Topmodel-Gewinnerin Barbara Meier : Das sind meine Helden

Sie war eine blasse Mathe-Studentin – bis „Germany’s Next Topmodel“ 2007 ihr Leben veränderte. Hier erzählt Barbara Meier, von wem sie viel gelernt hat.

Topmodel Barbara Meier.
Topmodel Barbara Meier.Foto: pa/dpa

ANDREW WILES

Ich habe vier Semester Mathematik in Regensburg studiert, bis 2007 „Germany’s Next Topmodel“ dazwischenfunkte. Mein Lieblingsbuch während des Studiums war „Fermats letzter Satz“. Es geht darum, dass der Satz des Pythagoras, der lautet a2+b2=c2, nur gilt, wenn die Variablen im Quadrat stehen. Mit der Potenz drei, vier oder irgendeiner anderen Zahl geht die Gleichung nicht mehr auf.

Im 17. Jahrhundert hat der französische Mathematiker Pierre de Fermat in seinen Randnotizen geschrieben, er habe einen Beweis für diese These erbracht – aber er hat ihn nicht verraten. Jahrhundertelang sind Wissenschaftler daran verzweifelt, bis es 1994 Andrew Wiles geschafft hat.

Mich beeindruckt, wie er sein Leben nach dieser Aufgabe ausgerichtet hat. Sieben Jahre hat er sich zu Hause eingesperrt, ist morgens mit dem Gedanken an den Beweis aufgewacht und abends damit eingeschlafen.

Klarheit der Mathematik

Die Besessenheit kann ich nachvollziehen. Während meines Studiums habe ich auch manchmal tagelang am Schreibtisch gesessen und abends von Zahlen geträumt. Mathematik ist die reinste Form des Denkens, in dieser Welt existieren klare Gesetze, es gibt richtig und falsch, kein eventuell dazwischen.

In der Modelwelt herrscht dagegen Unsicherheit. Wer welchen Job bekommt, hängt von persönlichen Befindlichkeiten ab. Da finde ich Trost in der Mathematik als einer kleinen Insel, auf der alles gleich und egal ist, wer die Gleichung anwendet.

Nick Vujicic bei einem Auftritt.
Nick Vujicic bei einem Auftritt.Foto: dpa

NICK VUJICIC

Manchmal finde ich alles furchtbar. Obwohl ich ein tolles Leben führen und mich eigentlich nicht beschweren darf.

Vor einigen Jahren habe ich eine Zeit lang im Ausland gelebt, vor allem in New York. An einigen Tagen stand ich mit 300 Mädels in der Schlange für Modelcastings, pro Tag habe ich bis zu 15 solcher Termine absolviert, in einer Woche habe ich dann bestimmt 70 Mal gehört: Nein, du bist es nicht.

Das ging wahnsinnig an die Substanz. Ich fragte mich: Was stimmt mit mir nicht?

Über verlinkte Videos in sozialen Medien bin ich auf diesen Mann gestoßen, der weder Arme noch Beine hat, nur einen Fuß mit zwei Zehen am linken Oberschenkelansatz – und er spielt Schlagzeug, surft, golft, geht schwimmen, so als würde ihm nichts fehlen.

Immer wieder aufstehen

Nick Vujicic predigt als Motivationsredner das Glück, auf dieser Welt zu sein. Der Australier ist überhaupt nicht verbittert, sondern lebensfroh, redet vor Jugendlichen, oft in Kirchen und christlichen Einrichtungen. Er fühlt sich nicht als jemand Besonderes. Ich glaube, Nick Vujicic hätte kein Problem damit, wenn man ihm die Meinung geigt.

Er sagt seinen Zuhörern, selbst wenn du 100 Mal hinfällst, musst du trotzdem immer wieder aufstehen. Das klingt sicher nach einem Klischee, aber in Zeiten der Ablehnung wie nach den Castings hat er mir damit geholfen.

Spitzensportler aus Äthiopien: Haile Gebrselassie.
Spitzensportler aus Äthiopien: Haile Gebrselassie.Foto: dpa

HAILE GEBRSELASSIE

Ich habe den äthiopischen Langstreckenläufer 2013 in New York getroffen, das war auf der Vorstellung eines Sportschuhs. Wir waren beide Markenbotschafter an jenem Abend.

Ich hatte mir schon vorher in den Kopf gesetzt, einmal den New Yorker Marathon zu laufen, zuvor bin ich höchstens mal gejoggt, und mein Papa ist nebenher im selben Tempo spazieren gegangen.

An dem Abend wollte ich von Gebrselassie wissen, wie ich mein Vorhaben am besten angehen sollte. Er sagte, mach dir nicht zu viele Sorgen, du bist jetzt schon zu verkrampft, wenn du so nachdenkst.

