Tourismus in Oberhof : Eine Schanze für den Winter

Marlene Dietrich machte hier Urlaub, die DDR baute Oberhof zum „sozialistischen Garmisch“ aus. Jetzt soll ein neues Hotel den alten Glanz zurückbringen.

Ostmoderne. 1969 entstand das „Panorama“-Hotel. Es ist einer Skischanze nachempfunden.
Ostmoderne. 1969 entstand das „Panorama“-Hotel. Es ist einer Skischanze nachempfunden.Foto: imago/Karina Hessland

Der ICE verlässt gerade den Bahnhof Lutherstadt Wittenberg, als Erhardt Simon anruft. Simon, 80, Architekt, hat vor mehr als 50 Jahren das neue Oberhof mit entworfen – auf Wunsch des damaligen Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht. „Ich versteh’ gar nicht, was Sie in Oberhof wollen“, sagt er, als man ihn um ein Treffen bittet. „So attraktiv ist der Ort doch gar nicht mehr!“

Ein Jahrhundert lang galt Oberhof als Nobel-Reiseziel. Das begann 1888, Kaiser Wilhelm hatte seine Kinder ins dortige Jagdschloss in die Ferien geschickt, Hofberichterstatter reisten hinterher und lancierten mit ihren Artikeln eine frühe PR-Kampagne für den Ort in Thüringen. Zunächst erholten sich Europas Adelige in den Hotels, die um das Schloss herum gebaut worden waren, später auch Filmstars wie Marlene Dietrich.

In den 50ern kam die DDR-Politprominenz. „Ulbricht wollte, dass wir ein sozialistisches Garmisch-Partenkirchen aus Oberhof machen“, sagt Erhardt Simon. Die Prachtbauten aus der Kaiserzeit wurden abgerissen, stattdessen das 15 Stockwerke hohe „Rennsteig“-Hotel ins Zentrum gesetzt. Angeblich wollte Ulbricht mit dem Hochhaus die dahinter liegende Spitze des Kirchturms verdecken. Für sich und den Ministerrat ließ er von Erhardt Simon im Wald ein streng bewachtes Gästeheim mit 28 Betten bauen. „War schon ein kleines, vornehmes Häuschen“, sagt Simon am Telefon.

Ein schillerndes Reiseziel, auf das man mit Tempo 250 zurast. Heute ist es vor allem bekannt durch den Biathlon-Weltcup, der kommende Woche dort stattfindet. Die neue ICE-Trasse nach München hat den Bergort eine halbe Stunde näher an Berlin herangerückt. Ein Mal Umsteigen in Erfurt, und schon ist man mitten im Thüringer Wald. Doch dann fährt der Zug am Bahnhof Oberhof vorbei! Vor zwei Jahren hat die Deutsche Bahn den Ort vom Netz abgehängt. Auf der letzten Etappe sitzt man im Linienbus, der in großen Schleifen die Flanke des Sternbergs hinauffährt.

Oben weht den Neuankömmlingen ein steifer Wind Schneeflocken ins Gesicht, was gleich gute Laune macht: echtes Winterwetter. Oberhof, das sich Stadt nennen darf, obwohl es nur 1600 Einwohner hat, liegt auf dem Kamm des Thüringer Walds, 815 Meter über dem Meer. Nur ist vom alten Glanz des Ortes wenig zu sehen, was nicht am dichten Nebel liegt. Auch nach dem letzten Systemwechsel 1989 fuhren wieder die Abrissbagger vor. 2002 wurde das riesige „Rennsteig“-Hotel geschleift. Das Ortszentrum, gleich gegenüber von Busbahnhof, präsentiert sich heute als Schneewüste.

Eine Rückkehr war unter Strafe verboten. Sie taten es trotzdem

Das alte Oberhof beginnt am nördlichen Ende des verwaisten Stadtplatzes. Von dort geht die Geschäftsstraße des Ortes ab, die von hübschen, mit Schindeln verkleideten Thüringer Häusern gesäumt ist, die von den jeweiligen Machthabern mit ihrem so gegensätzlichen Architekturgeschmack offenbar geduldet wurden.

