Möwenterror! Möwenkrieg! Möwenattacke!

Seite 2 von 2
Urlaub forever : Wenn die Möwe schreit, sind Sommerferien da
Möwen können 30 Jahre alt werden, manche sogar mehr.
Möwen können 30 Jahre alt werden, manche sogar mehr.Foto: imago/

In der Lausitz zum Beispiel kann man die neuen Hybriden bewundern. Im ehemaligen Braunkohlegebiet wurden Inseln in den künstlichen Seen angelegt, auf denen die Vögel brüten. Ganze Kolonien lassen sich dort beobachten, wo es vor 30 Jahren noch keine einzige Möwe gab. Und wenn einem ein Exemplar doch so bekannt vorkommt wie Christian Morgenstern, vielleicht hat man es tatsächlich schon mal gesehen. Möwen können nämlich 30 Jahre alt werden, manche sogar mehr. Allein die Jugend dauert einige Jahre, die brauchen die Kleinen. Um so schön weiß zu werden, wie man sie schätzt. Sie kommen nämlich braun oder gefleckt zur Welt.

Und was, wenn den Berliner die Sehnsucht nach Ost- und Nordsee packt? Dann empfiehlt Derk Ehlert, Wildexperte der Berliner Senatsverwaltung, einen Ausflug an die Spree: Urlaubsgefühle, mitten im Regierungsviertel. Möwen als Sommergäste gibt es dort schon länger, aber dass sie auch in der Hauptstadt brüten, das, sagt der quirlige Experte, fing erst so vor zehn Jahren an. In der Nähe des Wassers suchen sie sich Inseln, Inseln im Häusermeer. Vorzugsweise auf Flachdächern, wo ihnen keine Antennen mehr im Weg stehen, auf dem Kanzleramt zum Beispiel, gründen die Tiere ihre Familien. Da kommen Füchse und Waschbären und wer ihnen sonst so feindlich gesinnt ist – laut Ehlert „alles, was laufen kann und Eier isst“ – nicht mehr hoch. Und Futter gibt’s in der Großstadt genug.

Einige Arten wie die Lachmöwe haben sowieso seit jeher am liebsten im Binnenland gebrütet. Statt dem Kutter folgen sie dem Pflug über den Acker: In der frisch aufgewühlten Erde lassen sich Regenwürmer leichter fangen. Die Dichte in den Städten ist ziemlich neu. Gründe finden sich genug, die Industrialisierung der Landwirtschaft, die Insekten und Würmern schlecht bekommt, Überfischung, Klimaveränderung oder das Schließen der offenen Müllhalden 2005. Wieder eine wichtige Nahrungsquelle weniger.

Wehe, sie kommen Feriengäste zu nahe

Eigentlich waren Fische mal ihre Lieblingsspeise. Nur können Möwen zwar gut schwimmen, aber schlecht tauchen; deswegen schmarotzen sie so gern. Doch Beifang, bisher gefundenes Fressen für sie, darf nicht mehr einfach über Bord geworfen werden. Und es kommen weniger Kutter in die Häfen; ein Großteil des Geschäfts, erklärt Derk Ehlert, wird von riesigen Schiffen auf hoher See abgewickelt. So weit raus fliegt nur die Helgoländer Dreizehenmöwe. Die anderen bleiben lieber in Ufernähe.

Immer häufiger werden Möwen allerdings weniger geliebt als gefürchtet und gehasst, müssen sich mit den Tauben den Titel „Ratten der Lüfte“ teilen. Auf Souvenirs und Postkarten haben Feriengäste sie gern. Aber wehe, die echten Tiere kommen ihnen zu nahe. Dann liest man in der Zeitung Überschriften, als würde Hitchcock persönlich in die Tasten hauen: Möwenterror! Möwenkrieg! Möwenattacke! Kannibalen!

Geschrei, noch lauter als das der angeklagten „Seekrähen“. Dabei ist der Mensch doch selbst schuld, wenn die Wildtiere ihm Fischbrötchen und Eis aus der Hand reißen. Warum hat er sie denn gefüttert?! Kein Wunder, dass diese ihre Scheu verloren, sich daran gewöhnt haben, versorgt zu werden. Die Dreistigkeit wurde ihnen antrainiert. „Feed us, not the seagulls“, kann man auf Abfalleimern an der britischen Küste lesen. Wer jetzt an Nord- oder Ostsee fährt, sollte sich in Acht nehmen. Einmal Möwenfüttern kann 20, 30 Euro kosten. Wiederholungstäter müssen ein paar Tausend zahlen.

„Möwen und Menschen können alles“

Die Vögel sind nun mal gierig, ja, habgierig, neiden selbst eigenen Artgenossen den Fraß. Opportunisten nennt Biologe Ronald Klein sie, „die nehmen, was sie kriegen können“. Auch Müll oder, wenn’s sein muss, Haribokonfekt: Ommo Hüppop von der Vogelwarte Helgoland hat schon mal ein Tier in einen Laden spazieren sehen, das sich eine Tüte schnappte. Nicht weil es ein Süßschnabel war. Wobei es durchaus individuelle kulinarische Vorlieben gibt. Sondern weil die Vögel alles fressen. Wenn die eine Nahrungsquelle versiegt, suchen sie sich halt eine andere.

Was die Anpassungsfähigkeit angeht, sind sie so clever wie der Mensch, mit dem sie ohnehin einige Ähnlichkeit haben. Allroundgenies nennt Hüppop sie beide. „Möwen und Menschen können alles. Aber nichts so spitzenmäßig gut.“

An ihrer Intelligenz zweifeln selbst die Feinde nicht. So kann die Möwe Süß- und Meerwasser trinken; das Salz scheidet sie durch eine Drüse wieder aus. Oder Regenwürmer austricksen. Indem sie in der Gruppe so laut mit den Füßen stampft, dass die armen Würmer glauben, es regne über der Erde. Überhaupt treten die Tiere selten allein auf, ausgeprägte Individualisten wie die Möwe Jonathan gibt’s kaum in der Wirklichkeit. Wobei die Kolonien mehr Zweckbündnis als Freundschaftskreis sind. Möwen pflegen einen ruppigen Umgang miteinander.

Eigentlich sollten sich also alle so freuen wie der Knirps im Binnenland, wenn sie eine Möwe sehen. Es gibt nämlich gar nicht so viele. Und Ronald Klein aus Rostock würde am liebsten jeden Urlauber zum Möwenforscher machen. Sobald man einen Vogel mit Ring am Fuß sieht, rät der Zoologe mit Möwen-Promotion, die Nummer aufzuschreiben und der nächsten Vogelwarte zu melden. Und wenn man die Zahl nicht lesen kann? Da kannte der alte Brehm einen Trick. Um die Tiere anzulocken, schmiss er einfach ein weißes Taschentuch in die Luft. Futterneidisch, wie sie sind, halten die Vögel das für einen der ihren, der sich auf eine Beute stürzt. Also schmeißen sie sich hinterher.