Gälisch überlebt auch mithilfe der EU

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Übersetzer bei der Europäischen Union : Im Sprachzentrum
Allein im vergangenen Jahr haben die EU-Sprachexperten mehr als zwei Millionen Seiten übersetzt.
Allein im vergangenen Jahr haben die EU-Sprachexperten mehr als zwei Millionen Seiten übersetzt.Foto: imago/Ikon Images

Levke King-Elsner zitiert das Motto der EU: „In Vielfalt geeint“. Das meine ausdrücklich auch die Sprachen. Europa lebe von der Eleganz des Französischen, der Sprudeligkeit des Italienischen und der Präzision des Deutschen. Wilhelm von Humboldt nannte Sprache einen Ausdruck der Verschiedenheit des Denkens.

Im Nachbarturm G6, nachmittags. Diarmuid Johnson trägt ein kariertes Hemd und Sandalen ohne Socken. Er ist eine Rarität in den Übersetzertürmen Brüssels, nicht nur seiner nackten Füße wegen. Johnson übersetzt ins Gälische.

Irland trat der EU 1973 bei. Zunächst übersetzten die Iren ins Englische. Als im Jahr 2004 Malta beitrat und Maltesisch einführte – obwohl alle Malteser Englisch sprechen –, erinnerten sich die Iren auch an ihre zweite Amtssprache. Bis 2022 soll Gälisch gleichberechtigte Amtssprache werden, obwohl nur jeder 48. Ire Muttersprachler ist und nicht mal alle irischen Parlamentarier die Sprache verstehen. Die Kommission sucht derzeit händeringend Kollegen für Diarmuid Johnson.

Der hat in seinem Büro Karten der Länder aufgehängt, deren Sprachen er spricht: Walisisch, Gälisch, Englisch, Französisch, Deutsch, Polnisch, Rumänisch. Er verdingte sich viele Jahre als Dozent für keltische Sprachen, bis er las, die EU suche Gälisch-Übersetzer. Im März ging er nach Brüssel, jetzt verdient er 60 000 Euro Einstiegsgehalt. Bösmeinende bezeichnen Johnson als Steuerverschwendung.

„Gälisch ist ein Sonderfall“, sagt der. Weil die Sprache keine Lehnwörter kennt, müssen er und seine Kollegen ständig neue Wörter erfinden. Gerade sucht er eine Übersetzung für das Modewort „Mobilisierung“. Zuletzt erfand er das Adjektiv „terroristisch“ neu: „sceimhlitheoireachta“. Pro Jahr wächst das Gälische dadurch um 100 Begriffe. „Ohne die EU hätte es wenig Chancen“, sagt Johnson.

Jeder kriegt seine Sprache, keiner will verzichten

In Brüssel beginnt die Sprache zu leben. Bis zu 100 Übersetzer sollen bald hier arbeiten. Ein bisschen was von ihrem Verdienst, so hofft Johnson, werden sie in die gälische Kultur investieren. In Irland habe er eine neue Lust aufs Gälische entdeckt, sagt er, Eltern brächten ihre Kinder wieder zum Unterricht. Er selbst hat gerade einen Nibelungenroman auf Gälisch geschrieben, sein Ziel: 2019 will er in Brüssel 1000 Exemplare verkaufen. „Vielleicht rettet die EU unsere Sprache.“

Der Streit über das Gälische symbolisiert einen größeren Konflikt der EU mit ihren Bürgern. Um kein Land zu diskriminieren, behandelt die EU alle gleich. Jeder kriegt seine Sprache, keiner will verzichten. Nach dem Wunsch der Iren 2004 meldeten sich die Spanier und wollten Katalanisch, Baskisch und Galicisch einführen. Auch deutsche Parlamentarier schimpfen gern in Richtung Brüssel. Aber nicht, weil sie Bürokratie in Brüssel abbauen wollen. Sie wollen noch mehr Dokumente übersetzt haben. Mit dem Ruf, ein aufgeblähter Apparat zu sein, müssen sie dann in Brüssel kämpfen. Und Vorschläge, wie es besser ginge, hören sie auch nur selten.

Einer lautet: Englisch zur Einheitssprache machen. Von allen verstanden, von allen gesprochen, die Lingua franca der Globalisierung. Hochdeutsch formte einst das deutsche Kaiserreich. Latein ermöglichte die römische Expansion. Könnte die Einheitssprache Englisch die EU näher zusammenrücken lassen?

„Am Ende trägt der Bürger die EU“

Diarmuid Johnson, der Gälisch-Übersetzer, zweifelt. Schon heute sei das Englisch, das die Brüsseler Politiker sprechen, kaum auszuhalten. Wenn Deutsche, Spanier, Finnen in Englisch formulieren müssten, hantiere die EU bald mit einer „nicht existenten Sprache“, sagt Johnson. Ein englischer Kollege hat einmal eine Liste veröffentlicht mit all den Wörtern, die Brüsseler Beamte im Englischen falsch verwendeten. Zum Beispiel das Wort „Badge“, das mancher für den Ausweis benutzt, der an Eingängen vorgezeigt werden muss. Dabei heißt der „visitor pass“. Schlimmer findet der Engländer nur, wie manch Beamter den Apparat nennt, der einen „badge“ scannt: „badger“, was eigentlich Dachs heißt. Dabei ist davon auszugehen, dass EU-Beamte ein besseres Englisch sprechen als der durchschnittliche Europäer.

„Am Ende trägt der Bürger die EU“, sagt Martina Fornoff aus dem Planning. „Das wird er nicht tun, wenn er noch weniger versteht als bisher.“

Damit der Bürger möglichst viel versteht, hat die EU-Kommission 2008 das Konzept der Adoptivsprache erfunden. Jeder Europäer soll neben seiner Muttersprache und Englisch eine weitere EU-Fremdsprache beherrschen, je nach persönlichem Geschmack. Ein Vorbild könnte Ioannis Ikonomou sein. Der Übersetzer aus der griechischen Sprachabteilung der Kommission spricht 21 der 24 Amtssprachen fließend. Litauisch konnte er mal, hat es aber wieder vergessen. Fehlen Maltesisch und Gälisch. Dafür, so sagt er, habe er noch keine Zeit gehabt.

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