Nach 100 Metern leuchtet in orange die Pension „Quisisana“ aus dem Dunst hervor. Angelika Reinhardt, 74, ist die Seniorchefin. „Ich bin Oberhoferin in der siebten Generation, davon gibt es nicht viele“, sagt sie lachend und bittet in ihre Gaststube, die sie mit historischen Fotos dekoriert hat.

Die junge Frau auf einem Kutschbock sei ihre Großtante, erklärt sie, auf eines der Motive deutend. Sie habe Gäste des „Schlosshotels“, der damals teuersten Herberge, mit dem Pferdeschlitten durch den Wald kutschiert. Von 1927 an betrieb die Familie dann die Pension „Quisisana“ – bis 1950, als 48 alt eingesessene Hoteliersfamilien vertrieben wurden. Die Reinhardts gehörten dazu.

„Ich war fünf“, fängt Angelika Reinhardt zu erzählen an, „als sie uns mit zwei Lastwagen fort brachten.“ Den Hoteliers wurden „Wirtschaftsverbrechen“ vorgeworfen. In ihrem Fall hieß das: Die Großmutter hatte vier Kilo Fleisch von einem schwarz geschlachteten Schwein gekauft. In Wahrheit brauchten die neuen Machthaber Unterkünfte für Wintersportwettkämpfe, die sie in Oberhof planten.

Obwohl eine Rückkehr unter Strafe verboten war, schlugen sich Reinhardts Tante und Onkel vom 100 Kilometer entfernten Rastenberg heimlich nach Oberhof durch. Sie wohnten in einem kleinen Holzfällerhaus. Dort nahmen sie ihre jüngste Nichte Angelika bei sich auf. Die erinnert sich noch an das karge Selbstversorgerleben, das sie damals führten. Der Onkel durfte nicht arbeiten.

Walter Ulbricht (Mitte) für hier gern Ski.
Walter Ulbricht (Mitte) für hier gern Ski.Foto: dpa

Angelika Reinhardt fand später eine Stelle im „Panorama“-Hotel, das zu den luxuriösesten der DDR zählte. In den 70ern kamen DDR-Fernsehstars zu Silvester, erzählt sie. Es wurden Froschschenkel und Austern serviert. Reinhardts Arbeitsplatz war der Pool, sie war die Schwimmmeisterin, was ihr sehr gefiel. Doch das bittere Gefühl blieb, sagt sie, wenn sie, im kleinen Oberhof unvermeidlich, am „Quisisana“ vorbeikam, das als FDGB-Ferienheim mehr und mehr herunterkam.

Das „Panorama“-Hotel hat bis heute überlebt. 200 Meter vom „Quisisana“ weiter den Berg hinauf, und man sieht seine zwei Türme mit ihren charakteristischen Dächern, die an Skischanzen erinnern, emporragen. Heute steht das Haus unter Denkmalschutz, ein Monument der Ostmoderne, in dem man übernachten kann.

Drinnen kein DDR-Chic, sondern brauner Teppichboden mit rankenden Zweigen – Markenzeichen der „Ahorn“- Gruppe, der das „Panorama“ seit einem Jahr gehört. Hotelchefin Jacqueline Schambach, die aus Oberhof stammt, hat das Haus zum Familienhotel mit Indoor-Spielplatz und Kino ausgebaut. Hinweise auf seine Geschichte – wie den Spionage-Krimi um den Überläufer Werner Stiller, der hier begann, als Stiller mit einer Kellnerin anbandelte, die ihm bei der Kontaktaufnahme mit dem BND half – gehören nicht zum Konzept. „Wir haben auch kaum mehr Originales vorgefunden“, sagt Schambach entschuldigend.

