Unterwegs auf dem Balkan : Tipps für Reisen mit dem Wohnmobil

Corega-Tabs in den Ausguss und nicht die Nerven verlieren. Das Resümee einer Balkantour im Wohnmobil.

Vor uns karibisch blaues Wasser, hinter uns Mandarinenplantagen und nirgends ein Mensch: Nebensaison.
Vor uns karibisch blaues Wasser, hinter uns Mandarinenplantagen und nirgends ein Mensch: Nebensaison.Foto: Julia Prosinger

Ein Heim auf Rädern; bleiben, wo es schön ist; einen alten Bully wieder fit machen  - solche Träume hatten wir nie. Solche Träume haben Eltern oder neuerdings Instagramer. Dann hörten wir, dass man Wohnmobile jetzt auch von privaten Besitzern mieten kann, wie ein Airbnb-Zimmer. Man muss sich also nicht auf Campingmessen über die beste Chemietoilette informieren und auf keine eigene sparen. Man nimmt ein Auto, was sonst nur rumstünde.  Eine Versicherung schließt man über die Vermittler-App ab. Vielleicht mal für ein Wochenende? Schließlich lernten wir Obelix kennen, einen Ford Turneo, der einer Familie in Berlin-Grünau gehört. Wir mochten Obelix gleich.

Er trug uns von Berlin über Tschechien in die Slowakei, fuhr uns durch Ungarn, Slowenien und die ganze kroatische Küste entlang, rollte bereitwillig auf Fähren und traute sich dann nach Bosnien. Hätte er mal lassen sollen, aber dazu später mehr. 

Was wir auf 3426 Kilometern von Obelix lernten: 

1.) Die erste Nacht gleich an der Autobahn verbringen, das härtet ab. Der Alkoven schwankt von den vorbeirauschenden Lkws. Es hilft, sich einzubilden, dass da eine Brandung tost. Gut, wenn man bei einem McDonald’s geparkt hat. Da gibt’s morgens Toiletten, Frühstück und Wifi und es ist immer beruhigend viel los. Die meisten osteuropäischen Länder verbieten solches Wildstehen. Je nach Laune der Polizei kann man vertrieben werden oder muss eine kleine Strafe zahlen. In Deutschland gilt: Zur Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit darf man pausieren. Nur lieber keine Stühle rausstellen und Sesshaftigkeit vortäuschen. Die besten Campingplätze fanden wir unter camping.info. Oft waren die kostenlosen Stellplätze jedoch die schönsten. Im Reiseführer „Mit dem Wohnmobil nach Kroatien“ haben die Autoren die GPS-Koordinaten für tolle Badestellen und Orte verzeichnet, wo sie Obelixe dulden. Das wunderbarste Nachtquartier entdeckten wir auf campercontact.com: „Parking Danubio“ in Bratislava. Am Donauufer schliefen schon etliche Verwandte von Obelix, als wir ankamen. In die Innenstadt waren es nur ein paar Meter über eine Brücke und morgens tranken wir unseren Kaffee mit Blick auf die Burg.

Kaffee zum Mitnehmen, bis an den Strand von Starigrad.
Kaffee zum Mitnehmen, bis an den Strand von Starigrad.Foto: Julia Prosinger

2.) Nachdem beim Anfahren einmal die Leiter quer durch den Obelix geflogen war, weil wir vergessen hatten, sie im Alkoven zu befestigen, begannen wir, uns abzufragen: Hast du das Gas abgestellt? Hast du Geschirrhandtücher in die Schublade gelegt, damit Besteck und Gläser nicht klirren? Hast du einen Corega-Tab in den Abwassertank geschmissen, dann müffelt es beim Losfahren weniger faulig…? Dankbar waren wir auch, dass Obelix’ Besitzer in der Fahrerkabine Höhe, Breite und Gewicht notiert hatte: Sonst steht man plötzlich mitten auf einer Brücke und fragt sich, ob sie gleich einstürzt. Wahnsinnig entspannend hinterher zu erfahren, dass man doch nicht so schwer war.

3.) Familien, die neben ihrer Bettdecke auch noch die Fahrräder durch halb Europa schaukeln, haben wir früher besonders bemitleidet. Dabei haben wir uns lange nicht so frei gefühlt, wie als wir von Kneipe zu Kneipe durch Bratislavas Gassen radelten (übrigens unbedingt im Flag Ship Restaurant - einem ehemaligen Kino - zu Abend essen) als seien wir Studenten. Selten so beschwingt auf Sprachen kommuniziert, die wir nicht sprechen, wie auf der Suche nach einem Fahrradladen. Und stets freiwillig Frühstücksbrötchen besorgt, weil der Weg am Strand sich morgens so schön entlangfährt. Das Anklicken auf dem Gepäckträger geht leichter als man denkt, auf der Autobahn war von den Rädern nichts zu spüren und natürlich waren sie auf Obelix’ Rücken weitaus sicherer als wochenlang allein in unserem Berliner Hinterhof. Ach, und es wäre so viel schlauer gewesen außerhalb von Brünn zu parken und reinzuradeln (gilt für alle sehenswerten Altstädte). Wir hätten uns den Stau gespart und vor Mies van der Rohes Villa Tugendhat wohl weniger Baumkronen mit unserem Alkoven abrasiert.