Ich war irritiert. Von einem mehrfachen Olympiasieger hatte ich mir Tipps erhofft, wie ich meinen Trainingsplan aufstelle, aber nicht ein „Lauf einfach los“. Diese Leichtigkeit hat mir imponiert.

Zehn Kilometer zur Schule

Er hat mir erzählt, wie er als Kind morgens zehn Kilometer zur Schule und nachmittags zurück nach Hause gelaufen ist. Jeden Tag fast einen Halbmarathon, weil er aus seinem Leben etwas machen wollte.

Ich fand das unglaublich, welchen Ehrgeiz er als kleiner Bub hatte. Am nächsten Tag bin ich aus dem Hotel raus, losgelaufen und habe geschaut, wie der Körper reagiert, wie ich das Laufen einfach genießen kann, wenn ich nicht stur nach Zeit oder auf Entfernung laufe.

Mein Ziel war es, den New York Marathon unter vier Stunden zu schaffen – ich bin 3:59 gelaufen. Ich bin zufrieden. Für die Zukunft reicht aber ein Halbmarathon.

Vivienne Westwood hat den Punk miterfunden.
Vivienne Westwood hat den Punk miterfunden.Foto: afp

VIVIENNE WESTWOOD

Vielleicht denken die Leute jetzt, ich nehme jede, die wie ich rote Haare hat, zum Vorbild. Aber die Karriere von Vivienne Westwood finde ich stark.

Sie macht einen kleinen Laden an der Londoner King’s Road auf, nennt ihn „Sex“, verkauft darin Bondage- und Punk-Kleidung und steigt zu einer der anerkanntesten Designerinnen auf.

Westwoods Mode passt nicht zu mir, weil ich klassischere einfache Schnitte bevorzuge, ich will nicht so viele Muster oder Rüschen an meinen Kleidern.

Was ich an der Britin mag: Sie versucht, Dinge zu verstehen. Früher soll sie Kleider aufgetrennt haben, um nachzuvollziehen, wie diese geschnitten und genäht wurden. Das ist auch meine Mentalität – möglicherweise beeinflusst durch die Mathematik. Ich möchte Dinge begreifen.

Engagement für die Umwelt

Mir imponiert außerdem, dass sich Vivienne Westwood für gesellschaftliche Belange einsetzt. Sie hat einmal 1,5 Millionen Euro für den Regenwald gespendet. Das finde ich als jemand, der Umweltschutz als eine grundlegende Aufgabe begreift, toll.

Noch mehr beeindruckt mich, dass sie sagt: Kauft weniger! Passt gar nicht zu einer Modeschöpferin. Die Industrie lebt davon, dass man ständig den Inhalt seines Kleiderschranks wegschmeißt und neue Sachen hineinhängt.

Das fand ich von einer Designerin eine gute Aussage, einfach mal zu verlangen, genauer seine Sachen auszusuchen und weniger zu konsumieren.

Hat es nicht nur in New York geschafft: Frank Sinatra.
Hat es nicht nur in New York geschafft: Frank Sinatra.Foto: Getty

FRANK SINATRA

Als ich ein Teenager war, gefiel mir seine Musik noch nicht, da habe ich lieber die Spice Girls gehört. Heute schätze ich an Sinatra, wie sehr seine Lieder meine Stimmung verändern.

Ich habe eine emotionale Beziehung zu ihnen, weil sie mich jetzt an persönliche Erlebnisse erinnern. Wenn ich auf einer Party bin, und es läuft „New York, New York“, sehe ich mich, wie ich 2010 für ein paar Monate nach New York aufbreche. Mit dem Lied im Kopf.

„I’m leaving today“, diese Zeile verbinde ich mit den großen Erwartungen vor dem Abflug, mit den Monaten, als ich versucht habe, auf einem anderen Kontinent Fuß zu fassen.

Ich wohnte damals in Chelsea, wenn ich aus dem Haus zu einem Termin ging, bin ich etwas früher aufgebrochen. Ich wollte die Stadt zu Fuß erwandern, nicht mit der U-Bahn kennenlernen. Mit einem Kaffeebecher in der Hand bin ich durch die Wolkenkratzerlandschaft gegangen.

Plattenspieler geholt

Die Stadt ist schmutziger als Bayern, wo ich aufgewachsen bin, es riecht an vielen Ecken schlecht, aber die Energie ist unglaublich. Ich hatte ständig das Gefühl, dass etwas Neues passiert. Die Menschen haben das vorgelebt: Wenn ein Job nicht so gut läuft, sucht man sich einen neuen, in dem man sich neu erfindet.

Zurück in Deutschland versuche ich, mir das Lied nicht so oft anzuhören, eher wie ein Ritual. Letztes Jahr habe ich mir eine Schallplatte von Frank Sinatra gekauft und den alten verstaubten Plattenspieler meiner Eltern geholt.