Doch wer nach Oberhof fährt, kommt nicht wegen der Innenarchitektur, sondern wegen der Natur, und die ist intakt geblieben, was nicht selbstverständlich ist. Im nördlich gelegenen Harz sind nach Dürresommern und Borkenkäferplage viele Bergrücken kahl. Der Thüringer Wald ist dunkel und dicht wie eh und je. Rund um Oberhof ist er von 180 Kilometer Loipen durchzogen. Liegt kein Schnee, kann man auf die größte Langlaufhalle Mitteleuropas ausweichen mit ihrem 1,7-Kilometer-Rundkurs. Für Schlittenfahrer gibt es eine zwei Kilometer lange Naturrodelbahn talabwärts. Hinzu kommt ein mittelschwerer Alpin-Skihang von 800 Metern Länge.

Spektakulärer als die Piste ist die Sesselliftfahrt über die Bobbahn hinweg, auf der oft trainiert wird. Oberhof ist Leistungssportzentrum. Das macht sein Flair aus. Mitten im Ort segeln Skispringer von der „Jugendschanze am Wadeberg“ ins Tal. Und, mit ein bisschen Glück, sitzt abends in der örtlichen Therme die Biathlon-Prominenz neben einem im Whirlpool.

Das alte Jagdschloss steht dem Neubau im Weg

Am darauffolgenden Morgen ist man im Foyer des „Panorama“ mit dem Architekten Simon verabredet zu einem Schneespaziergang, der in keinem Reiseführer steht: zu Ulbrichts Gästeheim, das verfallen im Wald steht. Doch Simon, der unten in Suhl wohnt, sagt wegen rutschiger Straßen ab. Oberhofs Bürgermeister Thomas Schulz übernimmt.

Der steuert seinen Kleinbus den Berg zum Grenzadler hinauf, wo der Biathlon-Weltcup ausgetragen wird. Es geht am alten Jagdschloss vorbei, dessen Fenster vernagelt sind. „Die DDR hat alles Herrschaftliche herausgerissen“, sagt Schulz. Oben im Wald parkt er vor drei Pollern. Das Gästeheim ist nur zu Fuß erreichbar. „Früher war der Weg beheizt“, sagt er.

Nach einer Biegung schaut das Skelett eines Hauses zwischen Fichten hervor. „Die Bronze-Tür war mit als erstes weg“, sagt Schulz. Darauf waren Jagdszenen, gestaltet vom Künstler Walter Dörsch. Das Gerippe, das drinnen von der Decke hängt, ist der Rest vom einst mit Glasprismen aus Lauscha behangenen Kronleuchter. Nur an den hohen Decken und riesigen Fensteröffnungen erkennt man noch, wie luxuriös es hier mal zuging. Nach der Wende scheiterte ein Investor mit dem Versuch, ein Hotel daraus zu machen. Slogan: „Schlafen in Ulbrichts Bett“.

Anfang der 90er war Schulz zum ersten Mal hier. Er hatte einen Elektro-Betrieb und den Auftrag, das Gebäude „stromfrei“ zu machen. Das bedeutete, dass das Haus aufgegeben wurde. Schulz stimmt das nicht wehmütig. „Vorbei ist vorbei! Ich würd’ das Gelände nur gern entwickeln!“

Auch der Architekt Erhardt Simon gibt sich, was den hoffnungslosen Zustand seines prominentesten Werks angeht, unsentimental. „Ich habe nie eine Träne vergossen“, sagt er, als man ihn mittags in Suhl besucht. „Richtig geärgert“ habe er sich allerdings damals über den Umgang mit Oberhofs altem Stadtzentrum. Seine Kollegen und er hätten es extra verschont. Doch dann übernahm DDR-Stararchitekt Hermann Henselmann aus Berlin und ließ „die Gebäude, die ortsprägend waren, einfach wegreißen – das tat schon weh“.

Nun, ein halbes Jahrhundert später, wird die Lücke wieder geschlossen. Wo früher das „Schlosshotel“ stand, baut der Österreicher Ernst Mayer für 50 Millionen das „The Grand Green Familux Resort“. Oberhof, das bislang unter dem Klimawandel gelitten hat, weil es weniger schneesicher ist, beginnt, davon zu profitieren: Nähere Reiseziele sind gefragt. Doch das alte Jagdschloss steht dem Neubau im Weg. Es wird abgerissen.