 

4.) Apropos Tschechien: Hier sollte man sich kräftig mit Brot und Teilchen eindecken (zum Beispiel in einer von 1001 Bäckereien in Leitmeritz), denn bald wird’s kulinarisch duster. Ziemlich schnell hatten wir genug von Cevapcici und Ajvar und waren froh, dass wir auf kleinen Märkten am Stadtrand oder unter Autobahnbrücken Pampelmusen und Paprika für Eigenkreationen in Obelix’ kleiner Küchenzeile kaufen konnten. Die schönste Rast mit allen Resten machten wir mal auf einem trostlosen Supermarktparkplatz in Ungarn und fühlten uns wie beim Tailgating im Football, wo vor dem Spiel alle ihr Barbecue auf den Pick-ups aufbauen. Hinterher dringend ein Nickerchen im Obelix, wozu rollt man seine Bettdecke sonst durch Europa? Apropos Ungarn: Hier sind wir skeptisch ausgestiegen, nirgends sonst waren die Grenzkontrollen derart unangenehm. Nur die Ungarn checkten Toilette und Schränke auf geschmuggelte Flüchtlinge. Nur die Ungarn hatten allerdings auch sensationelle Weinbeschreibungen, beispielsweise auf einem Campingplatz bei Harkány, wo uns das Getränk als „petroleumartig und süße Wollust bringend“ angepriesen wurde. Überzeugt waren wir als es hieß: „Der Fassgebrauch passt genau“.

5.)  Wenn es irgendwie geht: in der Nebensaison reisen. Dann haben alle das Geschäft ihres Sommers bereits gemacht, spendieren auch mal einen Pelinkovac, bitterer Kräuterlikör, und man kann spät nachts auf die leere Campsite rollen und erst am nächsten Morgen bezahlen. Mitte Oktober ist selbst Split erträglich leer, man bekommt spontan Platz im extrem leckeren Fusion-Food Laden Corto Maltese, nachts auf einem Kissen vor dem Diokletianspalast, wo sie Live-Musik spielen oder auf der Fähre nach Hvar. Dort kamen wir dem Paradies ganz nah. Vor uns eine karibisch blaue Bucht, hinter uns Olivenhaine , duftender Rosmarin und Mandarinenplantagen, an denen wir uns auf Bitten der Besitzerin reichlich bedienten. Außer uns waren noch drei andere Glückliche im Camp Grebišće gelandet. Morgens wachten wir auf, weil ein Fisch in der Bucht einen anderen jagte, so leise war es, nachts radelten wir durchs kleine Jelsa, wo die Rentner vor den Eisdielen tratschten.

Schon keine Touristen mehr, aber noch Badewetter. Die Insel Hvar im Oktober.
Schon keine Touristen mehr, aber noch Badewetter. Die Insel Hvar im Oktober.Foto: Julia Prosinger

6.) Bosnien – vielleicht künftig besser mit dem Flugzeug ansteuern. Im Tunnel hinter Mostar kam ein schwarzer Mercedes von seiner Spur ab und krachte voll in unseren Obelix. Zitternd rollten wir auf den nächsten Parkplatz, wo die Polizei versuchte, die Schuldfrage an den Höchstbietenden zu versteigern. Jetzt konnten nur noch die Deutsche Botschaft (die Nummer sollte man für jedes Land dabei haben) und ein paar Kontakte helfen. Während wir nachts auf einem dunklen Parkplatz neben streunenden Hunden auf unseren Pannendienst warteten, ahnten wir schon, dass uns diese Reise noch eine Weile beschäftigen würde - und Obelix auch.

Auf der Fähre nach Hvar war genug Platz und am Ziel erwartete uns das Paradies.
Auf der Fähre nach Hvar war genug Platz und am Ziel erwartete uns das Paradies.Foto: Julia Prosinger

 Reisetipps für den Balkan:

Paul Camper oder Share a Camper vermieten Wohnmobile von privaten Besitzern weiter. Zwischen 70 und 120 Euro pro Nacht bekommt man ein passables Modell, Versicherung inklusive.

Beste Campingplätze der Reise:

Zagreb: Modernste Anlage und Pizza mit Nutella zum Frühstück: www.camping.hr/de/campingplatze/zagreb

Starigrad: Freundliches Personal und super Schaschlik zum Abendessen: Camp Navis

Split: Riesig und toll für Kinder - am besten mit dem Taxi nach Split reinfahren, Camping Stobrec

Hvar: Campingplatz Grebišće, ein wenig teurer als die restlichen aber jede Kuna wert.

Orebic, Nevio Camping: Wunderschön am Meer gelegen und die Besitzerin leiht einem sogar mal schnell ihr Auto für Einkäufe.

Ungarn: Termal Kemping Harkány hat auch im Winter geöffnet, aufwärmen kann man sich in der Therme. Im Hotel nebenan sehr gutes Buffet und noch bessere Weinbeschreibungen.