Wenn die Nadel langsam auf der Rille aufsetzt, Sinatra anfängt zu singen, das ist ein ganz anderes Gefühl, Musik zu hören.

Wurde mit "Der kleine Prinz" unsterblich: Antoine de Saint-Exupéry.
Wurde mit "Der kleine Prinz" unsterblich: Antoine de Saint-Exupéry.Foto: afp

ANTOINE DE SAINT-EXUPÉRY

Sein Buch hat mich durch mein ganzes Leben begleitet. Ich habe „Der kleine Prinz“ zum ersten Mal mit zehn Jahren gelesen: als Kindergeschichte über einen Jungen, der mit einer Rose um die Welt reist.

Je älter ich werde, umso tiefgehender wird das Buch für mich. Es ist nicht mehr bloß ein Märchen, sondern ein moralischer Kompass. Vor einigen Jahren hatte ich einen heftigen Streit mit einer Freundin, unsere Freundschaft stand auf der Kippe, sie hat mir ein Zitat aus dem Buch geschickt: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“

Darüber habe ich lange nachgedacht. Dass man die Freundschaft nicht einfach hergeben darf. Und wir haben uns wieder versöhnt.

Erinnerung an eine Verschiedene

„Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne.“ Noch ein Buchzitat. Es erinnert mich an eine Freundin, die leider nicht mehr lebt.

Wenn ich nachts in den Himmel schaue, denke ich an sie, wie sie dort oben ist und auf mich herunterlächelt. Das Buch ist mittlerweile wie ein kleiner Schatz für mich, den ich in meinem Nachtkästchen aufbewahre. Ich würde es nie auf Reisen mitnehmen, weil ich nicht will, dass es schmutzig wird.

Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton.
Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton.Foto: afp

TILDA SWINTON

Ich habe rote Haare, eine helle Haut, und wenn ich mich nicht schminke, wirken meine Wimpern fast durchsichtig. Als Teenager haben selbst Freundinnen deshalb zu mir gesagt, ich sähe ein bisschen krank aus und solle doch etwas Mascara auftragen.

In der Schule kam es selten vor, dass jemand zu mir sagte, ich hätte eine natürliche Schönheit.

Und dann sehe ich eine Schauspielerin wie Tilda Swinton, die sich mit der gleichen Haarfarbe solchen gängigen Meinungen verweigert. Sie benutzt keine Wimperntusche, wenn sie auf Galas wie die Oscar-Verleihung geht, sie steht dazu, anders zu sein.

Künstlerische Natur

Gerade als Teenager fand ich das ermutigend. Ich habe sie zum ersten Mal als die weiße Hexe in „Die Chroniken von Narnia“ gesehen. Sofort wollte ich wie sie eine böse Königin spielen.

Danach habe ich mir mal genauer angesehen, wer diese Frau ist – und war überrascht, dass sie viele künstlerische Filme gemacht hat und gar nicht auf Hollywood-Blockbuster wie „Narnia“ programmiert ist.

Ich habe gelesen, dass sie sich ihre eigenen Filme nie anschaut. Sie ist offensichtlich nicht daran interessiert, sondern will sich in den Dreharbeiten verwirklichen. Ich kaufe ihr ab, dass der Ruhm sie gar nicht interessiert.

Modelt auch für Desigual: Chantelle Brown-Young.
Modelt auch für Desigual: Chantelle Brown-Young.Foto: pa/dpa

CHANTELLE BROWN-YOUNG

Sie ist ein dunkelhäutiges Model, das aufgrund einer Pigmentstörung weiße Flecken um den Mund herum und an den Armen hat. Als Kind wurde sie „Kuh“ und „Zebra“ gerufen.

Dieses Mädchen will ausgerechnet einen Job in einer Branche, die nur auf das Aussehen fixiert ist – obwohl sie nach deren Maßstäben nicht perfekt ausschaut.

Sie könnte alles andere machen, um nicht noch mehr aufzufallen. Und sie wählt sich den einen Job, von dem jeder glaubt, den könnte sie nie ausüben. Finde ich bewunderungswert.

Heuchlerische Modewelt

Ich bin mit 1,74 Meter als Model zu klein, habe weibliche Rundungen, ich bin nicht der androgyne Strich, der in der Modeindustrie oft nachgefragt wird. Aber diesen Mut, mit einem völlig anderen Aussehen in die Branche zu gehen, den hätte ich nicht.

Chantelle Brown hat sich durchgesetzt. Bevor sie erfolgreich und für Kampagnen gebucht wurde, haben viele in der Modebranche gesagt: Oh, mein Gott, wie sieht die denn aus?

Nachdem sie aber überall auf Anzeigen zu sehen ist, heißt es plötzlich: Die ist super! Da ist man in der Mode leider nicht ganz ehrlich und oft heuchlerisch.

Von Barbara Meier ist gerade das Diätbuch "Dein Weg zum Glücksgewicht" erschienen.

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