„An der Idee haben viele Menschen ordentlich Geld verdient“

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Unterwegs durch Litauen : Freie Radikale: Wie Künstler in Vilnius einen ganzen Stadtteil eroberten
Ein Schild weist Besucher auf die Grenze zum „Staatsgebiet“ hin.
Ein Schild weist Besucher auf die Grenze zum „Staatsgebiet“ hin.Foto: Lithunian State Department of Tourism

Tomas Chepaitis sagt, die Verfassung lese sich auch nach 20 Jahren erstaunlich zeitgemäß. Er sehe aktuell keinen Verbesserungsbedarf. Dann bestellt er sich noch ein Bier.

Neben den 50 Kirchen, dem alten Palast und der Altstadt, die Weltkulturerbe ist, gilt die Freie Republik Uzupis mittlerweile als größte Sehenswürdigkeit von Vilnius. Touristen werden grüppchenweise durch die Straßen geführt, vorbei an lebensgroßen hölzernen Einhorn-Zebras und Klanginstallationen. Boutiquen verkaufen Kunsthandwerk, Manufakturen können besichtigt werden. Es gibt einen Friseurladen, der offensichtlich von einem Deutschen gegründet wurde, jedenfalls heißt er: „Herr Katt“.

„An der Idee der Freien Republik haben viele Menschen ordentlich Geld verdient“, sagt Chepaitis. „Also eigentlich alle außer mir.“ Die Wohnungspreise sind gestiegen, sozial Schwächere wurden verdrängt. Ein Künstler, der heute nach Uzupis ziehen will, muss Geld haben. Gentrifizierung nach Lehrbuch, angestoßen durch Hausbesetzer. Chepaitis bereut die Republikausrufung trotzdem nicht. Er zeigt auf das Wasser, das neben dem Lokal langfließt. „Alles bewegt und wandelt sich. Das kann niemand aufhalten.“

Zu Sowjetzeiten wurde die Hauptstraße von Uzupis „Straße des Todes“ genannt, wegen der vielen Kriminalität. Heute ist die größte Gefahr für Touristen, dass sie zu viel Geld in Restaurants und Geschäften ausgeben.

Den ehemaligen Bürgermeister von Vilnius kennt hier jeder

Auf halber Höhe der Straße liegt der Wohnsitz von Arturas Zuokas. Das ist der ehemalige Bürgermeister, also nicht von Uzupis, sondern ganz Vilnius. Zur Abwechslung ein echter Politiker. In Vilnius muss man nur „Zuokas“ sagen und bekommt sofort kuriose Geschichten erzählt. Er wollte eine Metro bauen, doch Experten überzeugten ihn, dass Vilnius dafür zu klein sei. Er ließ hunderte orangefarbene Fahrräder im Stadtgebiet aufstellen, die jeder kostenlos, ohne Schloss und ohne Voranmeldung benutzen konnte. Zuokas vertraute auf den Gemeinsinn seiner Bürger. Nach zwei Tagen musste das Projekt eingestellt werden, alle Fahrräder waren gestohlen. Weltberühmt wurde Zuokas im Juli 2011, als er am Steuer eines Schützenpanzers einen Mercedes überrollte, um damit medienwirksam gegen rücksichtslose Falschparker zu demonstrieren. Übernächstes Jahr will der Mann litauischer Präsident werden.

Am Ufer der Vilnia liegt ein mehrstöckiger Backsteinbau aus dem 18. Jahrhundert. In ihm residiert der „Uzupis Art Incubator“. Eine Talentschmiede für bildende Künstler, Mode-Designer, Autoren und Musiker. Es gibt zwei Hallen für Ausstellungen, im Innenhof werden im Sommer Filme an die Hauswand projiziert. Der Inkubator stellt auch mehrere Wohnungen für Künstler bereit, die hier für ein halbes Jahr leben und schaffen wollen.

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