Ach, so ist dieses Obst also gemeint

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Toskana mit Kindern : Urlaub è impossibile
Wanderungen im Wald bietet das "Pinoland" im Kinderhotel in Südtirol an.
Wanderungen im Wald bietet das "Pinoland" im Kinderhotel in Südtirol an.Foto: dolomit-familyresort.it

Wir beschließen, uns fortan der Einfachheit halber nur noch von Eis und Mortadella zu ernähren. Nach Siena locken wir die Kinder mit der Aussicht auf einen Besuch in einer Eisdiele von Alessandro Nannini, dem Formel-1-Piloten und Bruder der Sängerin Gianna Nannini, dessen Unterarm nach einem Hubschrauber-Absturz wieder angenäht wurde, bevor er ins Geschäft seiner Ahnen einstieg. Gute Geschichte!

Die Kinder sitzen auf dem Campo und schlecken ihre due gusti – die Sorte Limone, man ist sich einig, erreicht beinahe die Qualität des einheimischen Favoriten von Cuore di Vetro in Berlin-Mitte. Was uns in den 80er Jahren an Italien so überwältigte – das Aroma reifer Rispentomaten, der fluffig-knusprige Pizzateig, die Fenchelsalami – ist für die Kinder fast schon der normale Geschmack der Dinge, die wir aus dem italienischen Feinkostladen an der Greifswalder Straße heimschleppen. Nur die Nektarinen und Pflaumen vom Markt bringen den Effekt: Ach, so ist dieses Obst also gemeint, so saftig und süß soll es eigentlich sein? Krass!

Siena, das stellen wir schnell fest, eignet sich besser für einen Kinderausflug als Florenz. Besonders strahlend ist die Stadt zwischen den beiden Pferderennen des „Il Palio“ im August. Durch die konkurrierenden Viertel, die Contrade, ziehen Spielmannszüge in bunten Uniformen; die Ortsteile sind unter anderem nach Tieren benannt, deren Wappen man suchen kann: Eule, Drachen, Stachelschwein, Muschel. Die Kinder traben über den Campo, wir überreden den skeptischen Barrista, am Nachmittag einen dritten und vierten Cappuccino zu machen.

Ein schwereloses Urlaubsgefühl ergreift von uns Besitz, für ein paar Minuten sind wir Touristen statt mobile Versorgungseinheit. Unsere Kinder sind nur kurzzeitig für die süße Kunst des Müßiggangs gemacht. Und diese seltenen Zeitfenster öffnen sich bloß spontan. Auf dem Straßenfest in Tavernelle Val di Pesa. Beim Katzenstreicheln in Colle Val d’Elsa. Beim Metzger in Gaiole, der ihnen Fotos seiner Lieblingsschweine zeigt.

Das „Pinoland“ im Resort ist besser ausgestattet als Berliner Kitas

Die Flüchtigkeit des dolce far niente begreifen wir auf der Rückreise im „Kinderhotel“, wo alles darauf ausgerichtet ist, Familien 24 Stunden am Tag glücklich zu machen. Und da ist es auch schon, das Buffet! Tadaaa! Jemand anderes hat dafür eingekauft, die Paprika sind bereits gehäutet und in kalt gepresstem Olivenöl eingelegt.

Das Kinderparadies („Pinoland“) im Resort ist um Klassen besser ausgestattet als eine durchschnittliche Berliner Kita. Es gibt einen jungen Mann, der dafür abgestellt wurde, ein Spielzeugauto vor einem Baby hin- und herzufahren. Eine Kletterwand. Einen Matschspielplatz. Fahrzeuge für jedes Alter. Der Sechsjährige bricht mit einer Unbekannten zur Kräuterwanderung in den Wald auf und kehrt Stunden später in heiterer Stimmung mit einem angeblich selbstgeflochtenen Körbchen voller Grünzeug zurück.

Wer es darauf anlegt, kann seine Kinder hier von zehn bis zur Kinderdisko mit Bühnenshow um 21 Uhr betreuen lassen. Selbst das Abendessen der Kleinen findet woanders statt, wenn man möchte. (Der Dreijährige beim Betrachten der an Mozzarellasticks knabbernden Kindergruppe: „Och, hier sitzen die Kinder, die nicht abgeholt wurden!“) Und es gibt ein hervorragendes Spa, in dem die Fenster nur auf ausdrücklichen Wunsch geöffnet werden, „damit die Geräuschkulisse vom Spielplatz nicht stört“. Miteinander auskommen muss hier niemand, der nicht will. Ein Himmel für Eltern, deren Kinder einfach betreubar sind. Ansonsten fühlt man sich etwas schlecht dabei, ständig sanften Druck in Richtung Pinoland auszuüben: „Schau mal, das Feuerwehrauto! Und die nette Frau würde gerne mit dir basteln!“ Unsere Kinder möchten zwar im Pinoland spielen, aber nur mit uns. Was nicht geht, denn Eltern werden hier verständlicherweise nur kurz geduldet.

So viele Angebote, so wenig Zeit

Wir stehen unter Erlebnisdruck. So viele Angebote, so wenig Zeit. Im Kinder-Resort überträgt man die Gestaltungshoheit seiner Ferien an Experten. Genau das Gegenteil vom Fewo-Druck. Während wir dort beim Nichtstun nur wenig verpassten, ziehen hier Tubing-Nachmittage und Holzworkshops ungenutzt an uns vorbei. Wie herausfordernd diese nagelneuen Leih-E-Bikes in der Tiefgarage glänzen! Das muss man aushalten, dann ist es super, die anderen Gäste bei ihrem Aktionismus zu beobachten.

Wir brechen auf, nachts um vier tragen wir die schlafenden Kinder und ihre Kuschelpinobären ins Auto, mittlerweile haben wir eine ausgefeilte Technik. Ein letzter Cappuccino im Autogrill kurz vor dem Brenner. Zwölf Stunden später fühlen wir uns ein bisschen so wie beim Palio: Das Pferd ist schon im Ziel, aber die abgeworfenen Reiter liegen irgendwo im Sand.