Unerbetene Amateur-Konzerte : Corona macht euch nicht zu Künstlern!

Spontane Darbietungen auf dem Balkon sind die neuen "Zu verschenken"-Zettel auf alten Matratzen am Straßenrand. Ein Wutausbruch.

Es ist sicher gut gemeint. Unser Autor würde auf spontane Konzerte seiner Nachbarn trotzdem lieber verzichten.
Es ist sicher gut gemeint. Unser Autor würde auf spontane Konzerte seiner Nachbarn trotzdem lieber verzichten.Foto: dpa

Am Anfang war es gerade noch erträglich. Ein Nachbar schob sein Keyboard ans geöffnete Fenster und spielte wie im Netz verabredet um 19 Uhr „Ode an die Freude“. Mehr schlecht als recht.

Natürlich standen trotzdem alle auf den Balkonen. Natürlich haben am Ende alle geklatscht. Aber Leute: doch für die Geste, nicht für die Musik!

Er spielte dennoch weiter, bis ihm keine Lieder mehr einfielen. Seit Positivbeispiele wie der Pianist Igor Levit mit ihren gestreamten Privatkonzerten zu Recht Riesenerfolge feiern, meint jeder Hobby- Musiker die Nachbarschaft mit spontanen Auftritten beglücken zu müssen.

Die Pandemie hat das Mädchen Ausdauer gelehrt, nicht aber Spielen

Dabei greift das Coronavirus nachgewiesenermaßen die Lunge an, nicht das Trommelfell.

Da steht zum Beispiel anderntags ein Mädchen mit dem schlimmsten aller Instrumente auf dem Balkon, der Blockflöte. Die Mutter ist stolz. Doch die Pandemie hat das Mädchen nur Ausdauer, nicht jedoch Spielen gelehrt.

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Oder der Mann, der die autoleere Straße mit dem zweitschlimmsten aller Instrumente rauf- und runterläuft, dem Akkordeon.

Einzelfälle? Mitnichten. Überall lese ich begeisterte Berichte von Menschen, mittlerweile sogar von Richtern, die sich freuen, wie viel Kreativität Corona doch jetzt freisetze. Aber wo vorher kein Talent war, schafft auch das Virus keines.

Die ungefragten Spontankonzerte von Amateuren sind wie die „Zu verschenken“-Zettel auf weggeworfenen Matratzen am Straßenrand. Eine Frechheit.