam jemand auf die Idee, den Thunfisch zur Marke der ungeliebten Hafenstadt zu machen. In den engen Straßen eröffneten zahlreiche Restaurants, die Thunfische in über 40 verschiedenen Gerichten anbieten. Gulasch, Tataki, Steak, Carpaccio, Tartar. Früher hat man ihn trocken gebrutzelt. Heute soll er nur kurz die Hitze spüren, heißt es.

Fischerboote bringen die Menschen an die Netze der Almadraba, wenn dort gerade nicht getötet wird. Touristen dürfen nur aus der Entfernung Fotos machen. Ein Museum führt durch die Geschichte der alten Fangmethode, in einem Kühlraum wird vor Glasscheiben ein schwerer Vorhang aufgezogen. Dort stehen Männer in Gummistiefeln, ihre Schlachtermesser blenden im Blitzlicht der Besucher. Das blutige Schauspiel beginnt. Sie zerlegen einen Thunfisch, geschickt, lächelnd, gelangweilt beinahe. Sie werden Schnarcher genannt, ronqueador. Wenn sich ihre Messer durch die Gräten des Fisches fressen, klingt es wie das Geräusch beim Schlafen.

Wie kommt der Thunfisch in die Dose? fragen die Leute dann immer. Sie kriegen bloß ein Lächeln als Antwort. Der Rote Thun wird niemals mehr in einer Dose landen. Bevor die Japaner und Koreaner den Fisch aus Spanien vor vielen Jahren für sich entdeckten, kostete er fünf Euro das Kilo. Heute wird oft das Hundertfache gezahlt, der Marktwert wächst in den Wahnsinn. 2014 wurde ein 220 Kilo schwerer Roter Thun für 1,4 Millionen Euro an einen Sushihändler versteigert.

Warum tunken sie Thunfisch in ihren Kaffee?

Die Menschen aus Barbate sind sehr froh über die Entwicklung. Sie brachte einen bescheidenen, aber schlecht verteilten Wohlstand über die Stadt. Häufig wird der ganze Fang einer Saison aufgekauft und anschließend tiefgefroren nach Ostasien verschifft.

Warum tunken sie Thunfisch in ihren Kaffee?, fragten sich spanische Arbeiter, als sie den Japanern zum ersten Mal in der Kantine der Fischfabrik beim Mittagessen zusahen. Sie wussten nicht, dass sie Sojasoße in der Tasse hatten. Jetzt verzehren sie ihn auch am liebsten so.

Eine schöne Geschichte. So schön, dass sie eigentlich von Javier Luis Goyeneche Collado sein könnte. Der junge Gott steigt gerade mit den Touristen von der Höhle ab, er redet immer noch, man ahnt, dass vielleicht wieder nur die Hälfte stimmt. Javier kommt aus Pamplona, sagt er, aus Nordspanien, doch der Thunfisch hier hat ihn nie mehr losgelassen. Die Heimat ist da, wo das Herz schlägt, sagt er und grinst.

Vor einiger Zeit sah er ein paar Jugendliche am Strand. Sie wollten einem verletzten Thunfisch helfen, der gestrandet war. Sie wickelten ein Seil um ihn und versuchten, den Fisch mit einem Motorrad ins offene Meer hinaus zu ziehen. Javier ist Rettungsschwimmer und überlegte kurz, ob er eingreifen sollte. Dann zog er weiter.

Seite 2 von 3 Artikel auf einer Seite lesen